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Zwiebelhaft brennend, aber auch erlösend und letztendlich befreiend
artikel [ Debatten ]
Kolumne 36

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von [Delagiarmata ]

2006-09-07  |     | 



Das Grassfieber ist abgeklungen und der deutsche Nobelpreisträger hat sogar schon seinen ersten Leseauftritt ohne erkennbare physische oder psychische Schäden absolviert. Geblieben ist mir die FAZ-Beilage auf weißem, der Unschuldsfarbe Glanzpapier. Nur beim Häuten der Zwiebel hat sich das Brennen der Erinnerung auch meiner bemächtigt. Die waren ja plötzlich alle hellwach im deutschen Feuilleton und sogar meine achtzigjährige Tante hat mit mir über 250 km Distanz eine volle Stunde diskutiert, kontrovers, wohlgemerkt, wie es sich für eine streitbare, voll ins Tagesgeschehen der Republik eingebundene Seniorin gehört, und auch Frau Bundeskanzlerin war in der Bild mit einem Statement vertreten. Da wird er sich gefreut haben, unser Seniorliterat erster Sahnegüte, besonders weil es zu Aufregungen gar keinen Anlass gab und sich trotzdem die meisten aufregten oder es zumindest so taten. Hypeevents entwickeln nun mal eine gewisse Eigendynamik. Ich hatte mit der Aufregung allerdings so meine Probleme. Sie wollte und wollte sich einfach nicht einstellen. Warum sollte sie auch? Weil ein gescheiter Mann und seine Berater den besten PR-Gag des Literaturbetriebs gelandet hatten? Natürlich kommt da Neid auf, auch bei mir. Circa 200.000 verkaufte gehäutete Zwiebel in einer Woche. Das übersteigt doch so manche Vorstellungskraft und lässt Augenpaare tränen. Aber, bei etwas Objektivität dürfte der Lesegenuss auch bei den Erzürntesten nicht zu kurz kommen, SS hin oder her.

Auch wenn das Geschilderte Schlimmes eher erahnen, als erkennen lässt – der Onkel und die kaschubischen Verwandten sind einfach nur ausgeblieben. Ob ihnen was ganz Böses zugestoßen ist? Der Leser darf nachdenken. Dieses Angebot wird ihm auch weiterhin immer wieder unterbreitet.

Er darf sich zum Beispiel in bestem Feuilletonstil über Grass’ Bemühen um die eigene unschuldige Schuld Gedanken machen, wo es da heißt: „ Selbst wenn mir tätige Mitschuld auszureden war, blieb ein bis heute nicht abgetragener Rest, der allzu geläufig Mitverantwortung genannt wird. Damit zu leben ist für die restlichen Jahre gewiß.“ Und er darf sich über die Sprache des Nobelpreisträgers freuen, denn es gilt schließlich und endlich auch, sogar abgedroschene Landsergeschichten literaturtauglich aus der Versenkung hervorzuholen: „Weil dürres Geäst überlaut knackte, wollte der übriggebliebene Panzerschütze nicht mehr, wie geübt, auf Ellbogen voranrobben. Er stellte sich tot, als könne er so dem Fortgang der Geschichte entkommen, obgleich er mit seiner italienischen Maschinenpistole und Munition in zwei Magazinen als weiterhin kampffähig gelten konnte.“ Aber man darf sich auch fragen, ob Wortschöpfungen wie „werweißwann“ oder „weißnichtwarum“ unbedingt nötig sind, um einer Autobiographie, denn das bleibt dieses Buch bei allem Hin und Her, den Anstrich eines gehobenen literarischen Anspruchs zu verpassen. Wer weiß, vielleicht sind solche Einwürfe Hommagen an Zunftbrüder, etwa an Arno Schmidt, der solche zusammengeschweißte Wörter schon mal einsetzte.

