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poezii



 
Eine merkwürdige Begegnung ::


Eine merkwürdige Begegnung
prosa [ ]

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durch ioana orleanu [ioana orleanu]

2008-06-13  |     | 



Jahrezehnte lang wurde diese Begebenheit streng geheimgehalten. Sie ereignete sich vor etwa vierzig Jahren in Paris.

An einem warmen Abend im Mai betrat ein bärtiger Mann in ziemlicher Eile die Brasserie Larue an der Ecke rue Royale/place Madeleine. Er blieb zunächst in der Tür stehen und warf einen aufmerksamen Blick auf die Straße, drehte sich dann um, durchschritt festen Schrittes das Lokal und setzte sich an einen Tisch in der entlegensten Ecke, von wo aus er aber gut den Eingang im Auge behalten konnte. An jedem anderen Ort als in diesem Paris des Jahres 1966 wäre seine ungewöhnliche Erscheinung ohne weiteres aufgefallen. Er trug olivfarbene Kleidung, die an eine Armeeuniform erinnerte. Sein Anorak war etwas abgetragen und seine schwarzen, schweren Stiefel alles andere als blankpoliert. Über das dunkle, schulterlange Haar trug er eine schwarze Mütze, an der ein kleiner, silberner Stern befestigt war. Der Bärtige bestellte einen Kognak (dabei stellte sich heraus, daß er Französisch zwar ausgezeichnet, aber doch mit einem eigenartigen, ausländischen Akzent sprach), zündete seine Pfeife an und begann ruhig die paar Zeitschriften, die er mitgebracht und auf den Tisch geworfen hatte, durchzublättern. Sein Gesicht hatte ausgesprochen schöne Züge, die durch eine unerwartete Mischung aus großer Willensstärke und ebenso großer Sanftheit bestachen. Seine dunklen Augen erhoben sich ab und an, um gelassen und doch neugierig, die beiden Kellner, die am Tresen lehnten und sich dumme Geschichten erzählten, die hohen Räume des Lokals und, durch die offenen Türen, das Treiben auf der Straße zu beobachten. Dabei war sein Blick verblüffend. So klar, so offen, so hochherzig schien er unmöglich einem menschlichen Wesen zu entströmen.
Eine halbe Stunde verging so ganz gemächlich. Aber auf einmal, völlig unerwartet, wurde der Bärtige kreidebleich. Schweiß schoß ihm aus allen Poren, keuchend rang er nach Luft. Er klammerte sich an den Tisch und versuchte ruckartig aufzustehen. Seine Pfeife und die Zeitschriften fielen zu Boden. Die Kellner erschraken und rannten zu ihm hin.
„Monsieur ! Monsieur!“
„Ce ... n’est ... rien ... rien“, stammelte er röchelnd und versuchte sie mit einer Hand abzuwehren, während er mit der anderen krampfhaft in der Tasche seines Anoraks wühlte. Offensichtlich ging es ihm immer schlechter, denn er schien das Bewußtsein zu verlieren.
„Kein Krankenhaus ... kein Kranken-...,“ murmelte er noch. Einer der Kellner beugte sich, geistesgegenwärtig, über ihn, zog ihm die Hand aus der Anoraktasche, wühlte selbst darin und fand schließlich eine kleine Medikamentenpackung. Nachdem er einen kurzen Blick darauf geworfen hatte, verabreichte er ihm die Medizin.
„Sollten wir nicht doch einen Krankenwagen rufen ?“, fragte der andere Kellner.
„Nicht nötig, er kommt gleich zu sich“.
„Bist du dir sicher ?“
„Wozu studiere ich denn Medizin, hein ? Das da ist ein typischer Asthmaanfall, bestimmt nicht sein erster und – auch nicht sein letzter. So einer wie er rennt dafür sicher nicht jedes Mal ins Krankenhaus.“
„Wie du meinst“, entgegnete der andere beschwichtigend, aber nicht wirklich überzeugt. Schweigend kehrten beide zum Tresen zurück.
Aber der Medizinstudent sollte Recht behalten. Kurz darauf wurde der Atem des Bärtigen leichter und er kam langsam wieder zu sich. Dennoch schien es ihm nicht wirklich gut zu gehen, denn er schaute sich verwirrt und irgendwie verwundert um, so als ob er den Raum, in dem er sich befand, nicht wiedererkennen würde. Dann aber starrte er erstaunt vor sich: Direkt ihm gegenüber, an seinem Tisch, war ein schmächtiger Fremder erschienen, der kreidebleich und schweißgebadet, ebenfalls keuchend nach Luft rang.
„Was für ein Zufall“, schoß es noch dem Bärtigen durch den Kopf. Dann griff er blitzschnell zur Medikamentenpackung, die auf dem Tisch liegengeblieben war.
„Hier, hombre, das wird dir helfen.“ Der Schmächtige sträubte sich zunächst, er war aber zu schwach, um sich wirklich wehren zu können, so daß er letztendlich die Medizin einnehmen mußte. Nach einigen Augenblicken, in denen er ohnmächtig schien, wurde sein Atem leichter und er kam langsam zu sich.
„Geht’s wieder ?“, fragte der Bärtige gutmütig lächelnd. Der Schmächtige, der etwas verwirrt um sich blickte, war aber erbost.
„Was haben Sie mir da verabreicht ?“
„Das, was ich auch nehme, Bruder“, antwortete der Bärtige und zeigte auf die Medikamentenpackung. „Nimmst du etwas anderes ?“
„Ich nehme gar nichts“, sagte der Schmächtige herausfordernd.
„Gar nichts ? Und wie kommst du dann klar ?“
„Mit Fumigationen.“
Der Bärtige war zunächst sprachlos.
„Aber“, wandte er dann ein, „das sind doch Therapiemethoden von anno dazumal !“
„Meinen Sie ? Nun, ich kann Ihnen versichern, daß ich schon alles Mögliche versucht habe. Eine Zeitlang durften mich die Ärzte als Versuchskaninchen benutzen. Was mir nicht alles empfohlen und verboten worden ist ! Wissen Sie, die Medizin ist alles andere als eine ‚exakte Wissenschaft’. Die Herren Doktoren irren sich. Sie irren sich ein bißchen zu häufig. Ich sage das nicht aus Bosheit. Mein Vater war, mein Bruder ist Arzt.“
„In einem anderen Leben war ich es auch“, warf der Bärtige mit einer gewissen Ironie ein.
