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William Blake’s Jerusalem
artikel [ Kultur ]
oder: Jenseits der Zeitengrenze - Essay

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von [BettinaKatalin ]

2020-03-20  |     | 



Die Hymne „Jerusalem“ gilt als Großbritanniens inoffizielle Nationalhymne — keine königliche Hochzeit, kein St.George’s Day, keine Last Night of the Proms ohne den patriotischen Hymnus. Komponiert wurde er von Sir Charles Hubert Hastings Parry zwei Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die heutige Orchestrierung wurde von Sir Edward Elgar ausgearbeitet.

Die Verse selbst jedoch entstammen der prophetischen Feder William Blakes. Ursprünglich waren sie weder als Hymnus noch als Dichtung gedacht gewesen, sondern sind Teil des Vorworts zu seinem epischen Werk Milton — ein Gedicht, das von Blake reich illustriert, zwei Bücher überspannt.

And did those feet in ancient time / Und schritten jene Füße einst ist die eigentliche Überschrift des sogenannten „Jerusalem“, Blake greift hier eine alte Legende auf, die davon erzählt, wie der junge Jesus von Nazareth gemeinsam mit Josef von Arimathäa den südwestlichen Teil Englands besucht haben soll. Nach dieser Überlieferung war Josef von Arimathäa ein reicher Kaufmann und Zinnhändler, der die Handelsruten der Welt bereiste. Auf einer dieser Reisen soll ihn der noch jünglinghafte Jesus von Nazareth auf die britische Insel begleitet haben, wo dieser unter anderem verschiedene Orte um die Küste Cornwalls, wie auch das südlichere Somerset und Wiltshire besuchte. Des Weiteren wird in verschiedenen Variationen dieser Legende davon berichtet, dass er in Glastonbury die erste Kirche über Grund errichtet hätte.

Doch im Gegensatz zu der nur all zu heroischen und siegessicheren Komposition Parrys, sind Blakes Worte, wenigstens innerhalb der ersten zwei Strophen, von einer nahezu anklagenden, verzweifelten Klanghärte durchtönt.
Vier Fragen werfen die zwei ersten Strophen in den Raum — Fragen, die aufrütteln, den Menschen aus seinem inneren Dämmerzustand reißen wollen und im Grunde, einem Weckruf gleich, hinausgeschrien werden müssten:

And did those feet in ancient time / Walk upon England's mountains green?
Und schritten jene Füße einst / auf Englands Bergesgrün?
And was the holy Lamb of God / On England's pleasant pastures seen?
Und ward das heilige Gotteslamm / auf Englands lieblich Auen je gesehen?

And did the Countenance divine / Shine forth upon our clouded hills?
Und strahlte das göttlich Antlitz / hervor auf uns‘re umwölkten Hügel?
And was Jerusalem builded here / Among those dark Satanic mills?
Und ward Jerusalem hier erbaut / inmitten dieser finster satanischen Mühlen?*

Ein „Wirklich?“ — möchte man jedem einzelnen Vers anhängen. Ein zweifelnd-verzweifeltes „Wirklich, hier?“, dass sich auf einen Ort bezieht, in dem die Düsterkeit so gegenwärtig ist, dass der Klarsehende nur bestürzt darüber sein kann, dass dieser Landschaftsraum einmal vom Menschensohn selbst durschritten worden sein soll.

-Der Müller der Unendlichkeit-
Oftmals wird spekuliert, dass Blake sich auf das immer stärker zusammenbrauende Dunkel des anbrechenden Industrialisierungszeitalters, seine Maschinen und Fabriken bezogen hätte. William Blake war kein sich abschottender, zurückgezogen lebender Mystiker. Er lebte ein Leben lang mitten in London, genauer, in Lambeth, wo auch die allererste Londoner Fabrik errichtet wurde. Er sah die Armut, die Kinderarbeit, die unmenschlichen Folgen einer bis in die heutige Zeit währenden Haltung, die Menschliches und Menschenwürdiges nur zu schnell zu opfern bereit ist für gesteigerte Produktion, Leistung und Gewinn.
Blake, dessen visionäres Werk erst lange Zeit nach seinem Tod Aufmerksamkeit und Anhängerschaft finden sollte und der seinen Lebensunterhalt mühsam als Kupferstecher und Illustrator fremder Werke erarbeiten musste, sah die
Missstände, das Leid und blieb davon nicht unberührt; und doch umfasst sein Blick sehr viel größere Dimensionen, denen die teuflischen Maschinerien der Fabriken gerade einmal als Sinnbild dienen konnten, waren sie doch lediglich der schwache Schatten einer sehr viel erschreckenderen Bedrohung, der der Mensch, die Menschheit als ganzes ausgesetzt wurde.

