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- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 2009-07-12 | |
Lola malte noch im Krankenhaus. Ausgemergelt lag sie dort, in ihrem Krankenbett auf der Krebsstation, kraftlos, bleich. Ihre blonden Haare waren kurzgeschoren, die Wangenknochen stachen hervor. Doch in der Tiefe ihrer Augen war das blaue Leuchten lebendig – noch. Und ihre feinen Finger vibrierten, ungeduldig wie ehedem, über die Gegenstände, die sie umgaben. Sie hatte Zeichenpapier und Stifte verlangt, sofort!, die Bilder in ihr wollten ans Licht, sie hatte keine Zeit zu verlieren. Zu lange hatte sie sich gebeugt und verleugnet. Die letzten Jahre waren wirklich nicht gut gewesen, ja, sie war sogar ziemlich tief gesunken. Aber hatte sie eine Wahl gehabt? Sie brauchte Medikamente, die dummerweise nicht billig waren.
Wohlmeinende Stimmen in ihrer Umgebung räsonierten, daß ihr früherer Hochmut sich jetzt räche. Hätte sie mit ihren Galleristen nicht gestritten, wäre alles viel einfacher gewesen. Auch wenn das alles Halsabschneider waren, auch wenn sie ihr Talent verkannten und sie nach allen Regeln der Kunst ausbeuteten – hat man es sich jemals leisten können, mit jenen zu brechen, von denen man abhängt? Ein Quäntchen vernünftiger Kompromißbereitschaft wäre damals wirklich nicht fehl am Platz gewesen. Es war doch abzusehen gewesen, daß sie es allein nicht schaffen würde! Solch’ Gelärme ermüdete Lola. Sie hielt sich dabei, wie eh und je, in Gedanken die Ohren zu und versuchte an etwas anderes zu denken. Aber leider war das nicht mehr so einfach wie in den Jahren, als sie sich in den Briefen an Alexander über sich selbst lustig machte und ihm erzählte, wie sie nur automatisch zu nicken pflegte, wenn Mutter oder Ehemann sie anbrüllten. Damals ließ sie sie brüllen, sagte überhaupt nichts - hörte aber auch nicht zu. Ging ihrer Mutter endlich die Luft aus, holte Lola den Blutdruckmesser, um brav ihren Blutdruck zu messen. Bei ihrem Mann tat sie das nicht, aber manchmal betrachtete sie die Äderchen an seinen Schläfen, die während seiner Brüllanfälle so hervortraten, und sie fragte sich, wie hoch sein Blutdruck in diesem Moment wohl sein möge... Überhaupt war nichts mehr einfach. Ihre Speiseröhre war wie ausgebrannt, sie konnte keinen Bissen mehr herunterschlucken, ach, das Wasser stand ihr bis zum Hals! Wenn der größte Wunsch darin besteht, den Geschmack von frischem Brot, Butter und gekochtem Schinken im Gaumen zu spüren und wenn dieser Wunsch seiner Banalität zum Trotz (denn was ist banaler als ein stinknormales Sandwich?) unerfüllt bleiben muß – was ist dann schon dabei, wenn man seine Begabung daran verschwendet, Bilder zu malen, die einem nichts bedeuten, aber gutes Geld einbringen! Gebt den dummen, feisten Kunden, was sie wollen – solange sie dafür bezahlen!! Lola hatte sich in diesen letzten Jahren sogar einen Ruf als ausgezeichnete Malerin religiöser Motive erworben.