„Ich versichere Ihnen, daß ich alle Achtung vor diesem Berufsstand hege. Aber haben Sie schon einmal bemerkt, wie oft Ihre Kollegen ‚durch Optimismus im Bezug auf das Regime des Kranken sündigen, durch Pessimismus aber, was den Ausgang ihrer Leiden betrifft ?’ Ein Arzt, der ‚in der Avenue de l’Opera von jemand gegrüßt wird, den er seit langem auf dem Père-Lachaise vermutete’, wird ‚in dessen Hutschwenken immer eine Gebärde heimtückischer Bosheit erblicken’. Ich, für meinen Teil, richte mich schon seit langem nur noch auf meine Erfahrung. Und diese sagt mir, daß Fumigationen, so antiquiert sie auch sein mögen, das Mittel sind, das mir allein hilft.“
„Meine Medikamente haben aber auch geholfen“, sagte der Bärtige. Der Schmächtige kam ihm irgendwie bekannt vor, deshalb betrachtete er ihn genauer. Hochgewachsen und zierlich drückte dieser, wie viele Asthmatiker, die Brust nach vorn, um leichter atmen zu können. Die tiefen, glänzenden Augen waren von dunklen Ringen umrandet, das schmale Gesicht von einer feinen Adlernase beherrscht, auf der Stirn fiel eine rebellische, pechschwarze Locke. Der Schmächtige trug einen kleinen Schnurrbart. Sein Alter war schwer zu erraten, er hätte genauso gut dreißig wie fünfzig Jahre alt sein können. Etwas sehr Zerbrechliches lag in seiner ganzen Gestalt und dieser Eindruck wurde dadurch, daß er in einem weiten, mit Pelz besetzten Mantel so eingemummt war, daß er in ihm zu verschwinden schien, noch verstärkt. Der Schnitt seiner Kleider und der hohe, gestärkte Kragen seines Hemdes muteten sonderbar altmodisch an, außerdem waren seine Schuhe nicht geschnürt sondern zugeknöpft und auf den Stuhl neben sich hatte er einen schwarzen Zylinder gelegt. Was für eine Extravaganz !
„Sie haben Recht“, sagte der Schmächtige unvermittelt und sein Gesicht erhellte sich in einem freundlichen Lächeln. „Es hat geholfen und ich bin Ihnen sehr dankbar dafür. Aber ich frage Sie nicht, was Sie mir da verabreicht haben, damit ich mir nicht den Kopf darüber zu zerbrechen brauche, ob ich es vertrage oder nicht.“ Sein Ärger war verflogen, das Schneidige aus seiner Stimme verschwunden. Jetzt sprach er leise, gemessen, neigte dabei den Kopf leicht zur Seite und stützte ihn auf der linken Hand, einer kleinen, samtweichen Hand, die aber, wie C., seine treue Haushälterin gesagt haben würde, Nägel wie Krallen zu haben schien. Ab und zu schaute er um sich und wirkte dabei etwas verwundert.
„Hier hat sich in letzter Zeit einiges sehr verändert.“
„Kommen Sie oft her ?“
„Früher habe ich jeden Tag hier gegessen. In letzter Zeit aber... Es geht mir nicht gerade gut. Manchmal fühle ich mich so schwach, daß ich tagelang nicht aufstehen kann. Das heißt – ‚tagelang’ ist eigentlich der falsche Ausdruck, ‚nächtelang’ müßte es richtig heißen. Tagsüber versuche ich gewöhnlich zu schlafen. Erst am Abend und in der Nacht, wenn die Luft reiner wird, stehe ich, wenn überhaupt, auf. Sie dürfen sich ruhig wundern, alle Welt entrüstet sich und belehrt mich darüber, wie ungesund, wie unnatürlich das sei, aber – was soll ich machen ? Meine Konstitution fordert eben diese Lebensweise von mir. Ich tue es aus Notwendigkeit.“
Der Bärtige wurde nachdenklich.
„Das ist höchst verwunderlich. Ich meine nicht diese Lebensweise “, fügte er schnell hinzu, „sondern den Zufall. Erst das Asthma, dann das... Ich lebe auch vornehmlich in der Nacht. Es ist schon öfter passiert, daß ich jemanden für, sagen wir, drei Uhr zu mir gebeten habe, der betreffende aber um drei Uhr nachmittags bei mir erschien, so daß er weggeschickt werden mußte, weil ich noch schlief. Ich hatte eben vergessen ihm ausdrücklich zu sagen, daß ich drei Uhr in der Nacht meinte.“
Der Schmächtige lächelte, wurde dann aber selbst nachdenklich.
„Es ist in der Tat ein ungewöhnlicher Zufall. Sie sind aber kein Franzose, nicht wahr ?“, fragte er unvermittelt.
„Nein.“
„Sie sind auf Reisen hier ?“
„So kann man es sagen... Ja...“
„Und Sie haben den Louvre besucht ?“
„Ja...“
„Entschuldigen Sie bitte, wenn ich Ihnen mit meinen Fragen zu nahe trete, aber ich möchte nur zu gerne wissen, was Sie eigentlich machen.“
Der Bärtige schmunzelte.
„Oh, das ist leicht zu sagen. Ich mache Geschichte.“
„So, Sie studieren...“
„Nein. Ich mache sie.“
„Aha.“
Da fiel der Blick des Schmächtigen auf das Titelbild einer der Zeitschriften, die auf dem Tisch herumlagen und zu seiner großen Verwunderung erkannte er darauf das Konterfei seines Gegenübers. „Der Racheengel der Revolution“ stand darüber in roten Lettern geschrieben und in der Tat wirkte der Bärtige auf diesem Bild viel ernster, ja geradezu düster.
„Sie sind, wie mir scheint, berühmt“, sagte der Schmächtige und zeigte auf die Zeitschrift.
„Na ja, so berühmt wie ein Rockstar wohl nicht.“
„Wie ein was ?“, fragte der Schmächtige erstaunt. Der Bärtige schaute ihn forschend an, gab aber keine Antwort.
„Wenn Sie so berühmt sind, dann verfolgen Sie bestimmt eine Menge Leute auf Schritt und Tritt.“
„Ich habe sie gerade abgehängt“, antwortete der Bärtige zufriedenen. Dennoch fuhr er fort den Schmächtigen aufmerksam zu betrachten.
„Ich muß gestehen, daß ich Sie leider überhaupt nicht kenne“, sagte dieser.
„Politik ist also nicht Ihr Ding ?“
„Ach, die Politik ! Wenn ich es mir Recht überlege, hat sie es bisher nur einmal vermocht, mich wirklich in ihren Bann zu ziehen und zwar mit der Dreyfuss-Affaire...“
„Der Dreyfuss-Affaire ?“, rief der Bärtige nun seinerseits sehr verwundert aus.