Die finsteren satanischen Mühlen stehen für den Propheten Blake als Sinnbild der Weltenmühle, zwischen deren unaufhörlich mahlenden Mühlsteinen aus Zeit und Raum der Mensch gefangen ist und sein wahres Selbst nach und nach aufgerieben und versandet wird; Blake bezeichnet Satan als den Müller der Unendlichkeit.

Ein Jahrhundert später wird Simone Weil, eine der wohl komplexesten Mystikerinnen, in ihrem Fabriktagebuch, anhand der eigenen Erfahrungen beschreiben, wie dem Maschinen- und Fabrikarbeiter jegliche Individualität ausgemerzt wird, durch stete Überlastung und Überforderung, kalkuliert eingesetzte Erniedrigung, der Mensch nach und nach abstumpft. Durch die ständige Erschöpfung wird der Mensch zur größten Versuchung des Lebens verführt: Das Nicht-mehr-denken-müssen, denn das, so schreibt Simone Weil, scheint nun noch das einzige Mittel, um nicht zu leiden. Der Einzelne fügt sich der Herde ein, hinterfragt nicht mehr, will nicht mehr wissen, folgt der Masse widerstandslos, bestenfalls noch im stummen Protest. Die Revolte ist unmöglich, folgert Simone, denn die Voraussetzung des Widerstands ist Stärke; der Schwache muss resignieren, moralisch verkommen oder abstumpfen.

All dies lässt sich nun aber auch auf den Zustand der Seele im Irdischen übertragen. Rastlos geschäftig hastet das Räderwerk der Welt, mahlen die Mühlsteine der Weltenmühle in ihrem teuflischen Takt — und wie Pauken im Bauch einer riesigen Gefangenengaleere bindet dieser steinerne Herzschlag die menschliche Seele in Ketten der Sklaverei. In monotone Gleichförmigkeit gezwängt, verliert der Mensch die Verbindung zu seinem wirklichen Wesen; Geistigkeit und Imagination werden bestritten oder geraten zunehmend in Vergessenheit. Denn noch viel schlimmer als die Gefangenschaft innerhalb der Weltenräder ist es für Blake, dass sich die Menschen der Gefangenschaft selbst oftmals überhaupt nicht bewusst sind. Ja, ganz im Gegenteil, sie selbst sind es, die jene sie zermalmenden Mühlsteine auch noch aus eigener Kraft antreiben und unaufhörlich am Laufen halten. Sie verherrlichen diese Maschinerie, machen sie zu ihrem Abgott, beteten sie an. Ein verdrehter, verkehrter Deus ex machina, der nicht wie in der antiken Tragödie im Moment der größten Ausweglosigkeit erscheint und die unerwartet plötzliche Wendung zum Guten bringt, sondern der die ihn anbetende, blind ihm folgende Masse in immer tiefere Verstrickungen kettet.

Und so heißt es dann an einer Stelle in Blakes Milton, wo Satans Vater seinem Sohn zu dessen Erfindung gratuliert:
„O Satan, my youngest born, […] To Mortals thy Mills seem every thing.“ / „Oh Satan, Jüngstgeborener mein, den Sterblichen scheinen Deine Mühlen alles zu sein.“*

