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Bei der Granatapfelernte in Rahova – 7
prosa [ ]
Erinnerungsroman von Anni- Lorei Mainka [Almalo ] (1958 - 2014)
Serien: Übersetzungen

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von [Delagiarmata ]

2016-03-04  |   

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In der Kirche

Der Weg sonntags morgens in die Kirche war lang und roch nach Zitronen und einem Gericht aus Mehl und halbranzigem Lavendel. Aber nur dann, wenn Tante Käthe Fieger aus Mediasch unangemeldet zu Besuch kam, in einer Art Rüstung mit Koffer und Militärton.

Es war die Tante der Mutter, die Kusine der Großmutter, sie lebte ein Leben lang in der bayerischen Metropole München, die ihr zu Beginn der 60er Jahre wegen den Demonstrationen zu chaotisch wurde. Sie erzählte uns mit vielen Seufzern, wie man ihr die Spitzen auf der übervollen Brust chiffonierte, wie Deutschland durch die Linksbewegungen zusammenbricht.

Und Vater versuchte, sie zu einer Erklärung zu bewegen, warum sie nach Rumänien zurückgekehrt ist, wo nicht von einer einfachen Linksbewegung die Rede war, sondern von einer so ausgeprägt linken und diktatorischen Bewegung, dass es weiter nach links nicht ging, da man wieder nach rechts kam. Tante Käthe verachtete Vater. Sie hielt ihn für einen Proletarier, wegen seiner Abstammung aus einer seit Generationen schlesischen Bergarbeiterfamilie.

Ihre Besuche begannen immer mit einem Streit in drei Sprachen, so dass ich mich in einem indischen Film wähnte, nur die Kulisse war eine andere. Irgendwo verstreuten Häuser aus Kotsteinen und Strohballen so etwas wie Atmosphäre, jemand tanzte lässig in der Trägheit des Essens, gedankenlos, gekochten Maiskern nach Maiskern oder gestohlene Mirabellen einschiebend.

Mutter widersprach Tante Käthe nie und sagte zu ihr Euch, ein archaisches Sie, ein von Mutter aus Siebenbürgen mitgebrachter Brauch. Ich durfte Tante zu ihr sagen, aber nichts auf dem Teller lassen und nicht das Messer in den Mund stecken. Wenn ich es trotzdem tat, zischte Tante mit einem Wortschwall durch ihre perfekte, auch aus Deutschland mitgebrachte Zahnprothese, schaute kalt und demütigend zu Mutter und machte sie verantwortlich, sich eines verstümmelten Sächsisch mit bayerischem Akzent bedienend, das ich und Vater überhaupt nicht verstanden.

Vater begriff nicht, warum er überhaupt höflich zu Tante sein sollte, die selber die Definition der Undankbarkeit verkörperte: Sie saß da wie ein verletzter Wal, nach einer verlorenen Jugend stöhnend. Ich zitiere aus Vaters Worten. Die Rumänen waren für sie in allem, was sie taten, Barbaren und unwürdig, ihr etwas beizubringen; einleuchtend, dass sie sich der rumänischen Sprache verweigerte, wobei sie aber vergessen hatte, dass sie diejenige war, die aus jenem Westen, den wir als paradiesisch und voll des allseitigen Überflusses empfanden, ohne etwas anzuzweifeln, zurückgekehrt war.

Vater, der erst nach dem Krieg nach Rumänien gekommen war, das Land, das ihm öfter das Leben rettete, hatte eine ganz andere Meinung von den Rumänen. Das Thema der schmuddligen Rumänen sollte Tante und Vater für immer und ewig trennen, die Diskussionen füllten die Besuche, die stets endeten, wie sie begonnen hatten: in einem Streit, nach dem die Tante mit dem Koffer dem Tor wie ein Anker entgegenwankte, nickend und Strafdrohungen mit der Verkündigung, nie wiederzukommen, herauszischend. Vater freute sich und Mutter schwieg, mit der Scham im Arm. Mutter lebte zwischen den Welten der anderen und versuchte diejenigen auszusöhnen, die alles nur keine Versöhnung suchten.

Der Gang zur Kirche war ein kompliziertes Ritual, und wenn es passierte, dass wir nicht bis zum letzten Glockenschlag in die Lutherische kamen, fühlte die folgende Woche sich für uns an, als hätte sie einen Riss.

Wir fühlten uns zerrissen, aufgewühlt (ich finde kein treffendes Wort, vielleicht trägst du, Leser, es in der Seele, dann schreibe es mir auf einen wie auch immer gefärbten Zettel und schicke ihn mir mit der langsamen Brieftaubenpost), denn wir hatten die Widerstandsschwelle noch nicht überschritten: jene der Zeit, der Reinigungen jedweder Art, und wir durchquerten nicht den Cișmigiu, hinter den Sträuchern mit offenen Mündern nach den müden Vögeln spähend, die nicht wussten, ob wir eine andere Tierart sind oder nur Importbäume.

Wir fanden es belustigend, um nicht zu sagen, wir lachten im Cișmigiu über die Zofen, die auf vom Raureif nassen Bänken Soldaten küssten. Diese Wochenenden scheinen aus heutiger Sicht perfekt; damals ermüdeten sie uns, aber sie verkörperten auch den Fortschritt, waren Grenzüberschreitungen, die wir zu jener Zeit nicht verstanden. Freilich, die Mädchen hatten Blumen und farbige Spangen aus Kunststoff auf dem Kopf, rochen nach etwas zwischen Naphtalin und Karamellbonbons. Es waren Menschen, sonntags freie Menschen.

