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Brotzeit :: Erzählung


Brotzeit
prosa [ ]
Erzählung

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durch Anton Potche [Delagiarmata]

2007-12-27  |     | 



Durch ihre Adern floss Bettbahn- und Hydrauliköl sowie Kühlschmierstoff, jahrelang, jahrzehntelang. Wer von ihr spricht, spricht auch von den Männern, die sie bedienten, die täglich Bohrer, Reibahle, Gewindebohrer und Fräser wechselten und am Feierabend müde und unzufrieden mit sich und der Welt die Schaltschlüssel abzogen, weil der Gruppenmeister misstrauisch nach den Ursachen für die zu kleine Stückzahl fragte.

Viele von ihnen sind längst nicht mehr da. Sie sind gegangen, sie wurden gegangen in den wohlverdienten vorgezogenen Ruhestand. Und alle waren froh, als sie gehenmüssen durften. Einer hat mal im ersten Freudentaumel eine Ansichtskarte geschrieben: Endlich fühl ich mich wie ein Mensch, der sein eigener Herr ist. Schöne Grüße vom Obersalzberg. Adolf… Peinlich, aber nachvollziehbar. Er hieß nämlich wirklich Adolf.

Nur sie blieb, die Lustig & Frei, die Maschine, die so viele Männerflüche zu verantworten hatte. Sie schien, zum Hohn jeglichen Fortschritts ihren Standort zu behaupten. Ihre Werkzeuge drehten sich unermüdlich. Die Späne flogen weiter, Tag und Nacht. Hunderttausende Werkstücke hat sie bearbeitet, für ebenso viele Motore, die in ebenso viele Autos eingebaut wurden, um ebenso viele Menschen mit dem Gefühl der Gefühle, unabhängig zu sein, zu beglücken.

Aber dann hatte doch eines Tages auch ihre Stunde geschlagen. Gleich sieben Mann rückten an, um die Lustig & Frei abzubauen. Sie kamen von einer Zulieferfirma aus Zwickau.

„Wenn die so weitermachen, steht dieLustig & Frei an Weihnachten noch da“, hieß es bereits am nächsten Tag.

Die Männer aus Sachsen wurden misstrauisch beäugt. Kaum einer hatte ein freundliches Wort für sie übrig. Dabei hätte man so viel fragen können. Wie geht’s bei euch? Spürt man schon eine Besserung? Aber niemand fragte. Die Sachsen grüßten freundlich, wenn sie morgens kamen und verlangten höflich, was sie brauchten. Dafür bekamen sie ein Kopfnicken, nicht allzu spontan – wegen der lädierten Wirbelsäule – und ohne Lächeln. Die Antworten konnten nicht kürzer sein und klangen bayrischer als bei so manchem zu Hause. Sogar der Oskar aus Schlesien antwortete den verunsicherten Sachsen in einem bayrisch-hochdeutschen Kauderwelsch, das diese immer wieder zum Nachfragen veranlasste.

Es war den Werkern seit etwa drei Jahren klar, dass ihre Arbeitsplätze allmählich den Bach runtergingen und jeder fand jeden gerade gut genug zum Gehen. Dass man eigentlich selbst auch entbehrlich in der Kostenstelle wäre, daran dachte natürlich keiner.

Die Arbeitskollegen blieben aber freundlich zueinander. Sie wurden sogar von Tag zu Tag freundlicher und lächelten sich auch dann noch verständnisvoll an, als es eigentlich wegen Produktionspannen und kontroversen Ideen vor Spannung hörbar hätte knistern müssen. Die Männer liefen dauernd mit grinsenden Heuchlermasken herum.

Nur wer fehlte, fiel für einen oder mehrere Tage aus diesem verlogenen Rahmen. Auf ihn entlud sich dann die aufgestaute Wut der anderen. Er war plötzlich nicht mehr der gut gelittene Kumpel. Seine Faulheit, seine Naupen und all seine Laster kamen auf den Brotzeittisch. Der Arme wurde gerupft wie ein abgebrühtes Huhn.

* * *

Seit die Arbeiter aus Zwickau die Lustig & Frei zum Wegschaffen zerlegten, waren die lieben Kollegen noch näher zusammengerückt. Sie hatten einen gemeinsamen Angriffspunkt. Wie schön waren plötzlich die Brotzeiten. Man konnte kauen und lästern, trinken und lästern, ja sogar spaßen und lästern.

Sechs Männer saßen sich drei und drei an der langgezogenen Tischreihe gegenüber. Früher waren alle Stühle besetzt, aber seit sich die Arbeit auf die Wanderschaft in andere Regionen und Länder begeben hatte, lichteten sich die Sitzplätze im Brotzeitraum langsam aber stetig.

Ferdinand hatte wie immer seine METALL vor sich und las. Konzentriert ging das gewöhnlich nur zehn, fünfzehn Minuten gut, so lange wie eben das Kauen jede Konversation verhinderte. Danach schluckten seine Augen die Zeilen zwar weiter, doch die Ohren hörten mit und ließen das Gelesene oft nur bruchweise oder auch gar nicht zum Gehirn vordringen. Nur selten schaltete er sich in die nach der Kaufase in Gang kommenden Diskussionen ein. Zu oft hatte er erfahren müssen, dass nur von Sympathien und Antipathien geprägte Emotionen die Gespräche nährten. Allmählich war er in einen Arroganzmantel geschlüpft, der ihn vor ungeliebten Diskussionen zwar schützte, aber andrerseits auch alle Gefühlsventile verstopfte.