-Jeder Mensch ist ein Stern-
Alexander Gilchrist warnt in seinem Buch Life of William Blake den Leser, „das Blake weder für die Vielen, schwerlich für den tagein, tagaus arbeitenden Menschen, vielmehr für Kinder und Engel geschrieben und gezeichnet hätte.“* Jedoch muss dem hinzugefügt werden, dass jeder Mensch ein göttliches Kind in seinem Innersten trägt. Diesen göttlichen Funken erneut im Nachtdunkel der eigenen Seele zu einem weithin leuchtenden, richtungsweisenden Stern in Flammen stehen zu lassen, die Seele aus dem Dämmerzustand der Resignation und Weltenerschöpfung erneut zu erwecken und aus den Verkettungen der irdischen Gefangenschaft zu lösen, ist eben Blakes Bestreben, darauf zielen seine Prophezeiungen ab. Und da er ausdrücklich den inneren Menschen erreichen will, bedient er sich des eigenhändig illustrierten Wortes; denn Bild ist die Sprache der Seele, da das Bild, im Gegensatz zum Wort, nicht begrenzt wird, sondern über die Grenzen der Sprache und des Denkens hinauswirkt. Leider sind Blakes Lieder nicht erhalten geblieben, ursprünglich setzte sich William Blakes Œuvre aus Melodie, Bild und Wort zusammen.

Blake, der autodidaktische Universalgelehrte, der keine Schule besucht hatte sondern von seiner Mutter unterrichtet wurden war, sich den Besuch einer Universität nie hatte leisten können und mit vierzehn Jahren bereits eine Lehre im Handwerk des Kupferstechers beginnen musste, hat aus den unterschiedlichsten Quellen geschöpft. Die Bibel, die Neuplatoniker, die hermetischen, rosenkreuzerischen und gnostischen Schriften, die Werke des Elisabethanischen Zeitalters, Emanuel Swedenborg, Paracelsus und Jacob Böhme, später Dante und Milton, um nur einige zu nennen.
Eine hervorragende Bedeutung hatte für Blake auch die Kunst und Architektur der Gotik, die er als lebendige Form betrachtete — der Ausdruck ewigen Daseins.

Blakes Eltern gehörten der Unitas Fratrum [Moravian Church] an, welche auf den, 1415 zusammen mit seinen Schriften auf dem Scheiterhaufen verbrannten, Reformator Jan Hus und die daraufhin sich gruppierenden Böhmischen Brüder zurück geht, die durch Jan Amos Comenius, den letzte Bischof der Brüder-Unität in Böhmen und Zeitgenosse wie auch Freund des Johann Valentin Andreae, mit dem Rosenkreuzertum wie auch der Freimaurerei in Verbindung gebracht werden.

Vieles mehr wird William Blake inspiriert und geprägt haben, doch ein freier Geist wie Blake ihn verkörpert, kann nicht in einzelne Strömungen und Denkrichtungen hineingezwängt werden; sein Geist wehte wie und wohin er wollte, nichts verabscheute er mehr als den Versuch, das Geistige in enge Formen zu zwingen. Blake gehörte einzig Gott an, das Göttliche und Höchste war seine einzige Ausrichtung, das innere Himmelreich sein alleiniges Bestreben, seine Bilder sind zumeist Illustrationen seiner eigenen Visionen. Seine Kosmologie ist mythopoetisch und setzt sich aus einem komplexen Pantheon zusammen, dessen Gottheiten vom Höchsten hinab sich in immer weitere Emanationen verasteln.


-Urizen — Der Alte der Tage-
Blakes blinde Gottheit Urizen ist ein eifersüchtiger Gott, der keinen anderen Gott außer sich gelten lassen, ja, in seiner Blindheit, nicht einmal erkennen kann, dass es neben ihm noch andere Gottheiten gibt.
Urizen ist uns als „The Ancient of Days” / Der Alte der Tage aus Blakes Bildwerk bekannt, Blake stellt ihn, den Zirkel als Hand, sein Universum umgrenzend und einbindend dar. Tobias Churton zeichnet dieses Bild mit folgenden Worten nach: „Und wie seine epische Gestalt kauert inmitten Kupferwolken, am Rand eines unendlichen Meeres aus Zeit und Raum, Beschränkungen schleudernd in das Unbegrenzte, es messbar, berechenbar, fest, grundlegend und man möge sagen, es verständlich machend — das heißt, innerhalb der Grenzen des Verstandes.“*

Der demiurgische Urizen ist jene Kraft, die einschränkt und eingrenzt, die das zeitlos Ewige innerhalb seiner errichteten Grenzen aus Zeit und Raum, Zahl und Maß einschließt und festhält. Er ist das immer mehr sich verdichtende Regelwerk aus Geboten und Verboten unter dem das Religiöse früher oder später ausdorrt und zerbricht.