„Das kann man nur schwer glauben, nicht wahr ? Nächtelang habe ich mit Freunden und Gegnern darüber debattiert. Sogar hier, in diesem Restaurant. Also, um Ihre Frage zu beantworten: Ich verfolge alles, so gut es in meinem Zustand geht.“
„Sie sind also ein Zuschauer. Ein zuschauender Intellektuelle, nehme ich an.“
„Schriftsteller. Ich erhebe den Anspruch, Schriftsteller zu sein. Die Politik interessiert mich weniger in ihrem konkreten Tagesgeschehen, dafür umso mehr in den psychologischen Abgründen, die sie, ungewollt, offenbart.“
Der Bärtige verzog das Gesicht.
„Hombre“, sagte er mit plötzlichem Ungestüm, „der Arme, der Hunger hat, seine Kinder dahinsiechen sieht und die Hoffnung, daß seine Lage sich je ändern wird, längst aufgegeben hat, pfeift auf die psychologischen Abgründe. Die Offenbarungsfrage ist daher einfach: Ist man bereit zu teilen, damit der Mitmensch nicht mehr Not leidet ?“
„Wenn das so einfach wäre.“
„Es ist einfach.“
„Sie sollten wissen, daß ich überhaupt keine sozialen Vorurteile hege und den Kontakt zu den Leuten aus dem Volk immer gesucht habe. Die soziale Herkunft hat mich bei der Beurteilung eines Individuums nie beeinflußt. Und, um auf Ihre Frage zurückzukommen, ja, ich gäbe alles, was ich noch besitze, gerne hin, wenn ich Leid und Not so lindern könnte.“
„Aber ? Denn hier schleicht sich bestimmt eine gewichtiges „aber“ dazwischen“, fiel ihm der Bärtige ziemlich barsch ins Wort.
„Zwei ‚aber’, wenn Sie es genau wissen wollen. Das erste ist durchaus egoistischer Natur. Ich sagte Ihnen bereits, daß ich Schriftsteller bin. Mein ganzes Trachten, der Sinn meines mir noch verbleibenden Lebens ist mein Werk. Denken Sie nicht, ich sei übermütig oder gar größenwahnsinnig. Aber dieses Werk ist bedeutend und es wird überdauern. Es zu vollenden, betrachte ich als meine höchste Pflicht. Das ist, wenn Sie so wollen, mein Dienst an der ‚Menschheit’. Das, was ich ihr vermache. Und es ist nicht wenig. Glauben Sie mir – nur dafür lebe ich. Ich besitze nicht mehr so viel Geld wie früher, aber ich bin natürlich noch wohlhabend. Ich besitze eine große Wohnung, die mit Möbel vollgestopft ist. Aber in dieser Wohnung benutze ich nur ein Zimmer und die Möbel behalte ich, weil sie einen unschätzbaren Erinnerungswert für mich haben. Ich hänge nicht am Materiellen, ich schlafe auf einem einfachen Eisenbett und einen Anzug oder ein Paar Schuhe bestelle ich mir, wenn überhaupt, alle fünf Jahre. Man hält mich für extravagant, weil man mich nicht kennt. Nun, wenn ich wüßte, sicher sein könnte !, daß ich bis zur Vollendung meines Werkes – dieser Zeitpunkt wird auch mein Lebensende markieren, das spüre ich, wenn ich mich nicht doch täuschen und vorher abtreten sollte... – frei von finanziellen Sorgen leben könnte, daß man für meine Bedürfnisse aufkommen würde, so könnte ich mir schon vorstellen, mein Eigentum der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, zumal ich dann meine kostbare Zeit mit Aktienkursen, Rechnungen und solcherlei lästigem Krimskrams nicht mehr vergeuden würde.“
„Das ist aber ein erschreckend individualistischer Standpunkt“, empörte sich der Bärtige, während der Schmächtige zustimmend nickte.
„Ja, ich gebe es zu...“
„Es ist aber ‚ein Verbrechen, an Individuen zu denken, weil die Bedürfnisse des Individuums angesichts der Bedürfnisse der Masse der Menschen vollkommen in den Hintergrund treten’. An sie, an diese Vielen, muß man zunächst denken. Jene Gesellschaft, die Ihnen in der Tat nur aus egoistischen Beweggründen vorschwebt, wird aufgebaut. Aber als erstes versucht sie Elend, Hunger, Krankheit auszurotten. Sie braucht handelnde Menschen, nicht redende.“
„Nun, Schreiben ist eine schweigsame Tätigkeit“, gab der Schmächtige schmunzelnd zurück. „Es ist sehr lobenswert, sich der Armen anzunehmen. Nur wäre es bedenklich, mehr als bedenklich, dabei die geistigen Größen eines Volkes zu vernachlässigen, sie in den Strudel einer - Revolution untergehen zu lassen.“
„Was wollen Sie von mir hören ? Daß der Mensch ‚Kultur’ wie die Luft zum Atmen braucht?“
„Ich weiß nicht, ob jeder Mensch sie in gleicher Weise braucht. Außerdem müßte man zunächst übereinkommen, was ‚Kultur’ überhaupt ist. Daran scheiden sich wohl viele ‚Geister’. Nein, was ich meine, ist, daß ein Volk, gerade wenn es sich anschickt alles umzugestalten, seine weitblickendsten, sensibelsten, talentiertesten Köpfe sozusagen unter Denkmalschutz stellen müßte, denn ohne sie ist es unweigerlich dazu verdammt, in die Barbarei zu versinken (für normale Zeiten gilt das übrigens auch...). D’ailleurs: Sie selbst scheinen mir überhaupt nicht jener nur-handelnde Mensch zu sein, den Sie herbeibeschwören wollen.“
„Wenn einer verletzt im Straßengraben liegt, was wirst du tun, hombre, ihn verarzten oder ihm Gedichte vortragen ?“, fragte der Bärtige leidenschaftlich. „’Es gefiele mir zum Beispiel hinauszugehen und im Schatten einer Pyramide oder vor Tut-ench-Amuns Sarkophag zu träume’n. Aber ich habe längst ‚auf das, was ich am meisten genieße’, verzichtet. Meine Bedürfnisse sind hintangestellt. Der Mensch muß lernen sich aufzuopfern, der Wissende, Sehende sogar mehr als jeder andere ! Denn er begreift am ehesten, was notwendig ist, um das Gesicht dieser Welt endgültig zu verändern. Er muß als erster mit gutem Beispiel vorangehen und in sich den neuen Menschen schaffen.“
„Den neuen Menschen ?“, horchte der Schmächtige auf.
