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Jeans und Kapitalismus
prosa [ ]
im Kommunismus

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
von Semida Mang [Semida ]

2009-10-05  |     | 



Jeans und Kapitalismus

Neulich schrieb ich Folgendes: "Wenn du es dir angewöhnt hast schwarz zu sehen, wirst du dir bestimmt schwer tun, das Schwarze zu erkennen.
Spätestens jetzt weißt du, dass es nichts bringt, Echtes vorzutäuschen und dich selber anzulügen.
Du wirst dich wundern, dass du farbenblind geworden bist.
Was die Farben der Wahrheit anbetrifft?! – am besten durchsichtig!"

Ich bin in einem kommunistischen Land aufgewachsen, wo der Schuldirektor den Kapitalismus auf Jeans begrenzt hat. Er nutzte jede Gelegenheit, Deutschland und Amerika schlecht zu machen. „Jeans tragen nur die Pferdepfleger“, war immer sein Spruch.
Die Sachsen, also eine deutsche Minderheit, lebten bei uns in der Region wie die Zigeuner: isoliert. Nicht dass sie es so wollten, nein, weil die Regierung für sie Nichts anderes übrig hatte.
Auf unserer Klassenfahrt in der Grundschule zeigte man uns ein deutsches Dorf. Sie hatten eigene Brunnen und waren nicht an der Kanalisation angeschlossen. Es gab auch keine richtige Strasse sondern nur einen Steinweg dorthin, zum Dorf. Wir durften uns es nur von Weitem ansehen, als hätten sie Pest gehabt, und ich verstand damals nicht weshalb und warum. Man sprach in einem kommunistischen Land nicht gut über die Sachsen. Als wir, die Schulklassen neben dem Bus standen, winkte uns eine ältere Frau zu. Sie war in Schwarz gekleidet. Das deutete auf eine Trauerzeit.
„Nein! Nein!“, - rief mit einer bösen Stimme die Klassenlehrerin, als wir zurückwinken wollten.
Ungerecht, dachte ich. Ich durfte nicht mal zurückwinken. Meine Oma winkte mir und meiner Familie ähnlich, als wir uns von ihr verabschiedeten.
Aber diese unbekannte alte deutsche Frau hatte mir einmal und für immer zugewunken.
Ich fand, Deutsch sein ist nichts Schlimmes. Ich war ein Kind, aber ich wusste, dass hier Unrecht geschieht.
Auch wir, die "Nichtkommunisten", die Christen hatten es im Kommunismus schwer. Als ich aufs Gymnasium wechselte, sollten sich in der ersten Stunde alle, die sonntags in die Kirche gehen und an Gott glauben, hinstellen.
Manche Klassenkamaraden fanden es lustig und lachten uns aus, manche kamen nach dem Unterricht zu uns und trösteten uns; sie sagten: „der Lehrer ist blöd“.

Aber das änderte sich bald, als ich meine Aufsätze laut vorlesen sollte. Der Lehrer gab mir eine gute Note und sagte: „So muss es auch sein“. Es blieb nicht dabei. Literatur wurde zu meinem Lieblingsfach. Er war einerseits neugierig, ob ich meine Hausaufgaben gemacht habe und um mich vielleicht zu kränken musste ich sehr oft meine Hausaufgaben vorlesen, im Vergleich zu den anderen Mitschülern. Er bekamm jedesmal eine Portion „Christ sein“ zu spüren. Ich solle an die Tafel und der Klasse meine Gedichte vorlesen. Dann ergänzte er: „aber nicht solche….“ Andere hatte ich nicht. Aber er hatte mich nie unterbrochen; er verzog sein Gesicht und ging während des stürmischen Applauses meiner Mitschüler an seinen Platz. Ich berührte mit meinen Texten sein Herz. Er leidete viel, den er lebte in Scheidung. Nach vielen Jahren schrieb ich ihm vom Südpol eine Karte, wie schön es hier sei, wie schön Gott alles gemacht hätte. Man teilte mir mit, er habe seinen neuen Schülern (zu denen auch meine Schwester gehörte) die Karte gezeigt und vorgelesen. Ich hatte ihm verziehen und spürte in meinem Herzen eine besondere Liebe für ihn. Er hatte viel Interesse an meiner Person gezeigt und ich bedankte mich für die schöne Zeit, bei ihm in Unterricht. Heute ist er in Rente.

Wir fuhren weiter und man zeigte uns die Massengräber.

Viele Jahre später, als mein erster Freund eingezogen wurde, erzählte er mir dass die Deutschen bei der Armee die schwersten Aufgaben erledigen mussten. Sie waren besonders unbeliebt; sie wurden wie die Sklaven behandelt.
Aber: - Was konnte ein Deutscher für seine Identität?!

Irgendwann war es vorbei mit der Regierung.
Ich besuchte das Industriegymnasium und machte gerade das Abitur. Ich war in der 12-ten Klasse. Sachspenden aus Westeuropa überfüllten das Land und auch die Schulen verteilten sie. Alle wollten nur Jeans haben. Auch ich bekam eine und dazu eine große Wanduhr aus Deutschland. War das damals schon ein Hinweis darauf, dass die Zeit abwärts läuft, dass Deutschland für mich nur eine Sache der Zeit ist? Das konnte ich damals nicht wissen. Aber die Zeit lief mir entgegen. Als ich nach meinem Abitur es wagte, nach Deutschland zu kommen, fand ich es angemessen, eine Jeans anzuziehen. Aber sie war so ausgewaschen. Stundenlang bügelte ich das Indigopapier auf die Jeans, um sie etwas, … na ja, aufzupeppen.
Als ich hier ankam, regnete es. Ich lief im Regen herum. Das tat ich sehr gerne auch als kleines Mädchen. Aber die Indigofarbe verlief nach und nach über die weißen Socken. Das machte mich traurig und ich schämte mich, blaue Füße zu haben. Die Farbe bekam ich schwer heraus. Vorgetäuschte Tatsachen machen das gesamte Bild noch schlimmer.
In Deutschland lernte ich einige Jahre später einen Mann kennen, der mich immer wieder zu Wanderungen in den Alpen einlud. Wir sangen englische Lieder, die er bei den Menoniten in America und ich bei den Baptisten gelernt hatte. Er rief immer öfters an. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich nicht so viel zu erzählen hätte und …, und sagte: „Du musst gar nichts sagen, sei einfach dabei“. Von da an, wusste ich, dass er mich mag.
Ich erkannte, was die ganze Geschichte damals bedeutete. Heute bin ich selber eine deutsche geworden und die rumänische Staatsbürgerschaft habe ich auch aufgegeben. Es ist viel zu viel passiert. Aber die Weichen wurden früher angesetzt. Es war nur eine Sache der Zeit. Die Elemente sprachen für sich.
Jeans mag ich heute immer noch nicht, es sei denn ich zerschneide sie und mache mir ein Kleid daraus. Manchmal ziehe ich welche an wenn ich sonst nichts Passendes anzuziehen finde.
Aber ich liebe ausgefallene Klamotten, keine Schwarzen - das erinnert mich an diese leidende alte deutsche Frau. Ich bin eine Künstlerin die keine Jeans anziehen kann.


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