Urizen ist abgesondert und isoliert, er ist erkaltet und ohne Herz. Urizen, der in seiner Blindheit keinen anderen Gott über sich erkennen kann, denkt sich selbst als den Allmächtigen Gott, den Großen Baumeister aller Welten, der Himmel und Erde erschaffen hat. Aber dieser blinde Demiurg hat nichts erschaffen. Er denkt nur, dass er der Schöpfer sei, da er die Schöpfung des Höchsten und All-Einen Gottes in seine Grenzen gebunden hat.

Blake hat Urizen einen Namen gegeben, in dem sein Wesen bereits erkennbar wird. Urizen kann als „Your reason“, die Grenzen des eigenen Verstandes und Verstehens wie auch als „horizon“ / Horizont gelesen werden; der Horizont ist die Grenzscheide zwischen Himmelswelt und Erdenwelt, ursprünglich hatte das Wort die Bedeutung des begrenzenden Kreises.
Der Mensch wurde nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, doch im Sturz hat sich dieses Ebenmaß in die Fratze Urizens verzerrt. Eine Fratzengestalt, die im sogenannten Zeitalter der Vernunft hinter allem hervorlugt. Die Vernunft, die hier gemeint ist, sollte eher mit Verstand bezeichnet werden, denn es ist der Verstand, der die menschliche Sicht in enge Grenzen schließt. Wahrhaftige Vernunft ist nicht Wissen sondern Weisheit basierend auf Erkenntnis, die über die Grenzen des menschlichen Verstandes hindurchbricht, sich nicht in die Beschränkungen der irdischen Welt zwingen lässt.

Blake unterscheidet, wie später auch C. G. Jung, zwischen vier wesentlichen Wahrnehmungs- und Urteilsfunktionen der Psyche: Verstand/ Vernunft, Gefühl, Intuition und Empfinden. Der Verstand ist für Blake keinesfalls verlässlich, wenigstens nicht außerhalb seiner Verbindung zu den anderen drei Funktionen.

Doch eben dieser sich abgesonderte, auf sich selbst fußende Verstand, der keine anderen Gottheiten neben sich dulden kann, sich selbst als alleiniger Herrscher des Universums wahrnimmt, wird durch Urizen verkörpert.
Die Gestalt des Urizen veräußert und entfremdet sich von seiner eigenen weiblichen Emanation die den Namen Ahania trägt. Ganz so, wie auch der menschliche Verstand abspaltet und trennt; er analysiert, das heißt er löst etwas aus seiner Einheit heraus und zerlegt es in viele Teile. In Urizens verlassener Gefährtin Ahania verkörpert sich sowohl Weisheit wie auch Genuss. Egoumsponnen und abgesondert befindet sich Urizen blind und gekettet innerhalb seiner selbst erschaffenen Hölle.

So, wie Urizen dem rachsüchtigen und unterdrückenden Gott des Alten Testamentes entspricht, findet sich in der Gestalt des Los die Entsprechung des liebenden und verzeihenden Christus des Neuen Testamentes. Im Namen Los läßt sich „loss“ der Verlust, das Verlorene erkennen. Rückwärtig gelesen ist es Sol,die Sonne. So ist Los auf der hundertsten und finalen Bildtafel von Blakes Jerusalem auch in der Körperhaltung des Apollo von Belvedere dargestellt. Los wird auch der Ewige Prophet genannt. Blake beschreibt ihn als Schmied, der mit seinem durchaus phallisch anmutenden Schmiedehammer auf den Amboss schlägt.

So, wie sein Hammerschlag den menschlichen Herzschlag symbolisiert, steht der Blasebalg seiner Schmiede sinnbildlich für die menschliche Lunge. Und es sind eben das mystische Herz und der geistige Atem, durch die das Göttliche mit dem Menschlichen in Verbindung steht.

