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Mitten ins Herz
artikel [ Kultur ]
Die beglückende schwache Stunde eines Musikanten

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von [Delagiarmata ]

2004-06-11  |     | 



Verdammt noch mal! Diese Gänsehaut! Ich komme nicht mehr los davon. Musik stapelt sich meterhoch in meinem CD-Ständer. Quer durch die Klassik, Moderne, Jazz und Volksmusik (rumänische & deutsche) ist von allem zur Genüge vorhanden, ganz zu schweigen von den unüberschaubaren Radioangeboten. Doch diese Gänsehaut, sie kommt immer von der einen Scheibe, nimmt vollkommen Besitz von mir und lässt selbst die Irreversibilität zu einem wirkungslosen Zeitattribut verkommen.

„Mitten ins Herz“, so der Titel dieser Compact Disc, und sie trifft und trifft, wie oft ich sie auch auflege. Warum nur, warum? Ach komm, mach dir nichts vor! Du weißt es doch, also warum nicht gleich zugeben? Böhmische Blasmusik ist und bleibt für mich das Schönste, was Menschen je an Melodien und Harmonien der Welt geschenkt haben. Wer will mir widersprechen? Alle? Wie könnte mich das beeindrucken, wo doch schon der fünfte Titel dieser Scheibe läuft.

„Gruß an die Heimat“, eine getragene melodieselige Polka, komponiert von Helmut Kassner. Ich schließe die Augen. Was scher ich mich noch um diese Welt? Aus dem einst österreich-ungarisch angefärbten „sz“ wurde ein deutsches „Doppel-s“. Ich bin längst hinüber, in jene nachösterreichische und vordeutsche Zeit. Wer nach ihr suchen will, möge es aufgeben. Sie hat nie existiert. Ist nur in meinem Herzen und Hirn völlig idealisiert, von jeder (gewesenen) Realität entkernt, vorhanden. Wir fahren durch die Dörfer der Banater Heide & Hecke und spielen Blasmusik, böhmische Blasmusik, Egerländer Blasmusik. Längst böhmische Dörfer in der Banater Heide, hergerichtet für die Kirchweihfeste, weitab jeder kommunistischen Alltagswirklichkeit, füllen unsere Wochenenden aus. Unser Leben besteht aus Musik, Musik, Musik. Dazwischen liegen Wochen des real existierenden Sozialismus, die mit der Vorfreude auf das nächste Dorffest flugs vorbeirauschen. Helmut Kassner ist ein junger Musiklyzeaner, der jüngere Sprössling seines ehrgeizigen und von der Natur mit außergewöhnlich viel Musiktalent ausgestatteten Kapellmeistervaters. Sie ist da, wieder da, diese Zeit, nur meiner Wahrnehmung eigen. Betörende Flügelhornklänge sind schuld daran.

Die Scheibe dreht sich unermüdlich und raut mir die Haut. Darunter droht die Vergangenheit aus den Fugen zu geraten. „Erinnerungen an Zuhause“ erklingen. 3:02 Minuten. Ein fantastischer Bruchteil eines Augenblicks. Wie unbeholfen kommt die Zeit mir plötzlich vor, ängstlich, ja feige, immer auf der Flucht. Warum?! Na weil ich dieses „Zuhause“ kenne. Johann Kaszner ist sein Komponist, der ältere der zwei Kapellmeisterbrüder und namentlich dem Mitgebrachten vielleicht noch inniger verhaftet. Du warst in den jungen, noch so losen Jahren unserer Ehe mehr dort als zu Hause, wirft meine Frau mir manchmal heute noch in gut gespieltem Todernst vor. Und sie meint das Haus in der Jahrmarkter Hinteren Reihe mit dem geräumigen Probezimmer und seinen langen Tischen und Bänken im einseitig offenen Rechteck aufgestellt. Die „Kerweihbilder“ hängen an der Wand. Ich bin auch jetzt dort und diese samtweichen Tenorhornträumereien bescheren mir Glücksgefühle auserlesendster Güte. Sollte jetzt jemand behaupten, das wäre geschwollene Schwärmerei, so möge er sich sagen lassen, dass er keine Ahnung von bewusst am Leben erhaltener Nostalgie hat.

