agonia v3  

agonia.net | Richtlinien | Werbung Kontakt | Konto erstellen

romanaPoetry, Poezii, Poemes, Poemas, Poezie, Poesie englishPoetry, Poezii, Poemes, Poemas, Poezie, Poesie francaisPoetry, Poezii, Poemes, Poemas, Poezie, Poesie italianoPoetry, Poezii, Poemes, Poemas, Poezie, Poesie russkaiaPoetry, Poezii, Poemes, Poemas, Poezie, Poesie deutschPoetry, Poezii, Poemes, Poemas, Poezie, Poesie espanolPoetry, Poezii, Poemes, Poemas, Poezie, Poesie portuguesPoetry, Poezii, Poemes, Poemas, Poezie, Poesie

Gedicht Persönlich Prosa Drehbuch Essay Presse Artikel Wettbewerb Gemeinschaften Übersetzung Spezial Mundart

Poezii Românesti - Romanian Poetry



 
Text empfohlen von - Anton Potche

Weitere Texte dieses Autors




Übersetzung dieses Textes
0

 Kommentare der Mitglieder


print e-mail
Anzeige: 616 .



Das entzauberte Reh
artikel [ Internet ]
Prosa - Auszug

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
von ioana orleanu [ioana orleanu ]

2009-01-04  |     | 



Estelles letzter Besuch fand im Mai statt.
Ich hatte am Eingang auf sie gewartet. Es war ein kühler, regnerischer Tag, kaum zu glauben , daß der Flieder schon blühte, der Sommer schon nahte. Etwas Trauriges, Beklemmendes lag in der Luft, ein dumpfes Herbstgefühl – waren die Schwalben nicht längst weg, die Bäume kahl, die Blumen – tot? Ein paar Regentropfen verirrten sich auf mein Gesicht. Ich schloß die Augen und atmete tief durch. Am Morgen war ich sehr früh aufgestanden, was meinen Gewohnheiten überhaupt nicht entsprach und mir den Tag grundsätzlich verdarb. Ich hatte eingekauft, aufgeräumt, gekocht, ja ich hätte noch sonst was getan, um diese wachsende Unruhe, die mir das Herz wie eine kalte Kralle umklammerte, nur loszuwerden. Aber nichts half. Nichts.
Als ich das Taxi kommen sah, lief ich mit geöffnetem Regenschirm bis zur Straße. Und ich war schon dabei, meine Hand auszustrecken, um nach Estelles Reisetasche zu greifen, als ich mich besann und sie ihre Sachen selbst tragen ließ.
„Wir wollen leise sein, ja?“, flüsterte ich, als wir in der Haustür standen. Estelle nickte und trat ein.
Oben schloß ich vorsichtig die Wohnzimmertür und wandte mich ihr zu.
„Schön, daß du endlich da bist!“, sagte ich und lächelte. Estelle lächelte zurück, ließ sich aber nur kurz umarmen. Etwas ungeduldig murmelte sie ein „Ist das warm hier“, schob mit einer leichten Schulterbewegung meine Arme weg und zog ihre Jacke aus. Umarmungen, Gefühlsergüsse überhaupt gehörten nicht zu ihrem „Stil“. Genauer gesagt: Sie waren nicht Bestandteil jenes Verhaltensmusters, daß sie mir gegenüber an den Tag zu legen pflegte. Nur allzu gut wußte ich, daß sie mir, hätte ich sie auch heute vom Bahnhof abgeholt, nur von weitem flüchtig zugelächelt hätte und dann, ohne eine Geste der Freude über das Wiedersehen, wie eine Fremde in Richtung Ausgang an mir vorbeigegangen wäre. Schließlich war jenes flüchtige Lächeln der Begrüßung genug. Meine überschwänglichen Begrüßungsrituale waren ihr, zumal wenn sie auf einem Bahnsteig stattfanden, furchtbar peinlich.
Ich betrachtete sie von der Seite und war überrascht, wie sehr sie sich verändert hatte. Ihre Wangen bewahrten noch Spuren kindlicher Weichheit, aber ihr Gesicht war schmaler geworden, die Nase länger, der Mund größer. Ich hatte das eigenartige Gefühl, daß mich aus ihren Zügen andere anblickten, ihre Mutter, ihre Großmutter, ihre Tanten. Wo war sie? Ich wandte mich ab und dachte, daß sie wohl nicht mehr das unglaublich hübsche Kind von einst war, das mit seiner Artigkeit und Süße alle Welt verzauberte. „Das kleine Püppchen“, so hatte man sie genannt. Und doch - wie war sie scheu, sehr scheu! Ich erinnere mich noch genau, so als ob es gestern gewesen wäre, wie ich sie zum ersten Mal gesehen habe, etwas abseits, auf einer Schaukel, allein und vor sich hinstarrend. Estelle muß damals ungefähr neun Jahre alt gewesen sein. Ich war davon überzeugt, daß ich mit Kindern sehr gut zurechtkäme, deshalb ging ich, auf diese Fähigkeit ziemlich blind vertrauend, ohne Bedenken auf sie zu und fragte sie irgendetwas, warum sie so allein dasitze oder ob sie nicht schaukeln wolle. Sie warf mir aber nur einen schrägen, fast bösen Blick zu, kletterte von der Schaukel herunter und ging wortlos davon. Und ich – ich kam mir ganz schön dumm vor, wie ich so zurückblieb und ihr mit meinem nunmehr erfrorenen Lächeln hinterher schaute.