War das nicht zum Totlachen? Das, was ihr mit zahllosen Ausstellungen nicht gelungen war, gelang ihr jetzt mit dieser Massenware, die sie reihenweise, fast mit geschlossenen Augen, malen konnte. Für sich malte sie natürlich anders, mit Lust und Schwung. Manchmal kam auch eine Bestellung besonderer Art – von Alexander. Sie stand dann schmunzelnd vor ihrer Staffelei und dachte an die Vormittage in jenem fernen Sommer, die sie mit ihm zusammen in der kleinen Galerie, in der sie damals angestellt war, verbracht hatte. Viel gab es dort nicht zu tun und so hatte sie genug Muße, seine Gedichtsbände zu illustrieren. Obwohl sie immer sehr schnell verstand, was er wollte, führte er ihr manchmal, der besseren Anschaulichkeit halber, die wildesten erotischen Stellungen vor. Manchmal trat gerade dann, wenn Alexander kopfüber auf dem Boden lag, ein verirrter Kunde ein, der dann verdutzt in der Tür stehen blieb und nach einer halben Sekunde kehrt machte, weil der gebotene Anblick nicht gerade einladend wirkte. Alexander und Lola kicherten dann wie Kinder, denen ein wunderbarer Streich gelungen war. Sie hörten russische Musik und er beobachtete sie beim Malen. Eine geheime Komplizenschaft war zwischen ihnen geblieben. Sie waren Kameraden, Vertraute, Freunde.
Die Bilder für ihn malte Lola noch immer im Verborgenen. Ihren Mann hätten sie entsetzt. „Du ruinierst deinen Ruf!“ Nun, ihr Ruf, jener, auf den es ihr ankam, war ja längst ruiniert. Wie war sie es leid, die Lüge zu malen! Sie wollte endlich zurück zum Wesentlichen, zurück zur WAHRHEIT! Und die Wahrheit - sie war der Kampf des Lebens mit dem Tod, so wie er gerade neben ihr, im Nachbarbette, tobte. Der kräftige, etwas fettleibige Körper hob und senkte sich ruckartig, ein raues Röcheln entwich den Lippen dieser ehemals doch hübschen Frau. Ironie des Schicksals - Lola hatte diese Frau in ihrem früheren Leben, als sie noch zu den Gesunden gehörte, ein paar Mal getroffen; der Name war ihr bekannt vorgekommen, sie hatte die Angehörigen gefragt und in der Tat – sie war die Schwester eines bekannten Fotografen, Professorin für Kunstgeschichte, Verfasserin unzähliger Bücher und Artikel, Ehrenmitglied in verschiedenen Gesellschaften und Komitees. Jetzt lag sie da, ein unförmiger, halbnackter Leib, in dem das Leben sich bäumte und nicht aufgeben wollte und mit jedem Atemzug verbissen und verzweifelt nach Hilfe zu schreien schien – wozu? Ihr Schicksal war besiegelt, nichts konnte ihr mehr helfen, weder die Tränen der Tochter noch die leise zugeflüsterten Koseworte ihres Mannes; umsonst beobachteten beide ständig die Monitore, umsonst führten sie lange Gespräche mit den Ärzten, umsonst erkundigten sie sich nach noch effizienteren Therapiemethoden, es war aus, seit jenem Augenblick vor zwei Tagen, als sie plötzlich mit unnatürlicher, wie aus den tiefsten Tiefen aufsteigender Stimme „Welch’ wunderbare Edelweißblüte“ gemurmelt und dann das Bewußtsein verloren hatte, stand es fest, daß es aus war. Dieser Körper hätte Ruhe geben, sich mit dem Unvermeidlichen abfinden und seine Niederlage endlich hinnehmen müssen. Durch das halboffene Fenster brachte ein milder Windhauch die Düfte eines goldenen Oktobertages ins Krankenhauszimmer hinein. Wie gerne wäre Lola hinausgelaufen, hinaus in die seiden liebkosende Luft, die Arme dem so lieblichen Himmel entgegengestreckt. Aber sie war selbst an dieses verdammte Bett gefesselt. Bald, sehr bald würde ihr Körper genau so eigensinnig und aussichtslos seinen letzten Kampf kämpfen. Ihr Sohn würde vielleicht weinen und ihr Mann ihr beruhigende Worte ins Ohr flüstern. Ja, genauso würde es sein. Es stand außer Frage: Das war der letzte goldene Oktober, den sie erlebte. Aber zumindest würde sie diese Krankenhausbilder als Krönung ihrer Schöpfung hinterlassen. Sogar ihr Mann hielt sie für ihre besten. Ja, sogar er.
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