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Bei der Granatapfelernte in Rahova – 42
prosa [ ]
Erinnerungsroman von Anni-Lorei Mainka [Almalo ] (1958 – 2014)
Serien: Übersetzungen

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von [Delagiarmata ]

2023-01-13  |   

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Erdbeben, Glaube, Repartition – Teil 1

Irgendwann, nach einem Frühling voller Gerüche nach Dreck und Tod, nach dem Erdbeben, das unser Leben wie ein Kurzschluss geändert hat, am 4. März ’77, habe ich erfahren, dass die „Steinbrücke“ von der Flut „mitgenommen wurde“, und wir im realen Leben „keine noch schönere aufbauen können.“ Was in jenem Frühjahr verloren ging, konnte nicht mehr in seine Ursprungsform gebracht werden. Der Schauspieler Toma Caragiu (alte Familie aus dem Cadrilater*) ist nicht mehr in unseren Leben aufgetaucht, um uns zu sagen „wie es im Tennis ist“ oder wie man die Inschriften auf den polnischen Deodorants liest, ich habe keinen Sylvester mehr mit dem Mann verbracht, der „Eidechsen“ platzieren konnte, wo es sich gehörte, Doina Badea hat ihre unvergleichlich langen Schlager nicht mehr gesungen, der Schriftsteller Bakonsky hat nicht mehr kritisiert, es wurden in keinem Reim von Viorica Vizante (Übersetzerin, nach dem Krieg aus Czernowitz gekommene Apothekerfamilie) mehr Veden übersetzt, und Viorica Porumbacu (Schriftstellerin, Übersetzerin) hat keine Gedichte mehr in Radiosendungen gelesen. Alexandru Ivasiuc ist aus dem Schulprogramm verschwunden wie sein Roman Die Vögel. Für viele Schriftsteller war der Autor mit einigen guten Jahren Kerker und Hausarrest ein Rätsel. Nach dem Erdbeben hat sich niemand mehr mit Fragen abgegeben wie, „wieso konnte er nach Oxford reisen“. Alles geschah in ungefähr einer Minute.
Um mich nicht für ein Leben lang zu entmutigen, sagte mir Toma Caragiu bei einer Theaterprobe wenige Tage vor dem Erdbeben: „Mädchen, ich sage nicht, dass du nichts kannst, du weißt viel, die rumänische Literatur ist groß, aber sie hat zu wenige Rollen für Jungfrauen … Lass das Theater zum Teufel für andere, suche dir etwas Ernstes und vor allem Langsames, denn die Bühne, auf der du großmündig auftreten musst, ist nicht für dich. Und jetzt, Kleine, geh zu deiner Tante und erzähle ihr, was ich dir gesagt habe.“ Bis ich Mutter erzählte, was dieser Herr mit der Stimme so groß wie der Palastsaal* meinte, weinte ich bis ich im Cișmigiu* zusammenbrach. Ich verstand nicht, was genau er meinte, aber ich wusste eins, die Bühne ist nicht für mich, ich bin zu langsam, das Theater ist eine unseriöse Welt und ich wäre gut für eine Ehefrau, Mutter oder Pflegeschwester.

Mutter hat mit Appetit gelacht, als ich ihr das sagte. Ich habe es auch Vater erzählt, aber der hat den Kopf geschüttelt, sein schiefes Auge blinzelte schneller und konnte mich so fixieren. Wie auch immer, er hatte große Bedenken bezüglich des Schicksals von Schauspielerinnen.
„An der Tür eines ernsten Menschen klopft kein Schauspieler an … du machst keine Schauspielerei, nur über meine Leiche … hörst du nicht, dass du einen Sprachfehler hast? … schiefe Zähne sind nicht schön … der schwankende Gang ist nicht gut. Und es reicht aus mit den vielen rumänischen Schauspielern, man braucht nicht auch noch deutsche … wir haben kein Geld zum Hinauswerfen.“

„Wir haben kein Geld zum Hinauswerfen“, war so eine Redensart, mit der Vater jede im Ernst genommene Entscheidung beendete. Und es machte keinen Sinn, sich zu widersetzen. Als ob jemand mit Geld herumschmeißen würde, außer ein Toter überquerte die „Kreuzung“ … aber dann waren es mehr, die es aufsammelten, als jene, die es traurig auf die Welt von drüben warfen.

Ich glaube, am Bulandra-Theater wurde Der lange Weg des Tages zur Nacht gespielt, oder vielleicht erinnere ich mich nicht genau, aber ich weiß. dass im Fernseher ein bulgarischer Film, Süß und bitter, lief. Und jetzt staune ich mich, wieso sogar die Überschriften der entscheidenden Augenblicke, durch die wir in unserem Lebensfrühling gegangen sind, zusammenpassen. Es war zum ersten Mal, dass ich, gefangen von der Angst der Nacht und bei Vollmond, Gott anschrie.