„Den Menschen, der sich von dem Blendwerk dieser verkommenen Profit-Gesellschaft nicht einnehmen läßt, der dem Wesentlichen huldigt, in dem Dienst an den Nächsten mit Freude aufgeht und seinen Lohn nie im Materiellen sucht. Es ist nicht einfach, ihn heranzuzüchten, das weiß ich nur allzu gut, aber das Ergebnis wird die Mühe tausendfach entlohnen.“ Die Augen des Bärtigen glühten. „Es wird eine Zeit kommen, bald, sehr bald, mancherorts bricht sie schon an, da wird die Ungerechtigkeit von der Erdoberfläche verschwinden und niemand wird mehr ‚als Lasttier in das Joch des Ausbeuters gespannt sein’. Die Ähre wird endlich ‚mit Liebe und Anmut geschnitten’ werden, der Mensch, von der Notwendigkeit seines Tun überzeugt, wird wie ein bewußtes Rädchen arbeiten, ja, die Menschheit wird ein fleißiges Bienevolk bilden und von überall wird sich die Stimme der Völker auf ewig erheben: ‚So soll es sein: Möge in jedem Winkel die Freiheit errungen werden’...“
Der Schmächtige hörte mit weit aufgerissenen Augen zu. Diese tiefe, warme Stimme, diese Überzeugung und Opferbereitschaft zogen ihn mit hypnotischer Kraft in ihren Bann. Der Bärtige erschien ihm wie der Prophet eines neuen, gewaltigen Glaubens, der der Menschheit die langersehnte Erlösung tatsächlich bringen würde. Und obwohl er sich sicher war, daß jener sich irrte, gewaltig irrte !, vielleicht auch – gerade deshalb, überkam ihn plötzlich tiefste, fast an Liebe grenzende Zuneigung für ihn.
„Was Sie sagen“, wand er ernst ein, „ist in der Tat notwendig und gerecht. Aber manches verstehe ich nicht. Das ‚Bienenvolk’ mag vielleicht sogar mit Liebe seine Pflicht erfüllen – aber lebt es letztendlich nicht ein furchtbar eintöniges, graues, flaches Leben ? Der Mensch braucht doch die Vielfalt, das Abenteuer, die Übertretung. Auch der Ärmste lechzt danach. Dafür will er schließlich selbst reich werden: Er meint, der Reiche würde viel mehr davon abbekommen...“
Der Bärtige schwieg einen langen Augenblick.
„Sag mir, hombre, wie viele wirkliche Abenteuer hast du denn erlebt ?“, fragte er schließlich leise. „Weißt du vielleicht, wie es ist, durch die Wildnis zu schleichen, den Feind zu umlauern, selbst umlauert zu werden, deine Haut jeden Moment auf’s Spiel zu setzen ? Weißt du, wie es ist, wenn du schneller als der andere sein mußt, damit du ihn tötest, bevor er dich tötet ? Weißt du, worauf du dich in diesem Dickicht aus Angst und Selbstüberwindung, aus Rückzug und Angriff allein verlassen kannst, was dir das Leben rettet und dich tröstet ? Die Brüderlichkeit, hombre, die Brüderlichkeit mit den Gefährten, die das Gleiche wollen wie du, die auch bereit sind, dafür ihre Haut zu lassen, obwohl zu Hause liebende Frauen, süße Kinder und ein gemütliches Zuhause auf sie warten. Das Wissen um das höhere Ziel und die Brüderlichkeit, das bindet und eint... Sonst hat man keine Heimat, keine Frau, keine Kinder, keine Eltern, keine Geschwister !“ Wieder schwieg er lange, bis er mit großer Ruhe hinzufügte: „Und doch bin ich zufrieden. Hier drin“, sagte er und drückte leicht die Hand auf seine Brust, „hier drin ‚ist ein absolut fatalistisches Sendungsbewußtsein, das mir alle Angst nimmt’.“
„Vor zweitausend Jahren hat es schon einen gegeben, der ungefähr so gesprochen haben muß. Und er hat böse, ganz böse geendet...“, sagte der Schmächtige finster. Der Bärtige lachte unvermittelt auf.
„Makabre Späße sind normalerweise meine Spezialität.“
„Sie werden von Ihrem Weg niemals ablassen. Und man wird Sie verraten, wie jenen anderen auch. Ach, Sie haben das Todeshemd schon angezogen, ja, ja...“, fuhr der Schmächtige wie in Trance fort. Der Bärtige warf ihm einen scharfen Blick zu. Der Schmächtige zuckte zusammen und lächelte verlegen.
„Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist“, entschuldigte er sich. „Ich möchte Sie auf keinen Fall betrüben. Aber gestatten Sie mir bitte noch eine Frage, die sich übrigens auf mein zweites
‚aber’ von vorhin bezieht. Ich gebe zu, in der wirklichen Wildnis, bin ich nie gewesen, aber in der gepflegten Atmosphäre unserer Salons sehe nicht selten Scharen von prachtvollen Raubtieren einherschreiten, sicher: gezähmte, kultivierte Raubtiere, die sich (trotz der Farbenpracht, in der sie leben) würdevoll langweilen - dennoch zeigen sie bei jeder Gelegenheit ihre scharfen Krallen und nichts wäre ihnen lieber, als eine Beute genüßlich zu zerfleischen... Ich meine also folgendes: Der Mensch war und ist doch nur ein egoistisches, gieriges, neidisches Wesen. Der Hang zur Un-Gerechtigkeit, zur Lüge, zur Perfidie fließt mit dem Blut durch seine Adern. Deshalb frage ich Sie: Mit wem werden Sie Ihre neue, gerechte Gesellschaft aufbauen ? Mit wem – und für wen? Denn die Kleinen sind nicht besser als die Großen, lassen Sie sich da nur nicht täuschen. Sie haben lediglich weniger Möglichkeiten, ihrer Grausamkeit freien Lauf zu lassen, so daß die allzumenschlichen Gebrechen bei ihnen nur im Kleinformat vorhanden scheinen. Fallen aber diese bösen Keime auf fruchtbaren Boden, so werden aus ihnen schreckliche Blumen wachsen... Langer Rede, kurzer Sinn: Ihren neuen Menschen – wer wird ihn wollen ?“
„Sie lieben den Menschen nicht besonders.“
„Sie irren sich. Paradoxerweise habe ich nicht einmal aufgehört, ihm zu trauen. Ich liebe ihn – so wie er ist. Denn, wenn er auch keiner kritischen Überprüfung standhält, so weiß ich doch, daß inmitten dieser Flut von ... Mängelexemplaren doch ab und an Beispiele wahrer geistig-seelischer Größe erscheinen, die das Negative dieser Gattung wettmachen und den Glauben an sie wieder einflößen. Deshalb werde ich nie aufhören, ihn mit größter Anteilnahme zu betrachten.“
„Das reicht nicht, hombre. Das reicht nicht.“ Der Bärtige griff ungeduldig nach seiner Pfeife.
