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■ Amphibien - Dystonie Kontakt |
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Leser: 1723
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- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 2007-06-09 | |
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Als an einem langen Sommerabend die Kupfer-Tante noch kurz vor 21.00 Uhr die Küche betrat, saßen Hans und seine Frau gerade beim Abendessen. Die Tante setzte sich grüßend auf ihren gewohnten Platz, ohne besondere Einladung. Maria Trumm war erst mit dem 20-Uhr-Zug aus der Stadt gekommen und kannte die letzten Neuigkeiten des Tages. „Müllersch in der Sicknischgass haben heute auch die Karte für den Pass bekommen. Müller Matz war gleich am Nachmittag bei der Miliz in Temeswar. Die Karte war schon für heute ausgestellt. Wahrscheinlich hat sie wieder ein paar Tage auf der Post gelegen.“ Obwohl solche Nachrichten wöchentlich die Runde machten, ja man sogar schon gewohnheitsgemäß drauf wartete, mussten sie immer erst verdaut werden. So leitete auch Marias Bemerkung erst mal eine längere Schweigeperiode ein, in der jeder seinen eigenen Gedanken nachzugehen schien. Diese hätte vielleicht noch eine Weile angehalten, wären nicht der junge Trumm und seine Frau mit dem jüngsten, erst dreijährigen Trumm zum Maje gekommen. Nach dem üblichen „Guten Abend“ und „Guten Appetit“ kam Jakob, der Junior-Trumm, gleich zum Thema. „Jetzt sind anscheinend die Sicknischgässer an der Reihe.“ „Mutter hat uns die Nachricht gerade gebracht“, erwiderte Hans, seinen nicht ganz leeren Teller beiseiteschiebend. „Bei uns in der Fabrik haben zwei Freidorfer auch bekommen“, wusste Angela, Jakobs Frau, zu berichten. Jakob hatte stets ein gutes Gefühl, wenn jemand den Pass bekam. Er rechnete sich aus, dass ihre Chancen, an die Reihe zu kommen, mit jedem von der Miliz ausgehändigten Ausreisedokument stiegen. Schließlich und endlich waren schon fünf Monate vergangen, seit Vater im Haus des alten Boghan in der Temeswarer 1.-Dezember-Straße einem vor- und nachher nie gesehenen Mann 32.000 DM gegeben hatte, ohne dafür eine Quittung oder andere Empfangsbestätigung erhalten zu haben. Es hatte bis jetzt aber ganz gut geklappt. Einen Monat später hatten sie die kleinen Formulare, im Volksmund nur die Kleinen genannt, bekommen und nach weiteren vier Monaten die Großen. Er war zuversichtlich, dass es bei ihnen bald soweit sein wird. „Du hast ja schon einen Zettel ausgehängt“, sagte er zu seinem Vater, an das alles beherrschende Thema anknüpfend. „Wenn man schon ;Vindem tot din casă’ (Wir verkaufen alles aus dem Haus) aushängen hat, werden die Leute erst recht sagen: Die sind sich sicher, die haben bestimmt gezahlt.“ „Was willst du denn machen? Du kannst ja nicht auf den Sachen sitzen bleiben. Und wie schnell es manchmal gehen muss, hat man ja bei anderen schon gesehen“, rechtfertigte der Vater die Umwandlung des Hauses in einen Trödlerladen. ![]() II Hans und Maria Trumm hatten ihr Abendmahl längst beendet und die Hausfrau beteiligte sich vom Abwaschbecken aus der kleinen Küche an dem Gespräch. Nur die Tante hatte sich fast eine Stunde lang ruhig verhalten. Das war zwar ungewöhnlich, weil Leni Kupfer gerne erzählte, fiel aber wegen der Konzentration, mit der alle diskutierten, niemand auf. Ihre erste Bemerkung, die durchaus im Rahmen des Gesprächsstoffes blieb, ließ trotzdem die Unterhaltung stocken. Es schien, als hätten alle den Atem angehalten, nachdem die Tante in wohl gekünstelter, aber immerhin gelungener Gleichgültigkeit verkündet hatte, dass ihre Kusine aus Korbach ihr das nötige Geld zum Auswandern leihen würde. Sie habe einen Brief mit dieser erfreulichen Nachricht bekommen. Jakob unterbrach als erster das Schweigen, mit einem Blick zu seinem Vater: „Über den alten Boghan kursieren zur Zeit so viele Gerüchte. Einige sagen, er sei gestorben und andere wollen sogar wissen, dass man ihn umgebracht habe.