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Bei der Granatapfelernte in Rahova – 44
prosa [ ]
Erinnerungsroman von Anni-Lorei Mainka [Almalo ] (1958 – 2014)
Serien: Übersetzungen

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von [Delagiarmata ]

2023-05-27  |     | 



Erdbeben, Glaube, Repartition – Teil 3

Im Gedächtnis bleiben die Priester der Kindheit groß. Ich frage, warum? Sicher von dem in die Höhe „Starren“ durch den nach auf dem Feuer vergessenen Wachs riechenden Rauch, vom Schatten des Popen*, eingehüllt in Worte und Lieder auf der Wand, die von seinen zwei Schultern gehalten zu werden schien, ihre umgekehrten Schatten im Glockengeläut … So bleiben sie die riesigen Männer der Ewigkeit, spurlos eingetaucht ins diffuse Licht der Kirchenfenster.

Die Schatten der Kindheit verkleinern sich nicht, sondern wachsen. Ja, so hoch „im Himmel“ scheinen in Kinderaugen die Priester zu sein, sie, die im Nebel sprachen, oben, zu weit oben, in viel zu großen Worten für unsere vom Seilspringen müden Geister; und wenn du sie wiedersiehst, sind sie klein, zusammengesunkene Männer, in der Realität viel zu klein mit ihrem aparten Zoom.

Zwischen Pelargonien, denen man in Pitești auf Schritt und Tritt begegnet, sollte ich den Priester Ambrosi wiedersehen, es war 1981. Derselbe, der mich getauft, konfirmiert hat, der stundenlang von Religion erzählte, uns anhand des Filmes „Love Story“ den Unterschied zwischen Zuneigung und Liebe erläuterte und mit Schamröte im Gesicht sagte, wir könnten wann immer mit jeder Frage zu ihm kommen. Nach dem Erdbeben bebte meine Seele ausgiebig. Auch meine Kraft, ihm Ratschläge zu verlangen, war abgeschwächt. Ich entdeckte ihn mit seinem ruhigen Gang in den Alleen des Cișmigiu. Jener Mann, der uns jahrelang in die Seele des Glaubens einführte, ging allein spazieren, ohne dass man aus seiner Schulterhaltung schließen konnte, ob er Gott gefunden hat oder mit den Gespenstern der Gegenwart redet.

Pfarrer Ambrosi kam aus der Lutherischen Kirche in Bukarest und feierte einmal im Monat den Sonntagsgottesdienst in Pitești, wohin ich als Deutsch- und Englischprofessorin repartiert war. In dieser Stadt war die deutsche Gemeinschaft im Auflösen begriffen. Zum Ende des 19. Jahrhunderts erfreute sie sich wohlhabender Familien, die in dieser Ebene wegen der Ruhe und dem Klima geblieben waren, denn hier fühlten sich von der Feuchtigkeit des Reinufers beeinträchtigte Menschen viel besser.

Die Familie Blücher zum Beispiel hat sich in Pitești akklimatisiert und ist endgültig geblieben. Das Haus im Tal der Stadt sollte eine Kerzengießerei mit großen Türen in deutschem Stil werden, mit weltbekannten Gästen, ein Haus mit Vorhalle und Säulenterrasse; bis die Gegenwart es sich anders überlegen sollte, Es ist nicht gut, den Raum mit Blick zum Himmel zu vergeuden. Sie haben die Holzterrasse abgerissen und an ihrer statt nichts hingebaut. Das Nichts kann niemand stören.

Der erste Fotograf Piteștis in den 30er - 40er Jahren war auch mit den strengen Regeln der deutschen Schule vertraut. Und auch das dank jener Blüchers, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts dort niedergelassen hatten, ohne dass die Stadt sie besonders beachtete. Diese kleine Gemeinschaft „wirklicher Deutscher“ traf sich sonntags regelmäßig in der Kirche, bis zu ihrem Verschwinden. Ich erinnere mich, wie du mir gesagt hast: „Das ‚Wasʻ verschwindet unter der Geschichtsegge.“ Jetzt verstehe ich, wo das Leben Geschichte wurde und ich nur noch weiß, „wie es war“, das auslösende „Warum“ dabei vergessend.

Aber was sagst du, Liebling, zu den Geschichten, die noch kommen?