„Sie wollen doch nicht etwa rauchen ?“
„Doch“, antwortete der Bärtige kurz. Als er aber aufblickte und das Entsetzen im Gesicht seines Gegenübers sah, legte er die Pfeife sofort beiseite.
„Entschuldigung. Das würde Sie bestimmt stören.“
„Danke schön. Ich ertrage den Tabakrauch in der Tat ganz und gar nicht. Überhaupt gehe ich allen stärkeren Gerüchen oder Dünsten aus dem Weg. Was mich aber wundert, ist, daß Sie, Ihrer Erstickungsanfällen zum Trotz, doch rauchen können.“
Das Gesicht des Bärtigen erhellte sich.
„Das ist weniger eine Frage des Könnens als des Wollens. Ich habe nie vor der Krankheit kapituliert. Schon als Kind habe ich gerade das getan, was angesichts meines Gesundheitszustandes unmöglich schien. Wenn sich dann meine ‚Unvernunft’ irgendwann rächte und ich gezwungen war, eine Zeitlang das Bett zu hüten, so habe ich danach das Verpaßte nur umso stärker nachzuholen versucht. Wie Sie sehen, habe ich eine lange und harte Schule der Selbstüberwindung hinter mir.“
„Das ist wirklich bemerkenswert“, entgegnete der Schmächtige mit Bewunderung. „Mein Leben ist genau umgekehrt verlaufen. Ich habe die Waffen gestreckt und war ständig darauf bedacht, mich zu schonen. Sie können sich vorstellen, daß ich dadurch so manches verpasst habe. Aber der Ehrlichkeit halber muß ich gestehen, daß diese Flucht in die Schwäche auch große Vorzüge mit sich gebracht hat. Die Krankheit wurde zu meinem Schutzschild. Nur ihr habe ich es zu verdanken, daß ich so leben kann, wie ich eigentlich will. Sie gibt mir die nötigen Ausflüchte zur Hand, verstehen Sie ?“ Er schmunzelte, aber seine Mundwinkel zuckten nervös. Er schien an etwas ganz anderes zu denken.
„Ich muß Sie etwas fragen, etwas, daß mir keine Ruhe gibt“, sagte er unvermittelt. „Haben Sie wirklich getötet ?“
Der Bärtige runzelte die Stirn und setzte schon an, heftig zu antworten. Es war offensichtlich, daß er über die Anmaßung dieses wie vom Himmel gefallene Fremden empört war. Wie hätte dieses komische Wesen, das sich bestimmt nur mit Handschuhen anfassen ließ, ihn verstehen können ? Ein Blick in die großen, besorgten Augen des Schmächtigen belehrte ihn aber eines Besseren.
„Sonderbar“, murmelte er. Dann holte er tief Luft. „Im Krieg ist es leider unumgänglich zu töten und zwischen den Armen und den Reichen herrscht Krieg. Ich habe das Elend aus nächster Nähe gesehen, hombre. Es ist unerträglich. Himmelschreiend ! Hier kann man nicht mehr zaghaft überlegen, abwägen, auf die Vernunft setzen und ein besseres Morgen abwarten. Jedes Zögern birgt den Tod in sich. Nein, es gibt nur einen Weg. Etwas muß sich ändern und zwar sofort. Das heißt: Alles muß sich ändern. Eine Gesellschaft, die guten Gewissens Massen von Menschen in blanker Not hält, nur damit es einigen wenigen nur umso besser geht, ist im Namen der Gerechtigkeit zum Tode verurteilt ! Revolutionen sind häßlich, aber notwendig. Ich habe nicht gezaudert und das Notwendige auf mich genommen. Ja, ich habe getötet. Im Kampf und auch sonst. Ich habe Todesurteile ausgesprochen und, wenn nötig, sie auch vollstreckt. Aber ich bin kein ‚Racheengel’, wie die Herren Journalisten mich darstellen. Die haben keine Ahnung ! Es gibt Situationen, in denen es nicht nur gefährlich, sondern auch strafbar wäre, Mitleid walten zu lassen. Man muß die Disziplin, die festgelegte Ordnung hochhalten, um jeden Preis. Ohne Intransigenz ist man verloren. Und das, wofür man angetreten ist, ebenfalls... Allerdings habe ich nie willkürlich gehandelt. Ich habe immer genau geprüft; wenn ich aber zu einem Urteil gekommen bin, habe ich nie geschwankt.“
„Bei diesem Wort: ‚Todesurteil’ muß ich immer daran denken, was der zum Tode Verurteilte in seinem letzten Augenblick wohl durchmacht,“ entgegnete der Schmächtige mühevoll. „Er weiß, daß es der letzte ist ! Daß jetzt, jetzt ! der Tod kommt, daß alles endet und er sich nirgendwo retten kann. Er möchte fliehen, sich wehren, aber wie, wie ? Was für eine Verzweiflung ! Was für ein Grauen ! Ein in die Enge getriebenes, gehetztes, letztendlich gefasstes armes Tier.“
„Ich denke an die Opfer dieser zu Tode Verurteilten. Es waren keine Unschuldigen, die da starben“, erwiderte der Bärtige trocken.
„Sie haben sich nie geirrt ?“
„Geirrt ! Ich weiß nicht, ich glaube nicht. Aber ein Irrtum ist letztendlich doch leichter zu ertragen als eine Notwendigkeit.“
„Wie meinen Sie das?“
Der Bärtige seufzte tief.
„In unserem Lager, hombre, ist eines Tages ein Hündchen erschienen, ein zotteliges Etwas mit runden, hellwachen Augen. Anscheinend hat es ihm bei uns gefallen, denn er ist geblieben. Alle haben ihn verwöhnt, er war unser Masköttchen. Nun, irgendwann wurde uns gemeldet, daß ein feindlicher Trupp sich in unsere Richtung bewegte. Einige von uns brachen los, um dem Feind aufzulauern. Das Hündchen folgte. Wir schickten es zurück, aber es gehorchte nicht. Es war ein langer, gefährlicher Marsch. Schließlich gelangten wir in unmittelbarer Nähe des Feindes. Wir machten Halt. Und da, da begann dieses kleine Ding, plötzlich ganz laut zu winseln. Wir versuchten es zu beruhigen – umsonst. Es winselte lauter und lauter. Ich hatte keine Wahl. Ich befahl einem compagnero, es zum Schweigen zu bringen. Er tat es.“
„Wie ?... Wie ?...“, stammelte der Schmächtige.