Eben hatte er den Leitartikel des IG-Metall-Chefs zur Einführung der 35-Stunden-Woche zu lesen begonnen, als Franz das von den gesättigten Mägen verursachte Dösen unterbrach. Zwanzig Minuten der Brotzeit waren da schon dem Schweigen zum Opfer gefallen. Keiner hatte, trotz des bereits am Morgen von Maschine zu Maschine gelaufenen Gerüchts, dass wieder einer ans Band müsse, bis dahin darüber ein Wort verloren.

„Die arbeiten jetzt schon drei Tage an derLustig & Frei und der Schrottkübel steht noch immer da.“

„Siehst du nicht, was die ein Tempo drauf haben?, griff Werner gähnend das Thema auf. „Wenn wir so arbeiten würden...“

Moritz lehnte sich genüsslich in seinen Stuhl zurück und rieb sich den Bauch. Seine Augen waren schlitzhaft klein. Der Vollbart ließ sein ovales Gesicht mit der hohen Denkerstirn noch länger werden. Seine Linke, die bis dahin locker auf der Tischplatte lag, ballte sich plötzlich zur Faust, und mit heiser Stimme legte er los.

„Faules Pack. Die müssen erst mal arbeiten lernen. Das einzige was die können, ist Geld ausgeben. Die haben ihr Leben lang herumgelungert und die Zeit totgeschlagen und jetzt geben unsere blitzgescheiten Manager ihnen auch noch unsere Maschinen. Eine Deutsche Mark soll die Lustig & Frei gekostet haben. Das soll sich mal einer vorstellen. Aber ist schon gut so. Die werden schon sehen, was sie an dem alten Klump haben. Wie wollen die denn auf dieser Maschine arbeiten? Die sind doch viel zu blöd dazu. Da benötigt man Fachleute, nicht Milchausfahrer und Kolchosbauern.“

Hier wurde der immer gehässiger werdende Wortführer, den man nur in grünen Militärhosen kannte, von Ferdinand unterbrochen.

„Wie kannst du so pauschale Anschuldigungen aussprechen?“

Ferdinand, der vor etwa zehn Jahren aus Rumänien nach Deutschland gekommen war, schien sehr erregt. Seine Wangen hatten sich gerötet und er tat jetzt, nachdem er diese Frage mehr hervorgestoßen als fließend ausgesprochen hatte, was man von ihm nicht kannte. Er schob die Zeitschrift unbeherrscht von sich und blickte Moritz herausfordernd an. In seinen Augen war ein unheilvolles Funkeln zu erkennen.

Moritz wollte etwas erwidern, aber der aufgebrachte Ferdinand gab ihm keine Chance. Der musste loswerden, was sich schon lange in seinem tiefsten Innern angestaut hatte.

„Diese Leute aus Ostdeutschland sind auch nicht fauler als wir. Mit was sollten die denn überhaupt arbeiten? Wenn sie Bretter hatten, fehlten die Nägel. Hatten sie Nägel, gingen ihnen die Bretter aus. Ich war kurz nach der Wende in Zwickau im Trabi-Museum. Fahr doch mal hin und schau dir das an. Dort stehen weiterentwickelte Trabimodelle, die nie gebaut werden durften, weil der Staat verordnete, was die Firmen zu tun und zu unterlassen hatten.
Du kannst doch überhaupt nicht nachvollziehen, wie man in diesen Ländern gelebt hat. So schizophren es auch klingen mag, es war aber so, dass eben die Menschen durch ihre Arbeit und ihren Einfallsreichtum dieses System überhaupt am Leben hielten. Ich werde dir mal sagen, wie wir in Rumänien gearbeitet haben. Nein, unterbreche mich bloß jetzt nicht, denn du hast überhaupt keine Legitimation, über Menschen zu urteilen, ohne eine blasse Ahnung von ihrer bisherigen Lebensweise zu haben. Wenn in meiner Firma zum Beispiel Ersatzteile für Nähmaschinen fehlten – und die fehlten dauernd -, dann sammelte ich Bleistiftspitzer und kleine Plastikfiguren, die in einer anderen Abteilung der Firma eingespritzt wurden, und ging zu meinen ehemaligen Arbeitskollegen in die große Konfektions– und Strickwarenfabrik, in der ich meine Lehre absolvierte, und tauschte den Kleinkram gegen Ersatzteile ein. Nicht für mich, sondern für die Firma. Kannst du das verstehen? Dafür gab’s keine Verbesserungsvorschlagsprämien. Kapierst wohl nicht ganz, was? Na dann gib dir ein bisschen Mühe. Wirbel deine Grütze mal durcheinander. Das war Arbeitsplatzsicherung von unten, von ganz unten. Dort konnte man von niemand etwas einfordern.“

Die Pausensirene ertönte.