“ „Der Blumenmann will angeblich auch nichts nehmen, wenn man keine Verwandten ersten Grades hat“, sagte Hans Trumm zur angespannt zuhörenden Tante. Leni Kupfer war alleinstehend, nie verheiratet. Ihre alte Mutter war vor ein paar Jahren gestorben. Nur Trummches blieben ihr noch als weitläufige Verwandte. Wenn jetzt auch die bald gehen, wird sie mit niemand mehr in der Nachbarschaft – und dabei dachte sie an mindestens zehn Häuser straßauf und –ab – deutsch reden können. „Aber wir können sie doch unmöglich im Stich lassen“, wurde Maria Trumm unruhig. Die Tante gehörte zu ihrer Verwandtschaft und sie fühlte sich schon immer für die Frau verantwortlich. Es verging kaum ein Tag, da sie nicht auf ihrem Heimweg vom 19- oder 20-Uhr-Zug bei der Tante reinschaute, und wenn’s nur ein Schritt in den gepflasterten Hof war, um der Frau ein paar frische Kipfel zu geben. So war’s eben in jenen Zeiten, als jeder von seinem Arbeitsplatz mehr recht als schlecht zu überleben versuchte. Maria Trumm hatte Glück. Sie putzte die Büroräume in einer großen Lebensmittelfabrik in der Stadt. Das Gespräch wog hin und her, ohne dass jemand eine umsetzbare Idee hatte. Dann schaltete sich Angela mit der Bemerkung ein, dass auch im Dorf einige Mittelsmänner – und zwar deutsche – entsprechende Kontakte zu Leuten, die etwas machen könnten, hätten. Einer sei sogar in Jakobs Alter, sie wolle den Namen aber nicht nennen, da man ja nie wisse, wie viel Wahrheit in der Sache stecke. Weil sie selbst dem Gehörten wenig Gewicht beigemessen habe, hätte sie bisher auch Jakob davon nichts erzählt. Dieser griff sofort nach dem Strohhalm und versprach der Tante, dass er sich mit dem noch unbekannten Vermittler aus dem Dorf in Verbindung setzen werde. „Irgendwie wird es schon gehen. Für so viel Geld wird ja auch ein fiktiver Verwandter ersten Grades auf einem Ausreiseantrag seine Schuldigkeit tun können“, meinte er schmunzelnd, als er seiner stets regen Fantasie in dem Bedürfnis, die Kupfer-Tante nicht ganz hoffnungslos an diesem Abend nach Hause gehen zu lassen, bisschen freien Lauf ließ. Um aber keine falschen Erwartungen aufkeimen zu lassen, fügte er doch abschließend hinzu: „So einfach wie bei uns wird es bestimmt nicht.“ III Der Maimorgen war warm und von einem regen Dorfleben war noch nichts zu spüren. Die Schatten der Häuser und Bäume an der Ostseite teilten die Straße in zwei kontrastierende Lichthälften. Jakob ging langsam die Neu Gasse runter. Er genoss die Ruhe, die über dem Dorf lag, und sog die Kräfte ein, die er in den Sonnenstrahlen zu spüren meinte. Als er unter dem Zinks-Brunnen war, schaute er sich kurz um. Die Kupfer-Tante stand noch immer vor ihrem Haus und schaute ihm nach. ‚Was mag in der Frau vorgehen?’, ging es Jakob durch den Kopf. Sie hatte ihm soeben 8.000 DM, einen Karton Kent, ein Päckchen Jacobs-Kaffee, 5.000 Lei und einen Ausreiseantrag zu ihrem angeblich in Deutschland lebenden, in Wirklichkeit aber schon lange verstorbenen Vater anvertraut. Und noch viel mehr hatte Jakob mit auf den Weg genommen, als er ihr vor wenigen Augenblicken Adje gesagt hatte, nämlich ihre Hoffnung, nicht zurückzubleiben, allein unter Fremden, fremd in der Straße, in deren Staub sie schon als Kind gespielt hat. Jakob war zuversichtlich. Er hatte sich mit Sepp für 8.00 Uhr am Rott, der Kreuzung Neu Gasse – Lothringen, verabredet. Der