Pfarrer Ambrosi kam noch einige Male nach Pitești, hielt seine Messen in kleinlauten Worten, ohne jemand zu beachten, während die alten Frauen die Unfähigkeit der deutschen Traditionen im Schoße der „rumänischen Rohheit“ beklagten. Er tastete in der Sonntagseile herum, ach ja, er musste zurück in die Hauptstadt, wo andere Sachsen auf ihn warteten, war er doch einer der letzten Priester, der uns wie im Trans durch die letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts begleitete.

Groß war die Lücke für die Piteștier Frauen, die an die deutsche Predigt und Lavendel aus Paris gewöhnt waren, einige Generationen von Luises und Magdalenas oder Henriettes, als sie diese Welt in leisem, rumänischem Gemurmel verlassen mussten. Schnell waren der Fotograf mit seinem deutschen Stil und die lutherischen Predigten vergessen, und die Fräuleins mit den Venedig-Schirmen spazierten nur noch durch die Träume Einiger, die sie in der Kindheit gesehen hatten. Das Träumen war im von den Hügeln beschatteten Tal nicht verboten. Aber die meisten träumten vom endgültigen Weggehen. Wenige sind mit sich im Klaren oder wissen: Die armen Mahlzeiten der Kindheit haben den aparten Geschmack des Nebels und der Zeit, und das Salz ist salziger und die Paprika ist roter.

So auch die Gemeinschaft, die freiwillig geblieben war und dann nach einem Jahrhundert verschwand, die zwischen Traum und Realität gelebt hat, mit Sonntagen, deren Rhythmus von Wörtern zwischen großen Bucheinbänden von dem weißhaarigen Priester bestimmt waren, und von dem Mittagmahl um fix 12 an den langen Tischen, die alle Kriege überstanden hatten.

Ja, nach der Heimkehr aus der Kirche kam das Essbesteck aus Silber auf den Tisch, zweimal im Jahr von einer Veta lustriert, die stolz war, bei den Deutschen in der Stadt lustrieren und auskehren zu können und nicht nur mit den schwachen Kühen durch den Wald zu ziehen.

Derjenige, der Pfarrer Ambrosi war, ist aus dem Leben der Gemeinschaft verschwunden, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, geschweige denn einen Nachfolger. Er ist auch aus seinem Leben verschwunden, ohne die von seinen Vorfahren hinterlassene Spur, in Siebenbürgen Besitzer von Weinbergen, unbeugsame Gläubige und unbeeindruckt von den Mächtigen der Zeit. Er, dem es gelang die Pfarrkinder mit seinem entschlossenen Schritt, mit reinen Worten und kunstvoller Schrift zu überzeugen, verlor zuerst sich und dann uns, die sich ohne Priester in Pitești jeder in seinem Sonntag versteckten.

Hier habe ich erfahren, wie anders das Leben paar Kilometer entfernt von Bukarest sein kann, wie ausgedehnt und flach die walachische Ebene ist und wie sehr der Mensch sich mit den örtlichen Gegebenheiten identifiziert. Ohne dass wir es wissen, formt der Ort das Gehen, die Art und Weise „den Mund aufzureißen“, sagte Mutter. Ja, und darin sind wir verschieden, die Leute des Südens und jene des Nordens … Ich will nicht wiederholen, was man von den Regatlern* erzählt, wenn der Westen des Landes zu erklären versucht, woher das viele Licht in den Straßen Temeswars kommt und von wo die Eile und der Stress in jenen Bukarests. Der Horizont hat keine Schuld, aber wenn kein anderer Sündenbock mehr in der Nähe ist, muss er als Blitzableiter herhalten. So hat man geschlussfolgert, dass dieser zusammengeschrumpfte Horizont des Regats schuld war, denn die Menschen aus dem Süden des Landkreises Argeș schlugen sich nicht besonders gut durchs Leben und nur wenige kamen weiter, nach der Meinung der Siebenbürger.

Nicht die Städter oder die aus der Hauptstadt verwirrten die Schüler aus diesen Dörfern, sondern oft die Professoren, Nachbarn, oder sogar die Eltern hielten sie zurück, in Misere und Armut, ein Leben lang blockiert in den schmalen und unwirtlichen Straßen.

