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Bei der Granatapfelernte in Rahova – 38
prosa [ ]
Erinnerungsroman von Anni-Lorei Mainka [Almalo ] (1958 - 2014)
Serien: Übersetzungen

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von [Delagiarmata ]

2022-06-24  |   

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Sulina und der Leuchtturm und Energo R. – Teil 1

Viele Ferien habe ich in den 60er und 70er Jahren im Delta verbracht, in Sulina, wo ich monatelang am Strand lag, und war ich nicht an der Küste und nahm mich keiner von Vaters befreundeten Fischern in einem Boot mit, las ich Gedichte auf Grabsteinen. Ja, Sulina war eine Art Landzunge, hatte aber drei Friedhöfe: einen kleinen orthodoxen, einen jüdischen, der auch einen nach vielen Überschwemmungen teilweise eingestürzten Betonzaun hatte, und einen dritten für alle, die im Delta verschwunden sind. Letzterer war wie ein Museum, großteils imposante Marmorplatten mit den Bildern einiger stattlicher Kapitäne aus der Marine, die ihr Ende hier zwischen den Wässern der Donau und des Meeres gefunden haben … Ah, aber zuerst erzähle ich euch Erinnerungsfragmente aus Sulina.

Erinnern Sie sich an Sulina? Es kann nicht sein, dass sie es nicht kennen, das Städtchen zwischen Gewässern und Grenzen, das selbst die Literatur nicht vergessen hat. Das Städtchen am Ende des Deltas zwischen den so verschiedenen Armen, auf denen in den 60er Jahren ein großes Schiff mit Schaufelrädern, „Transilvania“, beladen mit vielerlei Gütern für alle, gefahren kam.

Damals waren wir langsam, niemand lief mit einem Handy und Kabeln in den Ohren herum, mit dem Kopf sinn- und folgenlos nickend. Es sprach niemand mit sich selber auf der Straße, drückte auf einen Schlüssel und es sprangen Türen und Tore aus den Angeln, oder die Lichter blendeten dich ohne Grund.

Nein, damals hielt der Zug, gesteuert von einem tapferen Mechaniker, im Bahnhof mit einem ohrenbetäubenden Kreischen an. Es roch nach Schwefel, als wäre der Teufel persönlich mit allen seinen Kindern in den Lokomotiven unterwegs und bliebe in allen Bahnhöfen stehen.

Die Aussteigenden waren froh, angekommen zu sein, und die Wegfahrenden nahmen weinend Abschied … Seit Langem habe ich keine Menschen mehr in Bahnhöfen oder Flughäfen weinen gesehen, und im Delta noch seltener. Die Mütter hielten ihre Kinder fest an der Hand, die Väter klammerten sich an die Bierflaschen und organisierten, was sie konnten, mit den Händen fuchtelnd, denn Väter trugen in jener Zeit keine Kinder im Arm, höchstens eine Zeitung und die großen Sorgen „des morgigen Tages“.

Vom Hafen Tulcea brachen die Clans der Pinguine zur Wanderschaft auf: einige mit Gepäck und andere nachdenklich. Als ich so um 1968 begann, ins Delta zu pendeln, hielten die Leute sich an ihren Koffern fest, an Säcken und, wie ich schon sagte, an Korbflaschen aus Raphiabast. Der von den Schiffrädern produzierte Nebel verhüllte das Chaos, in dem man die Kinder, die sich auf den alten und abgenutzten Treppen balgten, hörte. Sie wollten alle als erste auf das höchste Deck der „Transilvania“ gelangen, um je weiter in die Wellen spucken zu können und um zwischen den mit Gepäck beladenen Bänken herumzulaufen. Dort im Hafen nötigten uns die Hitzewellen, die sogar die Stechmücken betäubten – vor Zeiten auch sie viel größer -, langsam zu atmen, und der Wind brachte vom Meer salzige Tropfen, die sich ins Gesicht klebten und die Lippen aufplatzen ließen. Für die Risse gab es damals nur Fischöl … bei dessen Geschmack wir unbeschreibliche Grimassen zogen.