hatte ihm versprochen, das Geld an den richtigen Mann zu bringen. Der grüne Dacia war pünktlich. Jakob stieg mit einem „Servus“ ein und Sepp fuhr gleich los. Die mit Maulbeerbäumen gesäumte Landstraße von Jahrmarkt nach Temeswar lag kerzengerade, mit Schlaglöchern bestückt und nur wenig befahren in der Ebene. Das Auto war schon eine gute Weile unterwegs, ohne dass die zwei jungen Männer miteinander redeten. Diese Fahrt war ihnen zu ernst, um über belanglose Dinge zu plaudern. Darum kam Sepp, als er das Schweigen brach, auch gleich zur Sache. „Hast du auch alles dabei?“ „Genau wie du es mir gesagt hast.“ „Ich habe gestern Abend mit dem Mann noch mal alles besprochen. Du musst dich genau so verhalten, wie ich es dir erkläre.“ Jakob hörte sehr aufmerksam zu. Sepps Blick war geradeaus, immer auf die schier unerreichbare Spitze, die von den Maulbeerbaumrändern der Landstraße in der Ferne optisch suggeriert wurde, gerichtet. Er sprach langsam und sehr deutlich. Jakob konnte keine Erregung in seiner Stimme erkennen, während er seine eigenen Handflächen immer wieder mit einem Taschentuch abtrocknen musste. Als sie in die Stadt einfuhren, wusste Jakob Bescheid. Sie sprachen nicht mehr. Sepp konzentrierte sich voll auf den Verkehr. Während sie über den Sălăjan-Boulevard fuhren und am Kreisinspektorat der Miliz vorbeikamen, blickten beide instinktiv zum Eingang, der auch für sie - so ihre Hoffnung - zum Ausgang aus diesem Land führen sollte. Am Heuplatz herrschte wie immer rege Marktgeschäftigkeit und Sepp musste langsamer fahren, um über die Straße hastende Marktfrauen oder Käufer nicht zu gefährden. Hinter der Begabrücke ging es dann ein bisschen zügiger. Am Trajansplatz lenkte Sepp den Dacia rechts, am Brotladen dann links, gleich hinter den großen Blumenbeeten wieder links und hielt endlich direkt vor der deutschen Kirche. Jakob stieg aus dem Auto und ging gemächlichen Schrittes um das mächtige Gotteshaus. Er bemühte sich, ruhig und gelassen zu wirken, wie ein ganz normaler Spaziergänger, konnte seine Gedanken von dem bevorstehenden Menschenhandel aber nicht losreißen. Er spürte sein Herz bis zum Hals schlagen. Schließlich hatte er ja 8.000 DM in der inneren Rocktasche; und das in einem Land, in dem der Besitz von Devisen mit Gefängnisstrafe geahndet wurde. Wenn etwas schiefläuft? Wenn das ein Schwindler ist und kein Mann der Securitate? Wenn das Geld dann weg ist? Dem Boghan und dem Blumenmann konnte man trauen, die haben schon viele hinausgeschafft. Aber das hier?! Mehr um sich abzulenken, als aus Mitleid, warf er einem Bettler auf der hohen Treppe zur Millenniumskirche eine 5 Lei-Münze in den Hut. Der war verwundert ob der großen Gabe und wünschte alles Glück des Himmels auf den ernst dreinblickenden Spender herab. Dann schritt Jakob zurück zum Auto. Er hatte von weitem gesehen, dass neben Sepp auf dem Beifahrersitz – wie ausgemacht – ein Mann saß. Jakob stieg durch die rechte Hintertür ins Fahrzeug und grüßte mit aller Unterwürfigkeit, die er in seine Stimme einbringen konnte. Vor ihm saß ein weißhaariger, glattgekämmter Mann, mit einer gespiegelten Sonnenbrille, in einem sehr eleganten dunklen Anzug und mit einem Aktenkoffer auf den Knien. Ohne sein Gesicht Jakob zuzuwenden, fragte der Fremde direkt, mit einer sanft, aber bestimmt klingenden Stimme: „Sie wollen zu Ihren Verwandten in die Bundesrepublik Deutschland fahren?“ Jakob versuchte, so beherrscht wie nur möglich zu antworten. Nur jetzt nichts verkehrt machen. „Es geht um meine Tante, eine alleinstehende Frau. Sie will zu ihrem Vater, der seit dem Krieg in Deutschland lebt.“ „Haben Sie das Formular dabei?