Meine Stelle hatte ich nicht direkt in der Stadt, sondern etwas weiter im Süden des Landkreises. Wenn ich den Namen der Ortschaft erwähnte staunten alle: "Wie, also die Gemeinde Ungheni, du hattest ein gutes Zeugnis und bist an der Grenze zur Moldau gelandet?"
"Nein, im Landkreis Argeș." Ich habe jedem die Route vom Nordbahnhof bis in den Busbahnhof Pitești beschrieben. Immer und immer wieder. Alle wussten von Ungheni am Ende des Landes, irgendwo im Nebel des Nordens, wo es anscheinend kein Menschenleben gab, nach der Art wie sie mich entsetzt ansahen, mich ob meiner Professorinstelle* bemitleidend.

Niemand wusste etwas von Ungheni in Argeș, eine große und breite Gemeinde, mit einem Bahnhof und einem Bus, der durch öde und verstaubte Felder kroch. Nur von Costești hat man über die Landesgrenze hinaus gehört. Und das nur, weil dort ein großes Feuer in der Kirche wütete und die Gläubigen dazu veranlasste, immer wieder von dem Unglück zu erzählen. Das führte dazu, dass man auch nach Jahren hörte: „Costești, ah, dort wo die Kirche abgebrannt ist.“ Die Gemeinde Ungheni liegt auch heute circa 30 km von Pitești* entfernt, nach Costești, nach Buzoiești und Ionești, Găujani und dann Humele. Es ist eine Gemeinde, die von ihren Menschen geliebt und gleichzeitig verleugnet wird, sie wollen sich nicht mit ihr versöhnen, niemand will lebenslänglich dort bleiben, viele leben mit der Sehnsucht, irgendwann wegzulaufen, und die anderen bleiben, weil sie nicht haben wohin. Damals war es eine Gemeinde*, die keine Zeit gefunden hatte, ihre Straßen in einigen Dörfern zu taufen, vielleicht haben sie diese mittlerweile gepflastert. In den 80er Jahren war die einzige begehbare Straße, ohne dass du in klebrigem und gelbem Morast versunken bist, die Landstraße. Alles schien dazu verurteilt zu sein, irgendwann beschmutzt und langsam aber sicher mit Staub überzogen zu werden, mit Dreck und bösen Worten. Die Menschen waren schwach, traurig, ausgezehrt, reserviert gegenüber Fremden.

Damals startete IRTA* in Pitești hinter der Straße Târgul din Vale in alle Richtungen des Landkreises, aber nicht jeder hatte in jenen Zeiten das Recht einzusteigen. Die Inhaber eines Bukarester Personalausweises, wurden gebeten, ihn zurückzugeben, wenn sie in der Zone arbeiteten. Also ich musste meinen Personalausweis abgeben und dort einen festen Wohnsitz nehmen. Die täglichen Auseinandersetzungen mit dem Milizmann im Bahnhof waren nutzlos, lange und absurd.

„Du wirst ihn mir schon geben, wirst sehen“, lachte der Milizmann appetitlich, ein Junge aus den Bergen, dem man einen ganzen Busbahnhof anvertraut hatte. Er sagte das nicht aus Bosheit oder gar Hass, das Versteckspiel schien im Spaß zu bereiten, eine Art „gib mir den Personalausweis, ich gebe ihn dir nicht“. Manchmal musste ich aus dem Bus steigen und er brachte mich zum Sitz der Miliz, wo er mir erzählte, wie gut es in Sibiu sei. Er war mit jedem per du und begeistert, wenn ein Offizier vorbeiging und er, der Siebenbürger, seine Mütze abnehmen und schwenken konnte.
„Warum kehrst du nicht dorthin zurück?“
„Vater hatte nicht genug Gasflaschen, um mich dort an einem Bahnhof unterzubringen.“
„Gefällt es dir hier?“
„Ja, es ist lustig, die Menschen reden anders als bei uns, dieser Geruch im Busbahnhof ist sehr unangenehm, bei uns ist es nicht so, aber jetzt ist es auch in Sibiu ziemlich dunkel und die Toiletten, eh, sie stinken auch … aber ich unterhalte mich gerne.“
„Ich gebe dir meinen Personalausweis nicht, ich will nicht endgültig bleiben.“
„Du musst ihn mir geben. Wenn der Chef kommt, was wird der sagen?“
„Sagst, du hast mich nicht gesehen.“
„Aber er weiß es, du bist hier und ich habe Probleme, gut, dann sagen wir, dass du auch mir Nechezol* gebracht hast; gut?“
„Gut, bring ich dir.“
„Und eine Ansichtskarte aus Bukarest. Ich war noch nie dort.“
„Gut, bring ich dir.“

