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durch ioana orleanu [ioana orleanu]

2008-08-03  |     | 



Als er geboren wurde - war das ein schöner Tag ?
Er weiß es nicht. Man hat es ihm nicht gesagt. Hat er je danach gefragt ? Ich schaue ihn an. Er stützt sein Kinn auf die Hand und starrt vor sich hin. Ich tippe leicht an seine Stirn: Was geht da oben vor ?
Keine Antwort.
Hee ! Was machst du ? Schläfst wohl ein ?
Nein. Ich denke nach...

Das meiste weiß er gar nicht mehr. War seine Kindheit glücklich ? Nein, eher nicht. Unglücklich? Auch nicht. Erinnerungen ? Nur ein paar: Wie er die heiße, staubige Dorfstraße barfuß entlanglief. Wie die meisten Kinder wurde auch er in den Sommerferien zu den Großeltern, auf's Land (frische Luft, viel gesünder als hier, in der Stadt, wird dir guttun !...) verfrachtet. Monatelang - in einem vergessenen Dorf am Fluß. Die Tage waren lang und glühend, Formen und Farben verschwammen in der alleszerschmelzenden Hitze, das Atmen fiel schwer, man zerging. Linus aber war glücklich. Er streifte tagein, tagaus durch die karge Landschaft, frei und unbekümmert. Er ging angeln und zum Mittagessen (wir aßen alle aus einem Topf) gab es manchmal tagelang nur die von ihm gefischten Fischchen. Nachts schlief er draußen, im Vorbau. Auf dem Fußboden ? Auf dem Fußboden. Ich konnte die Sterne sehen. Es war schön. Seine Großmutter war eine schweigsame Frau. Mich schlug sie nie. Den anderen Enkel aber - windelweich. Sie mochte mich. Linus fürchtete sich dennoch. Lächeln hat er sie nie gesehen.

Und weiter ?
Weiter ?
Ja, weiter !...

Ein einziges Mal sei er mit seinen Eltern verreist. Über ein Wochenende, in eine Provinzstadt, wo eine entfernte Verwandte wohnte. Beide gönnten sich aber jedes Jahr mehrwöchige Kuraufenthalte. Sie bekamen das bezahlt. Ja, das war damals so.

Er staunt über meine Fotoalben. Nein, ihn hätten sie nie fotografiert. Da siehst du, wie wichtig du ihnen warst !

Ich bin seine höhere Instanz.
Ich sehe durch ihn hindurch.
Ich lenke seine Schritte.

Er widerspricht mir nie. Ich rede, erkläre, schreie ihn an. Manchmal möchte ich ihn schlagen. Verstehst du ? Verstehst du ?? Wie ein gescholtenes Kind sitzt er dann da, groß, versteinert, er sitzt da und starrt ins Leere. Und schweigt. Und schlägt nie zurück.
Verstehst du ?
Du hast Recht.
Ich bin zufrieden.

Manchmal macht er kleine, unschuldige Späßchen. Er ist eine heitere Natur.
Zu heiter. Zu sorglos. Laß nur. Es wird schon. Aber wie ? Wie ? Wieder starrt er schweigend vor sich hin. Er ist eine schwermütige Natur.
Seine Eltern sah er nicht oft. Denn nach der Krippe folgte das Wocheninternat und so war Familienleben Wochenendsache. Die Mutter hat ihn nicht verzärteln wollen. Sie war auch eine Frau vom Land, hart, kalt und ziemlich beschränkt. Hat sie ihn je liebkost ? Liebkost ? Vielleicht - wenn er Geburtstag hatte. Sein Geburtstag wurde also doch gefeiert ? Ja, mit drei-vier älteren Verwandten. Und Geschenke ? Bekam er Geschenke ? Nein. Nein ? Nein. Auch zu Weihnachten nicht ? Wir haben kein Weihnachten gefeiert. Ach ja, natürlich. Seine Eltern waren ja systemtreu. Seine Mutter erzählte, wie sie vor seiner Geburt mit dem Gedanken gespielt hatte, ihn Marx, Engels oder Lenin zu nennen. Und Linus hatte es nie in Erfahrung bringen können, ob sie das als Witz meinte oder nicht.
(Auszug)

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