„Ihr scheint dieses System ja doch geliebt zu haben“, zischte Moritz spöttisch. „Alles Kommunistenpack!“

„Nur so, eben, nur so konnten wir einigermaßen überleben. Sonst wären wir längst vor Hunger krepiert. Wir haben mehr und schwerer geschuftet, als du es dir überhaupt vorstellen kannst.“

Ferdinand hat die letzten Worte herausgeschrien. Auch die Männer an den Nebentischen waren längst aufmerksam geworden und warteten auf die Eskalation. Der aufgebrachte Ferdinand gab sich aber einen Ruck und verließ fluchtartig den Brotzeitraum. Die Glocke hat ihn gerettet. Er war wütend über sich und die Welt. Wie konnte er sich so gehen lassen? Keiner hatte ihm beigestanden. Selbst Oskar war stumm geblieben.

* * *

Am nächsten Tag war das Schweigen im Brotzeitraum erdrückend. Durch die Gehirne geisterte noch der gestrige Vorfall.

Ferdinand war nach wie vor gereizt. Er saß vor seiner METALL und wartete auf den Angriff. Die vergangene Nacht hatte er mit dem Erstellen einer Abwehrstrategie zugebracht. Alle möglichen Vorwürfe, die Moritz gegen die Aussiedler vorbringen könnte, waren analysiert und der Plan zum Gegenangriff bis ins kleinste Detail ausgedacht.

Er werde dem Kerl Chauvinismus und ein krankhaft übersteigertes Selbstwertgefühl vorwerfen. Er werde ihm sagen, dass er auf sein Deutschsein gar nicht stolz sein brauche, da er doch persönlich nichts dazu beigetragen habe, dass er in diesem Land geboren wurde, und an dem schon öfter ins Feld geführten Wiederaufbau in Deutschland könne er ebenso wenig eigene Verdienste vorweisen wie die Aussiedler, da er noch viel zu jung wäre. Auch von wirklicher Armut und Kampf ums tägliche Brot, von Stasi- und Securitatebespitzelung und vom Geächtetsein hätte er sowieso keine Ahnung und darum auch kein Recht, darüber zu urteilen; es sei denn, er wäre bereit zu lernen. Erst mal solle er sich informieren und dann den Mund aufreißen.

Ferdinand war sich auch sicher, dass Oskar ihn diesmal, sollte es zu einer härteren Auseinandersetzung kommen, unterstützen würde, hatten die Deutschen im Osten, ganz gleich ob das in Polen, der DDR, der Sowjetunion oder in Rumänien war, doch ähnliche Gründe, ihre Heimat zu verlassen. Zu zweit würden sie diesem Großmaul die Gosche schon stopfen, denn die anderen Hiesigen hielten sich schon immer vornehm zurück.

Heinrich, dem Gruppensprecher, dauerte die Stille schon viel zu lange. Er hatte am Vortag frei und wusste nichts von dem peinlichen Zwischenfall, der noch immer die Stimmung belastete.

„Heute scheinen die endlich fertig zu werden mit der Lustig & Frei. Es wird auch Zeit. Was die Freunde aber wahrscheinlich nicht wissen, ist, dass man diese Werkstücke nicht mehr lange braucht. Die jetzige Motorgeneration läuft sowieso in einem Jahr aus. Aber mit dem Tempo, das die vorlegen, werden sie auch in dieser kurzen Zeit dem Motorbau genug Kopfschmerzen bereiten.“

Ferdinand sah auf. Er spürte, dass alle ihn anstarrten. Moritz grinste unverschämt und schlug in die Kerbe.

„Ich habe schon gestern gesagt, dass die erst mal arbeiten lernen müssen.“

Ferdinand wurde der Hemdskragen zu eng. Er bis die Zähne zusammen, dass die Backenknochen schmerzten. ‚Denen sag ich’s. Die werden jetzt was erleben.‘ Er atmete tief durch und wollte zum Reden ansetzen, als er Oskars Stimme vom anderen Tischende vernahm.

„Hast schon gut gesagt, Heinrich. Diese DDR-ler taugen nichts. Wir haben mal von Schlesien einen Ausflug nach Frankfurt an der Oder gemacht und auch eine Fabrik geschaut. Weißt schon, auf Information. Ich habe gesehen schon damals, die haben nur herumgestanden. Jetzt wollen die von uns Westdeutschen leben.“

Das Gespräch kam in Gang. Es wurde sogar lebhaft, teilweise makaber lustig. Alle waren im Grunde einer Meinung. Nur die Verschiedenartigkeit ihrer himmelschreienden Vorurteile ersetzte die zu einer Diskussion benötigten gegensätzlichen Meinungen.

* * *

Ferdinand war nicht mehr dabei. Er hatte sich nach Oskars Äußerung wegen Unwohlseins entschuldigt und war mit unsicheren Schritten an seine Maschine zurückgekehrt.

‚Hoffentlich wird auch sie bald verkauft‘, war sein einziger Gedanke. ‚Es arbeiten doch so viele Menschen am Band, da werde ja gerade ich nicht verrecken.‘

[Ingolstadt, 1998 ]

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