„Er – hat es erwürgt... Unser Vorstoß endete an jenem Tag nicht sehr glücklich. Am Abend, als wir alle um das Feuer saßen, wagte keiner von uns, dem anderen in die Augen zu sehen. Und dann erschien von irgendwoher ein Köter. Wir gaben ihm ein paar Reste zu essen und er setzte sich in unserer Nähe hin. Und da sahen wir in seinen Augen den erstaunten, vorwurfsvollen Blick des getöteten Hündchen.“
Der Bärtige war kreidebleich. Der Schmächtige streckte seine Hand aus und berührte ihn leicht.
„Und dann ?“, fragte er behutsam. „Sie sehen doch, wohin das hinführt. Sogar gegen jene, für die Sie eigentlich angetreten sind, müssen Sie vorgehen. Gegen die Schwachen, Hilflosen, Unschuldigen.“
Der Bärtige biß sich auf die Lippen und nickte.
„Ja, hombre, so ist das. Grausam und ungerecht. Aber auch – heilsam. Ihr Opfer ist nicht vergebens. Die Rechtfertigung ‚liegt zum Teil darin, daß zur künftigen Gerechtigkeit beiträgt’.“
„Aber haben Sie die Geopferten gefragt, ob sie damit auch einverstanden sind ? Was, wenn sie zu feige oder zu schwach für diesen Kampf sind ? Was, wenn sie einfach nicht sterben wollen ? Wenn sie dieses Leben doch vorziehen, auch wenn es nicht das beste ist ?“
„Es geht nicht anders“, erwiderte der Bärtige müde. „ Die Bereitschaft zur Selbstaufopferung ist eine unerläßliche Bedingung in diesem Kampf. Und ich verlange von anderen nie etwas, was ich nicht selber tue. Übrigens,“ fügte er leise hinzu, blickte aber dabei dem Schmächtigen fest in die Augen, „versichere ich Ihnen, daß ich die Bürde jenes vorwurfsvollen Blickes ständig trage. Sie wiegt schwerer, als alles andere. Ich vermag es nur, weil ich mir die Zukunft ausmale.“
Sie schwiegen und in ihrer beider Züge lag der gleiche Ausdruck resignierter Schwermut. Sie wären wohl noch lange so sitzen geblieben, wenn die unvermittelte Aufregung der Kellner, die beide gleichzeitig aufsprangen und in Richtung Eingang eilten, sie nicht aus ihren Gedanken gerissen hätte. Die Kellner begrüßten mit ausgesuchter Höflichkeit eine etwa vierzigjährige, hochgewachsene Frau, die selbstsicher das Restaurant betrat und auf einen kleinen, reservierten Tisch an der Fensterfront zuging. Im Vorbeigehen streifte ihr Blick auch den Schmächtigen. Sie schien angenehm überrascht, ihre malvenfarbenen Augen erhellten sich, sie lächelte leicht und nickte kaum merklich in seine Richtung. Der Schmächtige starrte sie aber nur an und erwiderte ihren Gruß nicht. Sie ging weiter und ließ sich an ihrem Tisch nieder. Die Kellner waren sofort zur Stelle. Sie gab mit gedämpfter Stimme ihre Anweisungen, öffnete dann eine Zeitschrift und beachtete niemanden mehr.
„Was für eine Aufmachung“, zischte der Bärtige verächtlich.
„Mein Gott! Das darf doch nicht wahr sein ! Das ist die Herzogin von G. !“, entrüstete sich der Schmächtige. „Das wird einen Skandal geben !“
„Einen Skandal ? Aber warum denn ? Weil es Hochwohlgeboren beliebt, mitten am Tag wie für einen Kostümball verkleidet auf die Straße zu gehen ?“
„Was soll das bitte schön für ein Kostüm sein ? Sie ist ja halbnackt !“
Der Bärtige schaute den Schmächtigen einen langen Augenblick schweigend an, blickte dann zur Frau, dann wieder zurück zu seinem Gegenüber.
„Also, wenn die halbnackt ist, dann frage ich mich, was sie anhat, wenn sie wirklich angezogen ist !“, sagte er endlich. „Sie trägt doch eine Bluse – in den Farben des Regenbogens...“
„Ich kenne die Bluse.“
„Ein graues Kostüm...“
„Ein graues Kostüm, ja, aber man sieht ihre Beine. Man sieht doch ihre Beine ! Wieso trägt sie denn so einen kurzen Rock ? Was ist bloß in sie gefahren ?
„Wollen Sie sich über mich lustig machen ? Sie trägt einen bodenlangen Rock ! Bestimmt auch ein Korsett, denn solche Wespentaillen sind doch absolut unnatürlich. Und dann – der Schleier. Die tocque. Das ist die Mode vom Anfang des Jahrhunderts !“
„Wir sind doch am Anfang des Jahrhunderts“, sagte der Schmächtige etwas gereizt. Im gleichen Augenblick wich die Farbe aus seinem Gesicht: Er starrte auf die Zeitschrift, die auf dem Tisch lag. Mit zitternder Hand griff er danach.
„März – 1966 ? 1966 ?“ Fassungslos fixierte er den Bärtigen.
„1966. Was denn sonst ?“, antwortete dieser. Als er aber gleich darauf, einen Blick auf die Straße warf, erbleichte auch er.
„Zum Donnerwetter, wo kommen all’ die Kutschen her ? Und wieso laufen alle in dieser Aufmachung herum ? Ist denn heute hier etwas Besonderes los ?“ Er schien mißtrauisch zu werden
„Ich sehe keine Kutschen“, flüsterte der Schmächtige ermattet. „Ich sehe Fahrzeuge, die unmöglich sein können. Und – Frauen, die alle halbnackt herumlaufen.“ Er griff sich an die Stirn. „Ich glaube, ich halluziniere. Kann das von Ihrem Medikament kommen ?“
Der Bärtige antwortete nicht. Er dachte verbissen über etwas nach, ließ aber dabei den Schmächtigen nicht aus den Augen.
„Ich kenne Sie. Ich kenne Sie. Woher nur ?“, fragte er ungeduldig. „Wer sind Sie ? Was wollen Sie von mir ?“ Er wollte schon aufspringen und den Schmächtigen an den Kragen fassen, als er plötzlich mitten in der Bewegung stehen blieb. Ja, es war ihm eingefallen. Er wußte jetzt, wieso ihm dieses Gesicht so bekannt vorgekommen war. Das war aber ganz und gar unmöglich ! Langsam setzte er sich wieder hin, strich sich mit den Händen über das Gesicht und ließ sich dann gegen die Stuhllehne zurückfallen.