Dann waren wir in Gedanken versunken, denn in der Lutherkirche trafen Vater und Mutter sich mit den anderen Sachsen, Schwaben, verschiedenen Bekannten, Unbekannten, die auch dorthin kamen oder im Begriff standen, von dort zu verschwinden. In der Kirche bewegten die Menschen sich anders, rochen anders, kleideten sich anders, und was das Sprechen betrifft … kann ich dieses Wortgemenge nicht beschreiben.

Aber in der St.-Josef-Kathedrale, wo Vater zum Beten oder Nachdenken, wie er glaubte, hinging, war es wieder ganz anders. Die Statuen schienen mir vertraut, aber die Kälte wirkte auf mich nicht einladend. Vater ging die letzte Strecke des Weges allein. Und wenn wir Protestantinnen längst mit der Sonntagszusammenkunft fertig waren, tauchte er immer noch nicht auf.

Der Gottesdienst in der St.-Josef-Kathedrale dauerte viel länger. Und danach vergaß Vater, an der Lutherischen vorbeizukommen. So sagte er, immer eine Ausrede findend, um sich nicht mit dem Menschenhaufen aus Siebenbürgen zu treffen, den er nicht verstand und der ihn ermüdete. Ich, die gerne mit ihm spazieren gegangen wäre, weil ich ihn sonst selten sah, verstand ihn Jahre lang nicht.

Eines Tages sagte er reumütig, die Schuld auf sich nehmend: Ich verstehe sie nicht, sie wissen nichts, reden nur von Sauerkraut und Holzfeuer. In der Welt herrschen Krieg, Armut und so viele politische Probleme, aber euer Luther hat euch nicht gelernt, über den Tellerrand zu schauen.

An Sonntagen, wenn Vater in Bukarest weilte, führten nach dem Kirchgang verschiedene sinngleiche Worte oft genug zu kleineren oder größeren Streitereien. Mutter verteidigte Luther, Vater die Kirche, jeder sprach in seiner Art, sie sahen sich nicht an, aber keiner gab nach. So lebten sie fünfzig Jahre lang in verschiedenen Welten, aber ihren Glauben haben sie nie verraten.

Über den Tellerrand blicken … ich wusste nicht recht, was er mir damit sagen wollte.

Und wenn Vater Luther erwähnte, war’s als ob er vom Teufel sprechen würde. Vater kam aus einer tief katholischen Familie aus Schlesien und verstand nicht, warum sich noch einer ans Reformieren machen muss, wenn alles im Namen Gottes vorgegeben ist. Mutter schwieg. Mutter schwieg sowieso immer und Vater erklärte viel und Vieles, er redete mit den Augen und mit Akzenten, Intonation. Sein Rumänisch war sympathisch, und das obwohl es eine von ihm erfundene Sprache war, nach seinem Kommen, oder besser gesagt, Auftauchen in Bukarest, im Alter von etwa 35 Jahren.

Seine humorvollen Ausdrücke und die Unfähigkeit den î auszusprechen führte immer zu Irritationen. Luther blieb garantiert sein Feind, bis kurz vor seinem Tode, als er brüsk zum Protestantismus konvertieren wollte, um seine letzte Ruhestätte auf einem Friedhof nahe ihrem Wohnhaus zu bekommen. Das bewerkstelligte er aber allein, ohne jemand etwas zu sagen, und die Bescheinigung verstaute er wie ein Schandblatt in einer Schublade zusammen mit einem Kruzifix und der Zahnprothese.

Er war ein überzeugter Katholik, aber lebte nach dem Krieg, den er nicht gerne erwähnte, frei, fröhlich, als wäre jeder Tag der letzte.

Der sonntägliche Kirchenbesuch war für ihn eine Art Spießrutenlauf. Mutter ging überzeugt zur Kirche, entschlossen, las sie doch abends in der Bibel, während Vater bis spät in die Nacht mit geschlossenen Augen auf dem Kanapee des schmalen Esszimmers, mit einem Handtuch über den Augen, die Stimme Amerikas* oder Freies Europa* hörte. Die Augen müssten immer geschützt sein, sagte er sehr oft, sie sind am wichtigsten.

Der Mensch hat nur Haut und Augen, um den Rest der Organe kümmert sich der Herr. Vater pflegte sich über alle Maßen; als erstes kümmerte er sich um seine Sicherheit. Nach dem Krieg kehrte er nicht nach Deutschland zurück, weil die Region seiner Abstammung zu Polen gefallen war. Was gut oder schlecht war, entschied er aus dem Bauch.

Der Krieg war eine Reise der Toten zwischen den Lebenden, schau, du erkennst sie am Blick. Warum gefallen sich Menschen, wenn sie frei sind, wieder in der Rolle der begrenzten Schafe, und zahlen dafür sogar noch mit dreißig Jahren unproduktiver und langweiliger Arbeit?!

Wie die Schafe, schau, du erkennst sie an den Haaren!
Ich habe aus Vaters Worten zitiert.

[aus dem Rumänischen von Anton Potche]


*Worterklärungen
Stimme Amerikas = Voice of America ist der offizielle Auslandssender der USA mit Sendungen in vielen Sprachen.
Freies Europa = ein vom US-Kongress finanzierter Radiosender mit Sitz in Prag. Bis 1995 sendete er aus München und wurde in Rumänien viel gehört.

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