Urizen steht für die messbare, quantitative Zeit, „Los ist der Ursprung der Zeit, in ihm verbinden sich die Ebenen der Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. Es ist jene Qualität der Zeit, die das Wesen von Sang und Dichtung, Versmaß, Takt und Rhythmus bestimmt. Zeit, als das bewegte Bildnis der Ewigkeit. Ewigkeit ist eine Abfolge innerhalb der Zeit; Ewigkeit wird nicht bedingt durch Zeit und Raum. Das, was Ewigkeit für den Geist ist, ist Zeit für die Welt. Aus diesem Grund hat Los seine Verbindung zu den Ewigen beibehalten, auch nach seinem Sturz; und durch Los, den Poetischen Genius, der die Grenzen der Zeit übersteigt, selbst wenn er innerhalb der Zeitgrenzen wirksam wird, befindet sich der Mensch noch immer in der Lage, mit dem Paradies zu verkehren. In diesem Sinne ist Los der Verwahrer Heiliger Imagination.“*
-Tobias Churton-

So wie der Müller der Unendlichkeit, Urizen, die menschliche Seele im Irdischen festkettet und einschließt, kann der Ewige Prophet und Himmlische Schmied, Los, als jene Macht gesehen werden, die das Gebundene erneut lösen und befreien kann. Er bricht die bleiernen Ketten auf und schmiedet die einzelnen Glieder der goldenen Kette, durch die der einzelne Mensch symbolisch erneut seinen festen Platz innerhalb der Heiligen Ordnung
einnimmt. Oder wie es Eva Markvartová formuliert: „Jede wahre Initiation wird
mittels einer „Kette“ verliehen, deren Anfang, nach René Guénon, mit einem „außermenschlichen Element“ spiritueller Art verbunden ist. Aus ihm kommt der Lichtsamen, der mittels einer Kette regelmäßig aus einer Welt, die nicht den Bedingungen von Zeit und Kausalität unterworfen ist, an unsere begrenzte Welt weitergegeben wird. Das erste Glied dieser Kette reicht bis zum Licht aller Anfänge.“

Los / Christus ist die Wirkkraft Heiliger Imagination. Und Imagination ist das lebendige Bild, das den Mythos durchwirkt.
Ein Mythos hat nicht den Anspruch wahr oder falsch zu sein. Mythos ist. Und da er grenzenlos und zeitlos ist in seinem Sein, ist er immer und allzeit gegenwärtig. Imagination ist ein Riss im Vorhang zwischen den Welten, durch das das Himmlische ins Irdische einbrechen und aus seiner jenseitigen Einwurzelung heraus im Diesseits wirksam werden kann.

Kehren wir nun also zurück zur sogenannten Jerusalem-Hymne und dem damit verbundenen Mythos, dass Christus einst den mythologischen Raum Englands durchschritten hat. Dieser Raum wird von Blake als Albion bezeichnet [abgeleitet von lat. albus/ weiß], der poetischen und ältesten Bezeichnung für die Insel Großbritannien. Blake sieht Albion, einem Adam Kadmon gleich, in vorzeitlich-menschlicher Gestalt; ein wahrer, lebendiger, kosmischer Mensch, der nach seinem Sturz in die vier Zoas gespalten, man könnte auch sagen, gekreuzigt wird. Oftmals wird er von Blake als schlafend gezeichnet.

Christus, die Kraft Himmlischer Imagination hat also diesen Raum durchschritten. Das, was durchschritten wird, erfährt Bewusstheit und trägt eine Spur des ihn Durchschreitenden in sich — eine verborgene Inschrift, ein Pfad der nachgeschritten werden kann, weiß man die Symbole zu erkennen und zu lesen. Blake deutet also auf eine Art seelische Landkarte hin, die auf eine geheimnisvolle Art und Weise verbunden ist mit der irdischen Landschaft, ihren Pfaden und Pfadmarkierungen, denn der kosmische Körper Albions spiegelt sich auf Erden wieder und so auch die verschiedenen Kraftzentren und Regionen des Körpers. Doch die schlafende Kraft muss wie der schlafende König der sich in den verschiedensten Mythen findet, erneut erweckt werden, der gekreuzigte Gott muss vom Kreuz, also aus der Aufspaltung, genommen und wieder in eine Einheit gesetzt und aufgerichtet werden, damit er wie die Weltenachse oder die aus einem Guss gefertigte Säule, wieder alle Welten durchdringen und miteinander verbinden kann. Es ist der König in uns Menschen selbst, der in einen todesähnlichen Schlaf versunkene Gottesfunke, der aus dem Mahlwerk der satanischen Mühlen befreit werden muss.