“, fragte der Weißhaarige, während er die Schlösser an seinem Aktenkoffer hörbar aufspringen ließ. Jakob reichte dem Mann das Antragsformular und die zwei Umschläge mit den 8.000 DM und den 5.000 Lei über die Schulter. Der Fremde nahm die acht großen DM-Scheine aus dem Kuvert und zählte sie zweimal. Die 5.000 Lei legte er ungezählt in den Koffer. Erst dann entfaltete er das Formular, warf einen flüchtigen Blick drauf und sagte mit der gelassensten Selbstverständlichkeit dieser Welt: „Ihre Tante hat einen Verwandten ersten Grades in der Bundesrepublik Deutschland. Also kann sie auch im Rahmen der Familienzusammenführung dorthin fahren.“ Jakobs Stimme war die Erleichterung anzuhören, als er in jetzt noch ergebenerem Ton erwiderte: „Danke! Danke vielmals! Diese Kleinigkeit ist für Ihre Mühe.“ Mit diesen Worten reichte er die Tüte mit den Zigaretten und dem Kaffee über den Beifahrersitz. Der Mann nahm sie anscheinend ungerührt mit der Bemerkung, dass dies doch nicht nötig wäre, und stellte sie zwischen seine Füße. Dann versicherte er Jakob noch, dass die Tante in etwa zwei, drei Wochen zur Kommission beim Kreisinspektorat der Miliz in der Sălăjan gerufen werden wird und dass es danach mit den kleinen und großen Formularen normal weitergehe. Mit einem nochmaligen sehr unterwürfig und höflich formulierten Dank verabschiedete Jakob sich von dem Fremden und nahm seinen Spaziergang um die Kirche wieder auf. Nachdem der jetzt verdutzt dreinschauende Bettler sogar einen 10 Lei-Schein in seinen Hut bekommen hatte, begab sich Jakob zurück zum grünen Dacia, in dem Sepp wieder allein saß und gerade die 9-Uhr-Nachrichten von Radio Bukarest hörte. Er stieg aber nicht ein, sondern blieb am offenen Fahrerfenster stehen. Sepp empfing ihn mit der Bemerkung: „Na, das war doch nicht schlimm.“ „Nein, aber auch nicht einfach. Hoffentlich klappt’s auch weiterhin so gut. Ich fahre mit dem Mittagszug nach Hause. Für heute habe ich mir Urlaub genommen.“ Sepp sah Jakob an, dass der einen Urlaubstag auch nötig hatte. Darum beließ er es bei der kurzen, aber beruhigenden Bemerkung: „Wir machen schon die Papiere für den Pass. Und was meinst du, durch wen wir fahren? Es gibt ja nicht nur einen Boghan oder Blumenmann in diesem Land.“ Jakob bedankte sich bei Sepp – diesmal aber in normalem Ton – und steuerte die nächste Kaffeebar an. Als er im Halbdunkel des schlecht gelüfteten Raumes an seiner Zigarette zog und in seinen dampfenden Kaffee starrte, spulte er das soeben Vorgefallene wie einen Film zurück und wurde gewahr, dass Sepp während des ganzen Geschäfts kein einziges Wort gesprochen hatte und dass er, Jakob, selbst, während er dem Fremden das Geld über die Schulter gereicht hatte, einen kurzen Blick in den geöffneten Aktenkoffer werfen konnte. Dort waren doch eine Menge Geldbündel gestapelt, nicht nur D-Mark, auch andere Währungen. Nur das Gesicht des Mannes hatte er nicht sehen können. ‚Da war ich bestimmt nicht der erste heute Morgen.’ IV Leni Kupfer goss den heißen Kaffee in die Tasse. Ein Teelöffel voll Zucker, dann umrühren, ein bisschen länger als notwendig – wegen dem hellen Klang, den der Löffel beim Kontakt mit dem Porzellan erzeugt -, dann sich an den Tisch setzen und frühstücken, das war eine Verhaltensfolge, die sich seit vielen Jahren täglich wiederholte. An jenem Dezembertag zwischen Weihnachten und Neujahr 1984 war es aber anders. Leni Kupfer setzte sich nicht an den Tisch. Sie ging mit der Tasse in der Hand vors Fenster und starrte auf die menschenleere Straße. Das Brot und die Butter hatte sie an diesem Morgen wohl unnötig bereitgestellt. Leni Kupfer hatte keinen Hunger. Sie hielt die Tasse mit dem Daumen und dem Zeigefinger