Er hatte auch Tage, an denen er dastand und sich mit seinem langen Nagel des kleinen Fingers im Ohr kratzte, während er durch uns schaute. Als ich ihn fragte, warum er diesen langen Fingernagel habe, sagte er mir, dass es eine Mode aus dem Regat sei, in Sibiu habe er niemand mit einem langen Nagel am kleinen Finger gesehen, aber ihm gefalle es.

„Vielleicht aus Freude, aber ohne Fertigkeit, oder sinnvoll benutzen wir die Symbole anderer?“, fragte ich ihn.

Ich glaube, meine Frage hat ihn so erschreckt, dass er mir nie mehr den Personalausweis verlangt hat, und wenn er mich sah, schaute er auf seinen Fingernagel mit dem Blick eines neugierigen Forschers in ein unsichtbares Mikroskop. Wenn ich ihn sah, stieg ich schnell ein und versteckte mich zwischen den wenigen Fahrgästen, die morgens aufs Land fuhren, meistens pendelnde Professorinnen, Jugendliche auf einer Tagesfahrt zu ihren Eltern, oder verstreut auf dem Land tätige Angestellte, alle mit den Händen voller Brot aus Bukarest oder tropfenden Tüten mit unter der Hand erworbenem Käse.

Nur an den Tagen ohne Joni, wie sich der Milizmann aus Sibiu nannte, herrschte im Bus eine Stille mit Geruch nach trockenem Fisch, von oben bis unten verbreitetem Schimmel, der anscheinend sogar Glas durchdrang, was soll ich sagen, eine in Staub gehüllte Stille, eine Stille, die dir sogar den Blick nach draußen durch die mit feuchtem Lehm verschmierten Fenster verwehrte, die sich wie eine Glocke über alles in diesem „lebensmittelkarteerprobten“ Argeș legte. Der Landkreis Argeș war in den 80er Jahren der einzige, der das Leben „auf Lebensmittelkarten“ ausprobierte.

Ich habe einige dieser Lebensmittelmarken zu Freunden in den Westen geschickt, die sich über unsere kurzen und dunkeln Geschichten – und das nicht nur wegen Stromausfall – wunderten. Kein einziger Briefumschlag ist bei ihnen angekommen. Oder sie konnten nichts mit diesen Billetts anfangen, „1 l Milch“, „200 gr. Brot“, … und warfen sie in den Papierkorb. Und wenn du bedenkst, dass die 1981 in Pitești Geborenen die Milch in der Apotheke auf Rezept bekamen!

Wahrscheinlich können die außerhalb dieser Welt Stehenden das nicht begreifen, wahrscheinlich …

[aus dem Rumänischen von Anton Potche]


*Worterklärungen
- Pope (rum.: popă) = Pfaffe, orthodoxer Priester
- Regatler (rum.: regățeni) = Bewohner des Rumänischen Regats (Ein Regat ist eine konstitutionelle Monarchie, eine Staatsform die in Rumänien von 1881 bis 1937 und von 1944 bis 1947 existierte.)
- Professorinstelle = Lehrerinstelle (In Rumänien sind alle Lehrkräfte, die ab der 5. Klasse unterrichten Professoren / Professorinnen)
- Pitești = „ș“ liest man „sch“, das „i“ wird nicht gelesen; Pitești = Pitescht (Das gilt auch für die anderen Ortsnamen.)
- Gemeinde = eine Verwaltungseinheit zu der in der Regel noch ein oder mehrere Dörfer gehören. Das ist auch heute noch so in Rumänien.
- IRTA (Intreprinderea Regională de Transport Auto) = landesweit agierendes Personentransport-Unternehmen in Rumänien zur Zeit des Kommunismus
- Nechezol (in manchen Gegenden auch als Năut bekannt) = Wurde im kommunistischen Rumänien als Kaffeeersatz, Muckefuck, getrunken.


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