„Das Neue Jerusalem kann nicht durch Ziegel und Stein erbaut werden; es wird errichtet durch Liebe und Tränen und das Opfer des falschen Selbst von dem die Wirklichkeit verdeckt wird“*
-Tobias Churton.

Das Neue Jerusalem ist ein Himmlisches Jerusalem, ein Zustand der Seele, die aus ihrem Dämmerzustand erweckt wurde und heimgekehrt ist zu ihrem Ausgangspunkt. Demnach geht es um einen geistigen Kampf, dem sich der Mensch stellen muss und vom dem die beiden letzten Strophen von Blakes Jerusalem zeugen:

Bring me my Bow of burning gold: / Bring me my Arrows of Desire!
Bringt mir meinen Bogen flammenden Golds: / Bringt mir meine Pfeile des Verlangens!
Bring me my Spear! Oh, Clouds unfold! / Bring me my Chariot of Fire.
Bringt mir meinen Speer! O Wolken, entfaltet Euch! / Bringt mir meinen Feuerwagen.

I will not cease from Mental Fight, / Nor shall my Sword sleep in my hand,
Ich werde nicht lassen vom geistigen Kampf, /Noch soll mein Schwert ruhen mir in der Hand,
Till we have built Jerusalem / In England's green and pleasant Land!
Bis wir Jerusalem erbaut / In Englands grün und Freud’ schenkend Land!*

Der flammende Bogen, die Pfeile des Verlangens, Speer und Wolken, der in den Himmel hinaufsteigende Wagen aus Feuer, all dies sind Vereinigungssymbole, die verbildlichen, wie der Lichtfunken im Innersten des Menschen wieder mit dem Größeren Licht verbunden wird. Das entflammte Herz empfängt den Gottessamen lebenserneuernder Schöpfungspotenz.

-Die Wiedererrichtung des zerstörten Tempels-
Zuweilen erscheint es grotesk, dass der Mensch gerade dazu aufgerufen ist aus seinem Weltengefängnis einen Tempel zu errichten in dem das Göttliche Einzug halten kann.
Stein um Stein muss der Mensch die ihn umgebenden Wände seiner Grenzen und Begrenzungen einreißen und abtragen. Die stete Überforderung, die mit dem wachsenden Bewusstwerden über die eigene Gefangenschaft und dem wiederholt scheiternden Versuch sie zu überwinden einhergeht, ist bereits der Weg, denn im Grunde strebt der Mensch nach etwas ganz Unmöglichen — dem Übermenschlichen. Das Heroische ist, es dennoch zu wagen.
In der Wiedererrichtung des zerstörten Tempels aus seinen Trümmern, im Wiederherstellen ursprünglicher Ordnung liegt die wahre Bedeutung der Reformation: lat.: reformatio „Wiederherstellung, Erneuerung“; aus lat. re– „zurück, entgegen“ und lat. formare „formen, gestalten“, weil ein früherer, besserer Zustand wiederhergestellt werden soll, der dem augenblicklichen entgegengesetzt ist.

-Zirkel, Winkelmaß und Mittelpunkt-
“At the center of the circle, a master mason cannot err.” - Old masonic ritual /
„Im Mittelpunkt eines Zirkels, ein Meister-Maurer nicht irren kann.“*
Heißt es in einem alten masonischen Ritualtext. Es ist auch die zentrale
Vorstellung vollkommener Weisheit innerhalb des Rosenkreuzertums. „Der Mensch kann über das Universum keinerlei Weisheit erlangen, solange er nicht in seinem Zentrum angelangt ist.“* So, formuliert es Churton.