Der Nobelpreisträger Grass. Wer ist das? Auch nicht mehr als ein menschliches Wesen wie du und ich; nur das er einiges, ja fast alles, was Leben so ausmacht, besser schildern kann als unsereins. Zum Beispiel, Pubertät in Kriegszeiten klingt bei Grass sogar drollig. Da ist nichts von einem quälenden, ja, ängstlichen Suchen zu spüren. Das ist sprühende Lebensfreude in extremen Existenzsituationen: „Und auch mir schien er (der Führer, A.d.V.) nicht zu fehlen, denn seine oft beschworene und nie bezweifelte Größe verflüchtigte sich unter den Händen immer eiliger Krankenschwestern, deren Finger zwar nur meinen linken Arm in Besitz nahmen, mir aber in jedem Glied spürbar wurden.“ Ob das damals allerdings gefühlsmäßig auch so gut anfühlbar war, wie es heute nachvollziehbar ist... Also es muss präzisiert werden: Günter Grass will uns nichts für bare Münze verkaufen. Es war wahrscheinlich so oder so ähnlich. „Das Gedächtnis beruft sich gerne auf Lücken. Was haften bleibt, tritt ungerufen, mit wechselnden Namen auf, liebt die Verkleidung. Auch gibt die Erinnerung oftmals nur vage und beliebig deutbare Auskunft. Sie siebt mal grob-, mal feinmaschig. Gefühle, Gedankenkrümel fallen wortwörtlich durch.

Aber den Weg in die Freiheit vergisst man nie. Das bezeugt mir das älteste Mitglied unseres Blasorchesters immer wieder. Seinen Weg aus dem Gefangenenlager „in der Oberpfalz nahe der tschechischen Grenze“ nach Hause, in die Freiheit, nach Ingolstadt hat er mir schon öfter geschildert und ich wurde nie des Fragens müde. Und jetzt erst recht nicht: Sollten Xaver und Günter und Joseph, also unser ältestes Orchestermitglied und der Nobelpreisträger und der Papst sich vielleicht begegnet sein? Da braucht man gar keine grassschen Geschichtsrückkopplungen in grimmelshausenartige Zeiten. Das liegt ja noch alles greifbar nahe, die Zeiten mit Xaver und Günter und Joseph. Nichts fällt da leichter als Assoziationen eine Chance zu geben. Was hat sich nicht schon alles aus dem Chaos geschält, zwiebelhaft brennend, aber auch erlösend und letztendlich befreiend.

Je mehr Grass sich aus der Zeit der namenlosen Weggefährten wegschält und sich auf den Weg in den Kulturbetrieb begibt, umso konkreter werden die Gestalten: die Bachmann, und der Celan, und der Böll, und der Eich, und der Koeppen, und der Schmidt, und vor allem der „andere König Drosselbart“ Hans Werner Richter. Grass schreibt nicht aus dieser Welt. Das kann er ja auch gar nicht. Er muss ja weiter häuten, also von außen nach innen. Ob das bloß ein schriftstellerisch-technischer Handwerksablauf ist, um ein in Autobiographien meist inflationäres Ich zu umgehen, oder ob es eine Danksagung an das eigene „Märchen“, wie er sein Leben nennt, sein soll, müsste bei Grass persönlich erkundet werden. Fakt ist, dass des Schriftstellers Umgang mit sich selbst in der dritten Person seinem Text die Strenge einer biographischen Gliederung nimmt. Das Vor und Zurück sowie das bewusste Vermeiden jeglichen Tagebuchaufbaus deutet aber auch auf ein einem Nobelpreisträger angemessenes Selbstbewusstsein hin. Man wird den Eindruck nicht los, dass der Autobiograph beim Leser die Kenntnis seiner Vitadaten einfach voraussetzt.

Ungeachtet all jener, die von der Flakhelfergeneration nichts mehr hören wollen, aber auch all jener, die nichts mehr wissen wollen von denen, die von der Flakhelfergeneration nichts mehr hören wollen, und trotz der Schadenfreude eines DIE WELT-Journalisten ob des ausgebliebenen Verkaufsschlagers dieser Grass-Ausgabe der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, verlangt dieser Vorabdruck aus „Beim Häuten der Zwiebel“ nach mehr. Gemessen an den Bestsellerlisten der letzten Wochen, scheint man dem gezwiebelten PR-Gag guten Gewissens auf den Leim gehen zu können.

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