Ich bin in die Kirche gegangen und saß nicht mehr wie die „Schlafmütze“ oder „Gioconda“, wie die alten Sächsinnen mich gerne nannten, während sie mich mit ihren von der vielen und schweren Arbeit speckigen Fingern in die Wangen zwickten. Wie durch den Fleischwolf rieben sie mir die Wangen und wunderten sich, dass die so fest und rot waren. „Teu Eni, det Maidscha is stumm“*, ergänzten sie, mich fixierend, nach mir spähend, so als wäre ich in mich versunken, wie in einen Brunnen. Sie reizten mich, wie wir es mit den Dackeln durch den Zaun taten, um sie zum Bellen zu veranlassen, und die Erwachsenen sich ärgerten. Ja, diese großen Menschen wollten mich zum Reden bringen, damit sie etwas zu lachen hatten in ihren in einem verzwickten Dialekt gesprochenen Kommentaren. Denn wenn ich etwas sagte, tat ich das in Deutsch oder Rumänisch, und das amüsierte sie. Sie sprachen alle Mundart, ich war so eine Art Mischling, der sonntagsmorgens frei und ungezwungen zu den „Spielen“ mitgebracht wurde. Ja, seit dem 4. März saß ich nicht mehr wie die „Schlafmütze“, ich habe laut geweint und dem einsamen, resignierten Herrgott am Altar begannen die Tränen zu fließen. Seine Güte und meine einsichtigen Worte verschmolzen ineinander.

Ich ging entschlossen zum Priester, um den Grund für das Verschwinden meiner hoffnungsvollen Kindheitswelt zu erfahren: „Warum, Herr Pfarrer, warum?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete er ohne seine glatte, engelhafte Gesichtsmine zu verziehen, und mit seinen blauen Augen ins Leere starrend, wandte er sich so brüsk von mir ab und ging von dannen, dass ich nicht fortfahren konnte.

Pfarrer Ambrosi hatte mich getauft, gab mir Religionsunterricht, wir sahen mit großer Bewunderung zu ihm auf, er war gelassen, ein schöner Mann mit harmonischen Zügen, nicht wie die, denen ich mit Angst vor der Kirche begegnete. Jetzt, wo ich mich am Beginn des Lebens verloren fühlte, jetzt, wenn ein Jugendlicher mit 18 Jahren Träume hat, voller Pläne ist, für die er sich jahrelang vorbereitet hatte … ja, gerade jetzt hat er keine einzige Antwort gehabt. Ich fühlte mich verlassen, als ich sah, dass ich nach 18 Jahren Lesen in der Bibel, Gebeten, einem Leben voller Bevormundung auf keine Frage eine Antwort bekam.

Es hat sich eine große Stille über das vom Himmel einer einzigen Nacht getroffene Bukarest gelegt. Die vom Schicksal getroffenen waren viele und trauten sich nicht einmal zu weinen, und die anderen leerten (klauten!), was sie konnten. Ein kleiner Rest, hier eine Gruppe, dort eine Gruppe standen hilflos herum. In jenem Frühling entstanden viele Einsamkeiten, Seelen, die sich nicht mehr der Kirche anvertrauten. Der Schlag kam so unerwartet, dass man ihn mit dem Exitus aus dem Paradies vergleichen konnte.

Die Friedhöfe waren von unbeholfenen Polizisten bewacht, junge Burschen aus vergessenen Regionen des Landes herbeigebracht, einige wussten gar nicht, dass sie in Bukarest sind. Du durftest nicht in die Leichenhalle, ohne Beweise, dass du du bist und jemand zu suchen hast … Die Bilder jenes Frühlings passten genau zu dem Film Süß und bitter, in dem eine Person gerade den Kristallspiegel eines Schranks zertrümmerte … als unsere Welt uns so schüttelte, dass wir ohnmächtig wurden und einige gar nicht mehr aufwachten.

Seit damals habe ich mich nicht mehr damit aufgehalten, die Motten zu zählen, die aus den Kaschmirmänteln oder anderen Fellen von seltenen Tieren krochen. Sie besorgten sie aus allen Herren Ländern, nur um sie in dieser Lutheraner-Kirche in der Lutheraner-Straße einmal wöchentlich zwischen 9 und 12 Uhr zeigen zu können. Ja, ich habe beschlossen, mich nur um das Wesentliche zu kümmern und den Herrgott in Ruhe zu lassen.

Ich hörte die ganze Zeit, aus Mutters Vorliebe für Sprichwörter und Redewendungen, dass „Gott groß ist und alles sieht und ich darum brav sein soll“. So dass ich mich vorbereitete, auch etwas zu sagen, falls er mich fragen sollte, wo er doch „immer alles sieht“. Er, Gott, hatte hunderte Seiten für uns bereit, und besonders für mich, wenn man der Großmutter glauben sollte und all diesen Frauen, die anscheinend nur lebten, um sich schwarz zu kleiden und in die Kirche zu gehen.
„Du musst genau lesen. Ja, für dich hat er geschrieben, für dich ist er gestorben, trink und iss und schweig.“
Sie war schwer zu lesen. Die aus Siebenbürgen mitgebrachte Bibel war in gotischer Schrift verfasst. Das gab ihr den Hauch einer anderen Welt, machte sie aber nicht leichter verständlich. Ich habe geschwiegen. Er hatte so viel für uns geschrieben! Aber wir schienen etwas falsch gemacht zu haben, nur so konnte das Erdbeben erklärt werden, erklärte sich die Überschwemmung, die hunderte Menschenleben kostete und hunderte Andere sich bereicherten.