Ich halte das Deckblatt der CD in der Hand. Es sind natürlich nicht nur die Tondichter, in deren Schuld ich für diesen genüsslichen Gegenwartsausstieg stehe. Es sind in gleichem Maße auch die Musiker die dieses Tonkunstwerk geschaffen haben. Ich erkenne neben den Kassner-Kaszner-Brüdern auch den Flügelhornisten und Trompeter Franz Tröster und erinnere mich an den letzten Cântarea-României-Auftritt der Kaszner-Kapelle in Klausenburg/Cluj Napoca. Die Jahrmarkter Kapellmeistersöhne hatten längst auf abenteuerliche Weise das Weite gesucht. Tröster stammt aus dem kleinen aber sehr musikantenreichen Dorf ohne Bahnanbindung Deutschbentschek/Bencecu de Sus, studierte am Dima-Konservatorium und setzte sich an unser verwaistes erstes Flügelhornpult. Franz Tröster und Helmut Kassner meistern heute bei den „Egerländer Musikanten“ die anspruchsvollsten Partien mit Bravour.

Das schönste Haus ist ohne ein tragfähiges Fundament sein Geld nicht wert. Der fundamentale Hintergrund im Tuba-Sound verleiht auch dieser Egerländer-Produktion den ernsthaften Tiefengang, der dieser Musik schon unter Ernst Mosch einen wohlverdienten Platz im Bläserolymp gesichert hat. Und ich sehe Oswald Windrich, ein respektierter und beliebter Leistungsträger der besten Blaskapelle der Welt. Kann Gestern schon so weit zurückliegen. Ossy, das war in Jahrmarkt/Giarmata ein Synonym für die Frage „Wo geht denn der Hellikon mit dem kleinen Mann hin?“ und später stets ein Exempel für aufrichtige Kameradschaft und Hilfsbereitschaft. So weit ich mich erinnere, war ihm die so vielen Musikanten eigene Launenhaftigkeit völlig fremd.

Der Gesang gehört zur böhmischen Blasmusik wie ein heller Mond zu einer schönen Sommernacht. Die kurzen, unphilosophischen aber umso lebensgebundeneren Texte verstärken das Gefühl der Zeitstagnation und tragen zum Wiederbeleben von tief in so manchen Menschen versteckten, vergrabenen, verirrten, verschollenen und im Unterbewusstsein lange, lange vermissten Gefühlen bei. Die Sängerstimme auf dieser CD ist angenehm verraucht, ja, so wie ich sie von Hans Kaszner für mein Lebtag in Erinnerung behalten werde. Der bläst hier aber die Posaune und die Stimme gehört Nick Loris. Ja, ja, da war doch was, vor mehr als dreißig Jahren in Jahrmarkt, etwas, das gemeinhin als Musikantenkrieg in die Dorfgeschichte (mehr als die ist von den damaligen Verhältnissen eh nicht geblieben) eingegangen ist. Ein Loris, nicht der Kapellmeister von damals, aber ein Schüler von ihm und zweifellos einer seiner besten und bis heute erfolgreichsten, hat diese Scheibe besungen. Wenn ich „durchs Lothringe“ vom Pendlerzug nach Hause ging, hörte ich ihn oft auf der Trompete üben. Und was dachte ich mir schon damals? Da wächst mal wieder ein guter Konkurrent heran. Ich sollte Recht behalten und mein damaliger Neid - es herrschte eben Kriegszustand – hat sich längst in aufrichtige Anerkennung und Sympathie verwandelt. Tja, wenn ich mir die Polka „Wenn der Tag zu Ende geht“ zum tausendsten Mal anhöre dann bin ich mir verdammt nicht sicher, ob da nicht ein Loris und ein Kaszner vor den Mikrofonen standen.

Wenn Loris’ Partnerin Katharina Praher (ein Glücksfall für diesen Klangkörper) singt „Mitten ins Herz und unter die Haut dringt diese Musik wie Freude und Schmerz“, dann sind weiß Gott auch Wunschgedanken wie der obige – selbst wenn er in einer Verdächtigung daherkommt – erlaubt. Und da Euphorie schon mal angesagt ist, sei mir gestattet, sie auch voll auszukosten, zumal ich mich selbst dafür auch nicht verantwortlich fühle. Schuld an dieser Stimmung tragen einzig und allein „Ernst Hutter und die Egerländer Musikanten“.

Auf dem Weg zurück in die Wirklichkeit bleibt mir nach dem Auslaufen der Egerländer-Scheibe nicht mehr übrig, als meine sprachliche Ohnmacht vor der Erhabenheit der Musik zum wiederholten Male zu registrieren. Doch will ich gerade jetzt – es geht schon gegen drei Uhr früh - darob nicht verzweifeln, denn die erlebte Freude, war eine bereits vorweggenommene Entschädigung für jedes empfundene Unvermögen, das Gehörte mittels Worten nachvollziehbar zu machen.

Ernst Hutter & Die Egerländer Musikanten: Mitten ins Herz; CD 06024 9809869; KOCH UNIVERSAL, a Division of Universal Music GmbH, 2003

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