Wir Kinder glaubten, dass unsere „Transilvania“ – war das Schiff doch das einzige, dass zwischen Tulcea und Sulina hin und her marschierte -, direkt vom Mississippi kam, jenem Strom aus den ausgebleichten Büchern der Stadtteilbuchhandlungen, die von Abenteuern aus einer Welt erzählten, mit der wir etwas gemeinsam hatten: den Raddampfer.

In Tulcea wurden alle und alles eingeschifft und es war ein großes Wunder, wie der Ponton sich mit allem Möglichen füllte. Als nicht einmal Platz für einen Hund oder ein Schwein war, schleppten die müden Matrosen keuchend schwere Säcke mit Maismehl, Weißmehl oder Zucker, Gasflaschen, verschiedene Möbelstücke, Fahrräder und große Kabelrollen heran. Erst dann begann die „Transilvania“ das Wasser zu teilen.

Natürlich erinnern Sie sich. Sulina liegt noch immer dort. Wenn Ihr auch in der Vergangenheit nie dort wart, die Gelegenheit, auf der Donau zu treiben, ist nicht vertan. Heute transportieren die Raketen – überhaupt kein Vergleich mit der „Transilvania“ der 60er Jahre – Gruppen von Menschen, zum Teil Touristen und sehr selten auch Bewohner des Deltas. Die eiligen Schiffe fahren euch ohne den nassen Geruch in der Luft, ohne dass euch ein Kartoffelsack in den Schoß fällt oder ein entwischtes Schwein euch belästigt, während Ihr die Blicke über das Wasser bis zu den kleinen Häusern am Ufer, in denen die wirklich vom Fischen lebenden Fischer leben, schweifen lassen könnt.

Heute gibt es die „Transilvania“ nicht mehr, nicht einmal beim Alteisen. Es ist nicht wie damals, als wir in Tulcea aufbrachen und stundenlang in einem heute nicht mehr vorstellbaren Lärm auf der Donau fuhren. Die fremden Studenten, die sich in den 70er Jahren ins an Vögeln, deren Nester an den Wegrändern zum Meer niemand störte, so reiche Delta verirrt hatten, waren die einzigen, die schwiegen.

„Warum bist du aus der Schweiz bis hierhergekommen … und wo liegt eigentlich die Schweiz … ah, und warum sagst du dauernd aom?“, habe ich einen Studenten am Strand in Sulina gefragt. Er trug am Hals eine Kette mit einem kleinen, steinernen Buddha. Der Schweizer Student saß stundenlang unbewegt und blickte aufs Meer.
„Ich bin gekommen, um zu schweigen und die ewige Stille zu erfahren, ich bin Buddhist, aom sagen nur die Buddhisten. Und die Schweiz ist ein kleines Land, weit weg von euch, mit vielen Kühen.“

Ich habe nichts von seinen Erläuterungen verstanden. Von Buddhismus hatten weder ich noch Mutter etwas gehört, so dass alles, was wir erfuhren, eine Art Märchen aus der weiten, an Kühen und Schokolade reichen Schweiz zu sein schien. Dass es dort genug Schokolade gibt, wussten alle, den Rest erfuhren wir viel später.

Wenn ich groß bin, sagte ich mir damals, werde auch ich mir so einen Stein um den Hals hängen und mich stundenlang ans Meer sitzen, um auf die ewige Stille zu warten. Der Junge saß noch ein paar Tage bewegungslos dort, bevor er verschwand. Eines Morgens habe ich Mutter von ihm erzählt und sie hat mir darauf geantwortet: „Tja, da schau her, hierherkommen, unnötig am Strand herumsitzen und glauben, die ewige Stille kommt über dich …“ Und als Ergänzung meinte sie noch, es sei nicht gut, alles zu glauben, was die Menschen sagen, besonders jene, die sich unnötig weit weg von Zuhause herumtreiben.



[aus dem Rumänischen von Anton Potche]






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