Einzelne Blickpunkte und persönliche Anschauungsweisen werden immer nur einen Teilausschnitt erfassen, selbst der sogenannte umfassende Blick umschließt nur die Oberfläche und umspannt viele Meinungen. Erst wenn die Sicht durch die Oberfläche hindurch dringt, zum Mittelpunkt hin, lässt sich von einem Erkennen sprechen. Und je näher ein Mensch zum Zentrum vordringt, desto weiter, klarer und wacher, grenzenloser und befreiter wird seine Sicht. Erkenntnis ist Einheit. Diese Einsicht muss sich vom Innersten her vollziehen, wo es keine persönliche Anschauung, nur noch eine überpersönliche Sicht gibt, denn Selbsterkenntnis ist Gotteserkenntnis — Gnosis.

Ein Spiegel, im Spiegel, im Spiegel — so ließe sich das Universum beschreiben. Alle Emanation ist Spiegelung des Höchsten, doch mit jeder weiteren, dichteren Ebene verzerrt sich das ursprüngliche Bild abermals. Das Himmlische Antlitz wird zur verzerrten Fratze im Irdischen. Der Mensch ist Urizen. Und der Mensch ist Los. „Er habe das zweite Gesicht“, heißt es von einem Menschen wie William Blake, dem die Innere Sicht sich eröffnet hat. Prophetie ist nicht die Vorausschau weltlicher Ereignisse sondern wirkliche Einsicht. Sie durchbricht Urizens Verstandesgrenze, Zeit wird nicht mehr nur als unendliche Linie im Raum erfahren, sondern umschließt die verschiedensten Dimensionen eines sich gleichzeitigen Ereignens und Wirkens.

Es sind eben jene symbolischen Werkzeuge der Knechtschaft, die dem Geknechteten den Weg aus seiner Knechtschaft hinausweisen.
Urizens Bannkreis der die Erdenwelt vom Weltenall trennt wird dadurch aufgehoben, dass nun aus dem Weltenchaos wiederum ein Stück herausgetrennt und dem Höchsten unterstellt wird. Ernst Cassirer: „Die Heiligung beginnt damit, dass aus dem Ganzen des Raumes ein bestimmtes Gebiet herausgelöst, von anderen Gebieten unterschieden und gewissermaßen religiös umfriedet und umhegt wird.“

Jede Heilige Stätte wird durch ihren Mittelpunkt und um ihn herum errichtet. Der Mittelpunkt ist hier sowohl Anfangs- wie auch Endpunkt, denn die ursprüngliche Ordnung soll wieder errichtet werden. Urizens Maß und Zeit bleiben außen vor; innerhalb dieses geheiligten Ortes herrscht das rechte Maß, nicht die Quantität sondern das verborgene Wesen der Zeit — die ununterbrochenen Gegenwärtigkeit des Ewigen.

„If the doors of perception were cleansed every thing would appear to man as it is, Infinite.
For man has closed himself up, till he sees all things thro' narrow chinks of his cavern.”
William Blake — The Marriage of Heaven and Hell

“Wenn die Pforten der Wahrnehmung geläutert wären, würde jedes Ding dem Menschen erscheinen, wie es ist — Unbegrenzt.
Denn der Mensch hat sich selbst verschlossen, bis er alle Dinge nur mehr durch enge Spalte seiner Höhle sieht.“*
William Blake — Die Hochzeit von Himmel und Hölle


Quellenverzeichnis:
William, Blake: Milton - A Poem in two Books (written 1804-1810)
William, Blake: The book of Urizen (edited 1794-1818)
William, Blake: The marriage of heaven and hell (written 1790-1793)
Tobias, Churton: Jerusalem!, The Real Life of William Blake
Sprache: Englisch, Watkins Publishing, 2015, 464 S.
Alexander, Gilchrist: Life of William Blake, Sprache/n: Englisch, Veröffentlichungsangabe: London: Dent [u.a.], 1942, 420 S.


Weil, Simone: Fabriktagebuch und andere Schriften zum Industriesystem
Aus dem Französischen übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Heinz Abosch.
Mit einem Vorwort von Albertine Thévenon. (Edition Suhrkamp). Ausgabe: 1. Aufl., dt. Erstausgabe, Ort/Jahr: Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1978, 247 S.

(*)Übersetzung aus der englischen Originalfassung des Textes: Bettina Katalin


Copyright © 2017 by Bettina Katalin
All rights reserved. No part of this publication may be reproduced, distributed, or transmitted in any form or by any means, including photocopying, recording, or other electronic or mechanical methods, without the prior written permission of the publisher


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