„Sagen Sie“, fragte er nach einer Weile, „sind Sie nicht...“
„Ja, ja, ich bin es“, antwortete der Schmächtige, die Hand immer noch an der Stirn.
„Ich habe Ihre Bücher gelesen“.
„Was erzählen Sie da ? Sie können unmöglich meine Bücher gelesen haben, weil ich bisher nur ein einziges veröffentlicht habe.“
„He, hombre !“, rief der Bärtige und schüttelte ihn leicht. „Schau’ mich an: Wir haben das Jahr 1966. 1966! Verstehst du ? Deine Bücher sind längst veröffentlicht !“ Der Schmächtige hob den Kopf. „Ich weiß nicht, was mit uns passiert ist“, fuhr der Bärtige fort. „Vielleicht hat es etwas mit unseren Erstickungsanfällen zu tun. Vielleicht sind wir längst tot und unterhalten uns jetzt ganz gemütlich im Paradies. Ich weiß es nicht. Tatsache ist, daß wir uns irgendwie in die Welt des anderen – verlaufen haben.“ Als er dies gesagt hatte, warf er seinen Kopf in den Nacken und begann so laut zu lachen, daß sich der Stuhl mit ihm schüttelte. Hätte er sich nicht an der Tischkante festgehalten, er wäre bestimmt gestürzt. Der Schmächtige schaute ihn verständnislos an.
„Sie sind ja verrückt.“
„Vielleicht. Vielleicht... Aber sehen Sie nicht, wie komisch das ist ? Unglaublich und so komisch. Daß das gerade mir passiert ! Und daß ich dabei ausgerechnet auf Sie treffe ! Auf Sie !!... Es gab eine Zeit, da habe ich Ihre Bücher nicht gelesen, nein, ich habe sie verschlungen. Können Sie sich das vorstellen ? Es war wie eine Sucht. Ihr Stil, der mit Sicherheit nicht wenige abgeschreckt hat – mich eingeschlossen, denn es hat lange gedauert, bis ich mich entscheiden konnte, mich Ihnen wieder zuzuwenden (es hat nämlich mehrere gescheiterte Versuche davor gegeben...) -, Ihre Beobachtungen, Ihre Wiederholungen, Ihre Ausflüchte und Ihre Aufdeckungen – sie wurden mir unentbehrlich, ich hätte Sie wohl bis an das Ende meiner Tage gelesen, wenn Sie so viel geschrieben hätten... Ja, ich las Sie, Sie, denn wie kein anderer sind Sie wohl in Ihren Büchern, ich amüsierte mich köstlich und ärgerte mich maßlos...“
„Wieso denn ?“, stieß der Schmächtige erschrocken hervor.
„Oh, das sage ich dir gerne, hombre, so eine Chance lasse ich mir doch nicht entgehen.“ Er blickte dem Schmächtigen in die Augen. „Du hast dein Leben mit den falschen Leuten vergeudet, Bruder. Du hast gesehen wie sie sind, deine Herzöge, Grafen und Prinzen von Geblüt, dieses ganze Noblesse-Pack, das den Anspruch erhebt, das Beste vom Besten zu sein; du hast erkannt, wie niedrig, gierig, heuchlerisch, arrogant, dumm und böse sie sind – den letzten, entscheidenden Schritt, nämlich: daß ihre Ansprüche völlig unbegründet, daß ihre prächtigen Schlösser und Stammbäume nur auf Sand und Blut gebaut sind, diesen Schritt zu tun, hast du aber unterlassen. Schlimmer noch: Du bist ihnen ein Leben lang nachgerannt, ihre hohe Geburt, ihre glänzenden Namen, ihre Herrenhäuser, ihre hohen Verbindungen haben dich geblendet, in der Tiefe deines Herzens warst du sogar stolz darauf, daß sie dich in ihren exklusiven Faubourgs geduldet haben, deshalb hast du den Bruch, den endgültigen Schlußstrich, der nur die natürliche Folge deines Erkennens gewesen wäre, nicht gewagt. Letztendlich hast du ihnen mit deinem Werk noch ein Denkmal gesetzt.“
Der Schmächtige sackte vor der Wucht dieses gewaltigen Wortschwalls in sich zusammen.
„Aber verstehen Sie doch !“, murmelte er. „Verstehen Sie doch ! Diese Leute, besser gesagt: ihre Namen haben für mich etwas verkörpert. Sie hatten einen bestimmten Klang in meinen Ohren, sie waren mit nur ihnen eigenen Bildern und Farben verbunden. Der Fürst von Agrigent, die Königin von Neapel, die Prinzessin von Parma, M. de la Tour-d’Auvergne !“, summte er plötzlich entzückt vor sich hin, „spüren Sie denn nicht, wie die geheimnisvolle Größe längst vergangener Zeiten in diesen Namen mitschwingt ? Erscheinen da nicht feenhafte Wesen vor Ihren Augen, zart, durchsichtig, unfassbar, mutige Ritter, unglaubliche Geschehnisse ? Verbinden sich hier Poesie und Geschichte nicht auf anmutigste Weise miteinander ?“
„Ach, mein Freund, Sie werden aus Ihren Träumereien nie aufwachen“, antwortete der Bärtige traurig.
