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poezii



 
Anklage :: Skizze


Anklage
prosa [ ]
Skizze

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durch Anton Potche [Delagiarmata]

2008-06-13  |     | 



Die FGL-Konferenz tagt. Das ist kein Spaß. Man merkt es an den todernsten Gesichtszügen. Es ist die x-te Sitzung. Niemand hat es sich leicht gemacht. Aber irgendwann musste ein Schlussstrich gezogen werden. Nun ist es soweit. Die Urteilsverkündung steht bevor.

Der Angeklagte wird in den Konferenzraum gebeten. Ja, gebeten, nicht geführt! Man ist schließlich ein zivilisiertes Unternehmen und auch Fehltritte sollen die Würde des Angeklagten nicht lädieren. Der Fertigungsgruppenleiterälteste hat die verantwortungsvolle Aufgabe der Urteilsbegründung und -verkündung übernommen.

Werker Aubacke sitzt angespannt auf dem ihm zugewiesenen Platz. Er lauscht in sich gekehrt den Anklagepunkten. Am Anfang glaubt er ein leichtes Vibrato in der Stimme des FGL-Ältesten wahrzunehmen. Dessen Stimme wird aber immer sicherer, bestimmter und nimmt sogar eine bedrohliche Klangfülle an.

Tagesstückzahl nicht erreicht. – Schuldig!
Messgeräte nicht geeicht. – Schuldig!
Qualitätsziel verfehlt. – Schuldig!
Notausschalter nicht überprüft. – Schuldig!
Schnittwunde am Arm selbst verschuldet. – Schuldig!
Im Gruppengespräch geschnarcht. – Schuldig!
Bandscheibenschaden durch schlechtes Bücken herbeigeführt. – Schuldig!
Auditorenfragen blödsinnig beantwortet. – Schuldig!
Reinigungslisten nicht unterschrieben. – Schuldig!
Pyramidenstapelung nicht respektiert. – Schuldig!
Arbeitsplatz um drei Minuten zu früh verlassen. – Schuldig!
Beim Sitzen auf einer Rammschutzleiste erwischt. – Schuldig!

Es geht weiter. Aubacke bekommt leidlich Mühe mit der Konzentration. Irgendwann ist der Anklagevorleser mit seiner Liste aber dann doch am Ende.

Jetzt musst du aufstehen. Eine Urteilsverkündung wird stehend in Empfang genommen. Das hat Aubacke in amerikanischen Filmen gesehen. Schließlich ist er ein Kulturmensch. Er erhebt sich und nimmt mit erhobenem Haupt das Urteil entgegen.

* * *

Schweigen. Alle schweigen. Das Urteil war einstimmig zustande gekommen. Der Mann ist eindeutig schuldig. Nur... Etwas gebeugt von der immensen Last einer Strafmaßverkündung – man ist ja schließlich kein Berufsrichter – spricht der FGL-Älteste dann das Unvermeidliche aus. Seine Stimme hat merklich an Kraft verloren. Er ist halt nur ein Mensch, der Arme. Das spricht eigentlich nicht nur für ihn, sondern für das ganze Gerichtsgremium. Da sah man wirklich feuchte Augen. Oh, oh, Aubacke! Was hast du diesen Menschen angetan?

* * *

Urteilsspruch: Bis zur Klärung nachstehender Frage wird die Strafmaßverkündung vertagt.

Frage: Wer arbeitet, wenn Aubacke sitzt?

[Ingolstadt, 2003]

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