der rechten Hand am Griff und wärmte ihre linke Innenhandfläche an dem warmen Gefäß. Die Wärme in der schlicht möblierten Stube konnte aber Leni Kupfers Gemüt nicht auftauen. Nur was ihr Blick auffing, drang in ihre Seele. Die Wolken hangen tief und erdrückten den Tag. Es lag kein Schnee. Die Erde war schwarz und nass und neben dem altersschwachen Straßenpflaster hatte sich in den hässlichen, von Traktorreifen hinterlassenen Spuren Wasser angesammelt. Die Weihnachtstage waren so ruhig vorbeigegangen. Zu ruhig war das Dorf geworden. Die Kirche war nie voll gewesen. Die eine Glocke hatte kurz vor Weihnachten einen Riss bekommen. Sie klang so dumpf, so fremd. Zum ersten Mal war am Abend des ersten Weihnachtstages das Kulturheim verschlossen geblieben. Der Kapellmeister war im Herbst ausgewandert. Fast hätte Leni Kupfer den Kaffee auskühlen lassen. Sie nahm einen Schluck. Er war noch warm und wirkte sofort. Irgendwie wird es schon gehen, auch wenn Trummches weg sind. Jemand wird schon für sie nach Bukarest fahren, um die Visums von der ungarischen, österreichischen und deutschen Botschaft für sie zu nehmen. Und bis sie den Pass bekommt, werden bestimmt noch zwei oder auch mehrere Monate vergehen, denn sie hat die großen Formulare erst im Oktober eingereicht. Im Frühjahr findet sich dann eher jemand, der für sie nach Bukarest fahren wird. Leni Kupfer ging dann doch zum Tisch und aß noch ein Stückchen Butterbrot zu den letzten Kaffeezügen. Sie zog ihr Pelzleibchen an und begab sich in das nicht beheizte und dunkle Nebenzimmer. Dieses hatte sie eigentlich nie zum Wohnen benutzt. Nur als ihre Mutter noch lebte, hatte sie darin geschlafen. Das Zimmer war kaum noch möbliert. Eine neue Nachbarsfamilie, aus der Moldau gekommene Rumänen, aber gute Leute, hatten die Möbel gekauft. Nur Tisch und Stühle, so ward vereinbart, blieben noch bis zu Leni Kupfers Auswanderung im Haus, weil sie diese zum Sortieren und Einpacken brauchte. Trotzdem lagen viele Sachen auf dem Fußboden. Sie begann zum wiederholten Male zu ordnen und auszusuchen. Wäsche, Geschirr, Schuhe, Essbestecke, Fotos in kleinen Holzrahmen, zwei Kerzenständer, ein nagelneues Service für sechs Personen und viele nach Jahren der Ruhe und des Vergessens aus entleerten Schränken und Truhen wiederaufgetauchte brauch- und unbrauchbare Haushalts- und Küchengeräte wurden unschlüssig hin und her gelegt. Die rechte Seite des Zimmers war mit Sachen für die Kiste gefüllt und links lagen zwei große Reisekoffer, in die das Nötigste für die ersten Wochen nach der Ankunft in Deutschland verstaut werden sollte. Viele Sachen wanderten an diesem trüben Dezembervormittag von links nach rechts und wieder zurück. Oft hantierte die einsame Frau, ohne mit den Gedanken bei den Sachen zu weilen. Die Ungewissheit riss sie immer wieder aus der Gegenwart. Das ganze Inventar für die Kiste muss aufgelistet werden. Alles muss nach Arad gebracht werden, dort vor den Zöllnern ausgepackt und wieder eingepackt werden. Bis dahin muss das Haus übergeben sein. Vorher muss es ausgemessen werden. Man braucht Grundbuchauszüge, muss seine Staatsbürgerschaft abzahlen, benötigt Kopien von Urkunden, Papiere, Papiere. Überall muss man Rumänisch können, überall muss man zahlen, überall muss man geben, überall muss man bitten. Wie soll sie das alles bewältigen? Allein, ganz allein. Zugkarten bis Nürnberg lösen, jemand suchen, der sie bis zum Grenzübergang Curtici bringt. Nein, das ist alles zu viel, für sie nicht lösbar. Und warum ist das überhaupt alles notwendig? Ihre Eltern liegen da auf dem Friedhof. Warum soll sie jetzt in die Welt, wo ihr Platz doch nur hier sein kann, wo sie