Ich wachte mit dem Bedürfnis auf, ihm meine Meinung zu sagen: Es war nicht gut, was er mit vielen Alten machte, es war nicht gut, dass er hunderte Kinder genommen hat und die Mütter ohnmächtig durch die Leichenhalle wandelten. Sie schauten in die zerfetzten Gesichter und weigerten sich, ihre Kinder zu erkennen, oder, oder … „Gott macht so etwas nicht“, hörte man zwischen dem Schluchzen vor den Haufen Menschenpuppen, in Eile zusammengelegt und in dem ganz neuen Friedhof Domnești II, etwas weiter vom Ghencea-Viertel beerdigt.

Mutter machte Stollen und ich musste ihn für alle Verstorbenen aufteilen, musste ihnen zu trinken geben, zu essen, für sie beten. Statt zu lernen, um die Aufnahme in die Fakultät zu schaffen, kümmerte ich mich um die Seelen, die über ganz Bukarest schwebten. Es waren nicht einige hier und einige dort, sondern sie waren in vielen Wohnblocks mit eiligen Toten. Ich verlor damals Professoren, Kollegen, Nachbarn, und habe öfter die Glocken in der lutherischen Kirche gezogen, um mit diesem Geld Kerzen zu kaufen, die die Wege der Toten aus der Stadt beleuchten sollten. Ich weiß, mein Handeln war naiv. Zu gleicher Zeit wurden Andere, die nicht vom Erdbeben betroffen waren, entschädigt und zogen in Wohnungen, die eigentlich für die Heimgesuchten gedacht waren.

Ich habe in den heiligen Schriften gelesen, aus seinem Körper getrunken und gegessen, bis ich erschöpft war. Es hat niemand geantwortet. Auch nicht nach den Leichenmahlen, Kerzengaben, Trinkbechern und gespendeten Handtüchern! Eine große Stille hat sich über uns gelegt.

Wer die Stimmen der aus dem Keller des Hotels „București“ Geholten gehört hat, nach einigen Tagen ohne Wasser, nachdem sie die Hand durch das Gitter streckten und niemand sich ihnen nähern durfte – sie waren von Soldaten bewacht, und es gab den Befehl „du darfst nicht helfen“, sie mussten auf eine Genehmigung von oben warten -, der kann nicht vergessen. In einigen Häusern ist man langsam gestorben, sie waren mit Erde bedeckt, es wuchsen kleine Parks und irgendwann wurden einer nach dem anderen ausgegraben. Aber wer kannte sie noch, die bis zum 4. März unsere Nachbarn, Freunde, Feinde waren?

Wer die Stimmen nicht gehört hat, konnte in dem Geruch, der monatelang über der Stadt lag, schlafen. Die Friedhöfe sind gewachsen, die Stadt hat die Schlaflosigkeit kennengelernt und seit damals auch nicht mehr tief geschlafen. Die Finsternis begann eine zweite Natur der 80er Jahre zu werden, Dunkelheit, die in jener Nacht des 4. März geboren wurde.

Die anderen, die glaubten, dass es nur eine einfache Verschiebung tektonischer Platten war, die sich sowieso unter uns bewegt hätten, ob man gesündigt hat oder nicht, belogen oder bestohlen sich, oder man belog oder bestahl sich nicht, eh, die haben ihre Lebensmüdigkeit abgeschüttelt und die Gesellschaftsordnung gewechselt, „hie und da, sozusagen in den kardinalen Punkten“.

Caragiale würde schnell aus dem Todesschlaf aufwachen, so schockiert wäre er beim Analysieren der „großen, essenziellen Veränderungen“ aus den 70er Jahren. Eine der fundamentalen Änderungen nach dem Erdbeben war das neue Telefonsystem, das zur Generation Telefon mit eingebautem Mikrofon überging. Ich erinnere mich, wie Vater mit seiner Sicht der 60er Jahre sagte: „Man braucht kein Telefon, wer mit dir Reden will, findet einen Weg.“



[aus dem Rumänischen von Anton Potche]


*Worterklärungen
- Cadrilater = heute zu Bulgarien gehörender Teil der Süd-Dobrogea (Rumänien)
- Palastsaal (rum. Sala Palatului) = Konferenzzentrum & Konzertsaal in Bukarest
- Cișmigiu = Park in Bukarest
- „Teu Eni, det Maidscha is stumm.“ (siebenbürgisch-sächsischer Dialekt) = „Liebe Ana, dieses Mädchen ist stumm.“

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