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Leser: 1395
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- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 2006-12-30 | |
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Ein Säufer, ein verantwortungsloser Geselle, ein Abtrünniger, ein Mörder, lautete das spontane Urteil der Menschen und so muss auch jenes des Gesetzes lauten. Dicht aneinander gedrängt standen die Menschen im Hof und vor dem Haus. Niemand sprach mit seinem Nachbarn. Die Menge lauschte in die unheilvolle, von unsagbarer Trauer heraufbeschworene Stille. Nur ein zeitweiliges, kaum vernehmbares, aus der Stube dringendes Stöhnen mischte sich unter das unregelmäßige Aufschlagen der Regentropfen auf die Regenschirme und drang wie ein Pfeil ins Herz der Menge. Der Totenwagen, gezogen von zwei stattlichen Pferden, fuhr vor das Haus und das schrecklichste aller Gehämmer ließ Männer und Frauen erstarren. Der Deckel des Sarges entriss die Verstorbene den verzweifelten Blicken ihrer Angehörigen. 25 Jahre alt, stand hinter dem Namen der Glücklosen geschrieben. Der Sarg wurde in den Hof getragen. Der Regen hatte nachgelassen und der Pfarrer begann seine Pflicht auszuüben. Trost spenden, das ist die Aufgabe, die ihm von der katholischen Kirche für solche Stunden des Entsagens aufgetragen wurde. Und er sprach. Sanft und würdevoll klangen die Worte. Worte des Trostes? Wollen die Priester überhaupt trösten oder sind sie sich bewusst, dass es keinen Trost gibt, und suchen darum die Tränen. Die Tränen der Untröstlichen, sie entlasten die Herzen. Und er sprach sanft und betont vom Abschied. Abschied von den Eltern, den Großeltern, den Freunden, den Arbeitskollegen, von allen Anwesenden und vom schmerzlichsten, unbegreiflichsten, doch vom gottgewollten Abschied vom Kind, vom 28 Monate alten Mädchen, das irgendwo bei Nachbarsleuten ahnungslos spielte. Nur ein Ungenannter durchgeisterte das Leitmotiv der Predigt. Der Gatte der Verstorbenen, der Vater des ahnungslosen, mutterlosen Kindes, der Schuldige dieser unglücksseligen Stunden. Der Mensch, das menschliche Gefühl für Recht auf Rechtsprechung des Menschen hat den Priester, den Würdenträger höchster Instanz, dazu veranlasst, sich selbst zu widersprechen. Wenn die Unschuldige sterben musste, weil für sie die Stunde des göttlichen Rechenschaftsberichts geschlagen hat, weil Gott sie frühzeitig zu sich bestellt hat, war der Schuldige ihres Ablebens nicht das Werkzeug, das Mittel zu ihrer Abberufung? Darf ein Priester diese göttliche Vorsehung missachten? Darf er dem Menschendünkel erliegen, wenn er theologische Beweggründe zu einer anderen Standesaufnahme der vorliegenden Tatbestände hat? Er brachte es tatsächlich fertig, das von der Menge erwartete „Abschied vom Gatte“ nicht auszusprechen. Der Urteilsspruch des Menschen über den Schuldigen hat, allen theologischen Rücksichtnahmen über den göttlichen Beschluss zum Trotz, obsiegt und lautete, wenn auch nicht ausgesprochen, auf schuldig. Der Widerspruch liegt offen vor Augen: Gott hat es gewollt, aber sein Stellvertreter vor den Menschen verurteilte sein Mittel zum Zweck nach menschlichen Maßstäben. Von menschlichen, unzerlegbaren Gefühlen des primitiven Anspruchs auf Be- und Verurteilung geleitet, verurteilte der Priester in seiner Ansprache den Schuldigen und klagte ihn mittels des Verschweigens seiner Existenz sowohl des vorsätzlichen Mordes als auch der Gottlosigkeit an. Er merkte nichts von dem Zweifelsanstoß, der sich im Aufbau seiner Totenpredigt angebahnt hatte. Auch die Menge, die zwar das Nichterwähnen des Gatten bemerkt hatte, begriff den dadurch entstandenen Riss in dem theologischen Zusammenhang der Predigt nicht, weil ein gemeinsames Gefühl des Mitleids einerseits und des Vergeltungsbedürfnisses andererseits die Menschen völlig mit dem Priester übereinstimmen ließen. In bedrückender Stille zog der Begräbniszug, man nannte ihn im Dorf die Leicht, auf den Friedhof. Nur das Knarren des mit Blumenkränzen überhäuften Totenwagens war zu hören. Das Kirchhofsglöcklein empfing die Tote mit seinem schrillen, kindlich fein klingenden Geläut. Die Zeremonie am Grab war kurz und das letzte Lied des gemischten Chores entlockte den schwer geprüften Eltern noch einmal einige Tränen. Die Sonne erschien hinter einer Wolke und der Sarg verschwand im dunklen Grab. Die Menschen beugten sich in derselben perfekten Ordnung über die Grube und warfen kleine Erdbrocken auf den Sarg zum Zeichen der letzten Ehrerbietung, bevor sie den Heimweg antraten. Der Himmel hatte sich entwölkt und die untergehende Sonne warf ihre warmen Strahlen auf die zurückgebliebenen, vom Schicksal gebeugten Angehörigen der Verstorbenen. [Jahrmarkt, 1982]
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