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Die  Stiefmutter ::


Die Stiefmutter
prosa [ ]

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durch ioana orleanu [ioana orleanu]

2008-08-03  |     | 



Staubig und verlassen schlängelte sich der Weg durch fast ausgetrocknete Maisfelder dem silberblauen Schimmer der Donau entgegen. Wie oft war sie ihn wohl gegangen, in all den Jahren, den Jahrzehnten, durch sich türmende Schneemassen, wenn der Ostwind ihr eisig ins Gesicht blies, durch strömenden Regen, wenn die Wolken so tief hingen, daß sie dich fast erdrückten, durch das aufkeimende Grün, das die baldige Farbenpracht ankündigte, wie oft war sie ihn schon gegangen, diesen Weg? Im Morgengrauen begegneten ihr die einen oder anderen ihrer Schüler. Halbverschlafen und träge gingen sie einher, sicher noch in ihren Träumen versunken. Sie betrachtete sie mitleidig, sie waren noch so klein, der Weg noch so lang, aber wenn sie viel zu langsam waren, dann beschleunigte sie schon den Schritt, holte sie ein und fuhr sie streng an: Schämt ihr euch denn nicht, daß ich, in meinem Alter, schneller bin als ihr? Soll ich etwa mit dem Unterricht auf euch warten ? Die Kleinen pflegten dann erschrocken loszurennen und sie schaute ihnen, immer leicht schmunzelnd, nach. Ach, wie waren diese Jahre, diese Jahrzehnte vergangen. Sie kannte hier jede Biegung, jeden Baum, jeden Stein ! Sie ging mit kleinen Schritten, schnell, wie immer, und doch schwankend, gut, daß sie den Stock nicht vergessen hatte... Also war es doch so weit gekommen !, sie hatte es in all den Jahren gewußt - nein, nicht gewußt: gespürt, geahnt, befürchtet und verdrängt !
Na, siehst du mich ? Siehst du mich jetzt ? Habe ich nicht Recht gehabt ? Was sagst du nun? Was ?
Daß du immer Recht hast !, hätte der Alte lächelnd geantwortet. Wie oft hatte er sich doch so auf seine gutmütige Weise über sie lustig gemacht ! Denn sie war mißtrauisch, ja ! Aber hatte sie nicht allen Grund dazu ? Waren sie denn nicht von Feinden umgeben ? Alle Menschen haben Feinde, erwiderte der Alte. Immer wieder. Und er ermahnte sie zur Heiterkeit. Fröhlicher sollte sie sein. Unbesorgter. Nicht immer alles so tragisch nehmen. Zu einer wahren Kunst hatte er es darin gebracht, ihr die Nichtigkeit ihrer ständigen Befürchtungen und Ärgernisse vor Augen zu führen. Ein gutmeinender Nachbar hätte ein paar Trauben geklaut ? Bedeute das für sie nicht etwa : weniger Arbeit ?! Zwei Kücken seien gestorben ? Besäßen sie aber nicht dennoch - mehr als genug?! Überhaupt solle sie sich überlegen, ob ihr ewiges Fluchen die armen Tiere nicht unnötig verschrecke. Er hätte ihnen schon mehrmals versprochen, sie davon abzubringen. Und jetzt müsse sie ihm schon helfen, wenn er nicht vor der ganzen Federgemeinschaft als Lügner dastehen solle...
Wenn sie ihn so sah, so besonnen, so gutherzig, so um sie bemüht, wußte sie nicht, ob sie weinen oder lachen sollte. Denn sie hatten Sorgen und wenn sie in diesem gottverdammten Dorf auch gegen bester Bezahlung keinen finden konnten, der bereit gewesen, ihnen bei der Landarbeit zu helfen, wenn sie, in ihrem Alter!, hacken oder gar die Ziegen hüten mußten, da half des Alten heitere Sicht der Dinge nicht sehr viel. Seinem unverwüstlichen und doch nur selbstverordneten Optimismus setzte sie dann die Evidenz der Realität gegenüber: Es ging nicht mehr wie früher; die Hühner, der Garten, die Ziegen - es war zu viel, die Jahre hatten ihre Kräfte ausgezehrt, sie war so müde, so müde. Die Hoffnung entgegnete der Alte, sei ein wunderbares Gut, der Empfindsame benötige sie wie die Luft zum Atmen, das Leben wär' ihm sonst unerträglich; und das Leben, dieses beschwerliche, aber einmalige, einigermaßen zufrieden und würdig zu durchschreiten - sei es nicht das, wonach der Mensch vernünftigerweise streben müßte ? Sein Blick umhüllte sie in seiner Milde. Und dennoch konnte er nicht viel ausrichten: Dieses Nicht-Mehr-Können, dieses Bewußtsein des Alterns, des Schwächer-Werdens brachte sie fast um den Verstand. Der Alte tröstete sie dann auf seine Weise. Nur Mut, du Henne, denn jetzt wirst du geschlachtet.
(Auszug)

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