schon immer gelebt hat. Man ist doch nicht allein, wenn man im Grab seiner Eltern ruht. Das ist alles viel einfacher und ehrlicher. Leni Kupfers Blick irrte durch das Zimmer. An einer Wand hang noch ein Foto ihrer Eltern. Wie konnte sie das nur übersehen? Sie nahm es herunter und wusste nicht wohin damit. Sie fuhr mit den Fingern über das kalte Glas und spürte das Salz einer Träne in ihrem Mundwinkel. Ihr Blick verschleierte sich. Die Gegenwart schien langsam zu entrücken. Eine innere Unruhe, Ungewissheit und Angst trieben die fassungslose Frau in eine Scheinwelt, in der Vergangenheit und Zukunftswahnvorstellungen, die alle mit dem Tod liebäugelten, dominierten. Dann sah sie in einer Ecke die alte aus Holz geschnitzte Madonna. Sie nahm sie hervor und stellte sie vor sich auf den Tisch neben das Foto ihrer Eltern. Die Madonna stand immer auf dem Kasten mit den fünf Schubladen und verlieh ihm so den Anschein eines Altars. Die Mutter hat immer erzählt, dass sie die Madonna von ihrer Großmutter als Brautgeschenk bekommen habe. Vielleicht stammt sie sogar noch aus der Einwanderungszeit. ![]() „Maria hilf mir!“, kam es kaum hörbar über Leni Kupfers Lippen. Vielleicht darf sie ja die kleine Statue mitnehmen. Dann vernahm sie das Mittagläuten. Sie hatte doch versprochen, bei Trummches mittagzuessen und dann dort zu bleiben, bis die um 17 Uhr nach Curtici fahren. Sie soll dann alles absperren und den Schlüssel morgen ins Gemeindehaus tragen. ‚Mein Gott, die wandern ja heute aus. Ist ja doch schnell gegangen’, dachte sich Leni Kupfer, während sie in die Stube ging, das Pelzleibchen aus- und einen Mantel anzog. Draußen lugte die Sonne durch eine zerreißende Wolkendecke. Leni Kupfer ging langsam in Richtung Trummches-Haus. Die Sonnenstrahlen taten gut. Jakob und Hans haben ihr doch oft genug eingetrichtert, wo sie hingehen soll, wenn sie die Verständigung für den Pass bekommt. In einigen Büros haben sie schon für sie vorgesprochen. Wichtig ist bloß, dass sie immer ein Päckchen Kaffee und eine Schachtel Kent mitnimmt. V Als Leni Kupfer bei Trummches die Küche mit der weißblauen Möbel betrat, sah es gar nicht nach Auswanderung aus. Es hatte sich nichts verändert, weil die einziehenden Rumänen die Möbel gekauft hatten. Sogar das Obstbild in dem von Hans selbst angefertigten Rahmen blieb hängen. Maria Trumm hatte die dampfende Suppe bereits auf den Tisch gestellt und nachdem die Tante Platz genommen hatte wartete Hans erst mal mit einer Nachricht für sie auf. „Jakob war zuvor da und hat gesagt, dass er mit dem jungen Hellmer in der Johannigasse gesprochen habe. Der erledigt für dich die Wege nach Bukarest und Arad. Du brauchst dir keine Sorgen machen. Der kennt sich aus und hat viele gute Beziehungen. Jakob war auch im Museum. Du kannst deine Madonna am Montag hinbringen. Es wird kein Problem sein, für ihre Ausfuhr eine Genehmigung zu bekommen.“ Jetzt konnte Leni Kupfer wieder richtig durchatmen. Die Beklommenheit löste sich von ihrer Brust. Sie kannte den jungen Hellmer. Es war ein gutes Gefühl, jemand, der die verschlungenen Wege durch den Behördendschungel kannte, als Ansprechpartner im Dorf zu wissen. Es wird schon werden. Schließlich gehört sie ja nicht zu den Ersten, sondern schon bald zu den Letzten, die diesen Weg ohne Umkehr beschreiten. Diese Erkenntnis ließ sie sogar Marias Bemerkung, dass heute wieder drei Familien die Genehmigungskarte für den Pass bekommen hätten, wohlgelaunt ergänzen: „Na, beim Schlussverkauf geht’s halt immer schneller. Nur hier wird’s nicht billiger, wie das ja angeblich in Deutschland sein soll.“ [Ingolstadt, 1994]
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