Nein, sie war jetzt nicht mehr so hübsch und süß. Aber sie war apart, etwas Besonderes, wie ein graziöser, schneeweißer Schwan, der vornehm und entrückt über die Wellen gleitet und seinem Weg folgt, seinem Weg. Ich schaute sie immer noch gerne an und fand es immer noch zauberhaft, wie sie lachte, wie sie sich bewegte. Nur dieser glattgezogene Pferdeschwanz! Ich konnte ihn nicht ausstehen. Sie hatte so wunderschöne, goldene Locken. Sie mußten frei sein, frei! Lachend versuchte ich, ihre Haare in Unordnung zu bringen. Aber Estelle wehrte sich: „Ich mag das so.“
Ihr Blick schweifte, prüfend, über die dunkelbraunen Holzsessel, über das Ledersofa mit den weinroten Seidenkissen, über die Lilien und Rosen in den Vasen, über die überquellenden Bücherregale und über die Bilder, „diese unzähligen Bilder!“, wie sie unzufrieden sagte, Landschaften, erotische Zeichnungen, Portraits, golden, dunkelgrün, karmesinfarben, die die Wände fast vollständig bedeckten. Ich wußte, wie wenig sie, die nur das Nüchterne, Geradlinige, Weiße gelten ließ, dieses Interieur mochte. Sie schüttelte sich leicht, wie um einer Schwere zu entfliehen. Schweißperlen traten ihr auf die Stirn, ihre Wangen röteten sich. Dann aber gab sie einen undeutlichen Laut von sich, hob die Oberlippe an und ließ die Mundwinkel hängen. Und in ihren grüngrauen, mandelförmigen Augen mischte sich Staunen mit unverhohlenem Widerwillen.
„Ist das neu?“, fragte sie und zeigte auf eine Miniatur.
„Ja“, schmunzelte ich. „Gefällt es dir?“
„Ich denke sie ist im Krankenhaus.“
„Das ist sie auch. Sie hat das davor gemalt.“
Estelle wandte sich ab. Ihre Gesichtszüge hatten ihre klaren Linien wiedergefunden. Nur jene leichte Ungeduld konnte sie nicht vollständig in Zaum halten.
„Es ist wirklich heiß hier!“, sagte sie bestimmt.
Ich lachte auf.
„Es ist nicht heiß, sondern angenehm warm.“
„Kann ich die Heizung abdrehen?“
„Nein, meine Liebe, denn sie ist nur auf zwei und für ein Leben im Kühlschrank habe ich nichts übrig. Zumal ich noch ganz frisch bin.“
Wir gingen in die Küche. Auch dort hingen an den Wänden viele Bilder, aber sie alternierten mit katalanischer Keramik und das schien auf Estelle einen beruhigenden Einfluß auszuüben. Sie hätte sich am liebsten nur dort aufgehalten.
Der Tisch war schon gedeckt. Der Geruch von Rosmarin, Olivenöl und Tomaten vermischte sich mit dem süßen Vanilleduft der Kerze, die, einsam und ruhig, auf dem Tisch flackerte. Ich koche gern. Nicht nur, weil ich auch gerne gut esse - es ist eine sinnliche Freude. Gemüse in der Hand halten und mit den Erdkrümeln, die daran noch kleben, spielen, eine Kartoffel oder eine Zwiebel schälen, Liebstöckel oder Basilikum schneiden und dabei die Gerüche, die ihnen entströmen und die noch so lange an den Fingern haften bleiben, einatmen, das alles hat noch etwas so Ursprüngliches an sich, es führt mich zu den Wurzeln zurück, zu jener unendlich langen Reihe, aus der ich hervorkomme und die das gleiche getan, gefühlt, gerochen hat wie ich, und läßt mich daran denken, daß das Bearbeiten der Erde der erste Versuch, die Natur zu formen und somit der erste Kulturakt gewesen ist. Ganz zu schweigen von der Genugtuung, ein geliebtes Wesen mit Allerbestem zu beköstigen, das heißt: ihm eine Freude, einen Genuß zu bereiten. Ja, Kochen ist für mich Vergangenheitskult und Liebeserklärung in einem.
Auf dem Herd thronten mehrere Töpfe. Estelle hob einen Deckel, streckte die Nase vor und roch. Das Gerochene schien ihr zuzusagen, denn sie blieb ein paar Augenblicke so über dem Topf gebeugt. Als sie aber den Deckel wieder zurücklegte, sagte sie, ihr unbestimmtes Lächeln lächelnd und wie beiläufig aus dem Fenster schauend: „Hausfrau möchte ich nie werden.“ Ich zuckte mit den Schultern.
(Aus MÄRCHEN AUS DEM LEBEN)

.  | Index








 
shim Eine virtuelle Heimstätte der Litaratur und Kunst shim
shim
Agonia  Suche  Agonia.Net  Forum  

Bitte haben Sie Verständnis, dass Texte nur mit unserer Erlaubnis angezeigt werden können.
Copyright 1999-2003. agonia.net

E-mail | Vertraulichkeits- und Publikationspolitik

Top Site-uri Cultura - Join the Cultural Topsites!