„Aber nicht doch ! Ich gebe zu, daß mich dieses Märchenhaft-Mysteriöse zum Träumen veranlaßt, dennoch bin ich erwacht. Sie dürfen nämlich nicht vergessen, daß ich die wirklichen Herzöge und Prinzessinnen kennengelernt habe: Sie halten den Vergleich mit ihren Vorfahren nicht stand. Und beachten Sie bitte auch, daß ich ihre Bekanntschaft nur um jener willen, von denen ich besessen war, gesucht habe.“
„Sie irren sich, Sie sind nicht wirklich erwacht. Vielleicht sind Sie über die heutigen Titelträger ernüchtert; daß ihre Vorfahren noch immer in Ihrer Seele thronen, das geben Sie selbst zu. Was aber waren jene Vorfahren, von welchen diese Heutigen, im zweifelhaften ‚wir’-Bewußtsein ihres Geschlechts, so selbstverständlich ihre ‚Rechte’ abzuleiten meinen ? Was ? Wirklich mythische Fabelwesen, wie es Ihnen zu glauben beliebt ? Standbilder der Tugend und Moral ? Tatsächlich die ‚Besten der Besten’ ? Nicht eher – die ‚Schlimmsten der Schlimmen’? Die Barbarischsten, Blutrünstigsten, Ungerechtesten, die sich gerade durch ihre grenzenlose Skrupellosigkeit und Brutalität durchgesetzt haben ?! Ich sage Ihnen: Der Ruhm dieser Namen, die Reichtümer ihrer Träger ist auf Mord, Betrug, Vergewaltigung und Unterdrückung begründet ! Nur darauf. Natürlich verfeinern die Nachfolger die Sitten ihrer ungehobelten Ahnen, pflegen Kunst und Musik, widmen sich dem Schönen, tun sehr kultiviert und werden zu den Tonangebern wahrer Eleganz. Schon nach ein-zwei Generationen sind Schmutz und Blut sorgsam abgewischt. Man erkennt nichts mehr davon. Und sogleich eilen dann irgendwelche Träumer, wie Sie, herbei, um jene dunklen Zeiten in süßester Romantik zu tränken: Die Wahrheit ist vergessen, es lebe das wunderbare Märchen ! Und doch – wie stinken sie zum Himmel, Ihre vornehmen Geschlechter ! Am unentschuldbarsten finde ich aber, daß die einfachen Leute, die Arbeitenden, Unterdrückten höchstens als Bestandteil einer bestimmten Kulisse in Ihren Büchern anzutreffen sind, so, zum Beispiel, wenn einer Ihrer hochwohlgeborenen Parasiten um die Mittagszeit einen Hof durchquert, auf so ein unglückliches Geschöpf stößt und dabei erstaunt die Schweißtropfen beobachtet, die jenem von der Nasenspitze herunterrollen, jedoch keineswegs der Tatsache gewahr wird, daß jener in der Hitze schuftet, während er selbst, der hochwohlgeborene Parasit, sorglos seinem Müßiggang frönt. Mit welchem Recht, frage ich Sie ? Sie stellen diese bestehende Ordnung niemals in Frage, obwohl Sie genau wissen wie verkommen sie ist.“
„Das stimmt nicht ganz“, gab der Schmächtige gequält zurück. „Ich habe immer geahnt, daß ‚die große soziale Frage’ darin besteht, ob’ die Glaswand’, die ‚das Fest der Wundertiere’ von dem gemeinen Volk trennt, sie immer umhegen wird, ‚oder ob nicht die unbekannten Leute, die gierig in der Nacht’ ihr Gesicht daran pressen und mit ‚dem Blick etwas zu erhaschen suchen, eines Tages kommen, sie aus dem Aquarium holen und verspeisen werden’.“
„Sie sind ein Poet,“, antwortete der Bärtige. Mitleid hatte ihn plötzlich ergriffen. „Übrigens meine ich Sie schon verstanden zu haben. Der Hauch des Zauberhaften, in dem Sie all’ diese Gruselgestalten hüllen, gilt im Grunde nicht ihnen, sondern den Eindrücken, die diese irgendwann in Ihnen hervorgerufen haben, also einzig und allein – Ihren Erinnerungen. Habe ich es richtig erfaßt ?“
„Ja“, lächelte der Schmächtige. „Der Zufall wollte es, daß ich in meiner Kindheitsträumereien öfters einem Prinzen, als sagen wir, Robin Hood begegnet bin ! Vielleicht, wenn es möglich gewesen wäre, Sie früher kennenzulernen...“
„Dann hätten Sie mich im Dschungel begleitet und ich Sie in Ihren feinen Salons. Das hätte eine Revolution gegeben !“
„Wir hätten uns vielleicht ganz gut ergänzt. Ich wäre wirklich gerne mit Ihnen gezogen. Aber jetzt ist es zu alledem zu spät. Mir bleibt nur noch wenig Zeit. Und die Ihre ist auch nicht mehr so lang bemessen. Sie ziehen zum Rio Grande...“
„Wer hat Ihnen das gesagt ?“, rief der Bärtige.
„Niemand. Das war nur eine Ahnung.“
Der Bärtige schüttelte langsam den Kopf.
„Mich sollte jetzt eigentlich nichts mehr wundern.“
„Wissen Sie was ?“, fragte der Schmächtige auf einmal ganz munter. „Gewöhnlich esse ich so gut wie gar nichts, aber jetzt verspüre ich einen großen Appetit. Ich glaube, wir müssen unser Zusammentreffen feiern. Lassen Sie uns zusammen speisen. Ich lade Sie ein.“ Er winkte den Kellner heran und wandte sich dann dem Bärtigen zu: „Also, was möchten Sie ?“
„Nun, wenn Sie mich einladen, dann - ein argentinisches Steak“, antwortete dieser. Der Schmächtige hob die Augenbrauen.
„Haben Sie das ?“, frage er den Kellner.
„Aber selbstverständlich.“
„Wunderbar. Und für mich – eine gebratene Seezunge.“
„Zu trinken ?“, fragte der Kellner.
„Veuve Cliquot, was denn sonst !“
„Aber nein, hombre, lassen Sie uns doch nicht übertreiben. Trinken Sie denn kein Bier ?“
„Doch.“
„Na, bitte... Haben Sie auch kubanisches ?
„Kubanisches ?“, stutzte der Kellner. „Nein, aber deutsches, wenn Sie mögen. Es ist das beste.“
„Gut, dann deutsches.“
„Und zum Dessert vielleicht eine Brioche mit Lindenblütentee ?“
„Ich würde ein Erdbeereis vorziehen.“
„Erdbeereis ? Ich liebe Erdbeereis ! Also, garcon, lassen wir die Brioche. Zwei Mal Erdbeereis. Große Portionen ! So, mein Freund, jetzt sind wir versorgt.“ Er zog seinen Mantel noch enger an sich und lächelte befriedigt.
Noch lange saßen der Bärtige und der Schmächtige beieinander und unterhielten sich leise und so vertraut, daß Vorbeigehende, die sie zufällig sahen, sich bestimmt dachten, die beiden würden sich schon ein Leben lang kennen. Erst spät in der Nacht verließen sie, brüderlich umarmt, das Restaurant. Sie schlenderten den Faubourg Saint-Honoré entlang, in Richtung Louvre und Notre-Dame. Ab und an lachten sie laut auf und warfen erstaunt-amüsierte Blicke irgendeinem verspäteten Passanten hinterher, der sich seinerseits höchst erstaunt nach ihnen umschaute.
Weder die sowjetischen noch amerikanischen Geheimagenten, die dieses merkwürdige Zusammmentreffen aus ihren Verstecken beobachtet hatten und ihnen jetzt mit der ihnen eigenen professionellen Diskretion in einiger Entfernung folgten, waren belesen genug, um die Identität des schmächtigen Herren je aufzudecken. Auch konnten sie ihren Vorgesetzten nicht berichten, wohin die beiden letztendlich hingegangen sind, denn auf dem Quai der Île de la Cité, genau hinter der Notre-Dame, waren Ernesto und Marcel plötzlich verschwunden.

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