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Sterben für Anfänger
prosa [ ]
Eigentlich dachte ich immer, dass Sterben würdevoll ist. Ein letzter Atemhauch, ein letzter ausdrucksvoller Blick, ein letztes, bedeutungsvolles Drücken der Hand – bis sie schließlich erschlafft. Für

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von [Frau A ]

2010-09-04  |     | 



Doch als du gestorben bist, war ich 2000 Kilometer von dir entfernt und schwitzte in der Sauna. Genauer gesagt: beim Peeling im Hammam. Ich hatte noch Witze darüber gemacht, dass du stirbst, während wir in der Sauna sind.
Wie ernst Ironie dann doch manchmal sein kann.

Ich habe gar nicht wirklich überlegt, ob ich zu deiner Beerdigung fahre. Im Rumänischen spricht man von „zum Toten“ gehen, wenn eine Beerdigung stattfindet.
Aber ich wollte nicht zum Toten gehen, sondern zu dir. Aber das wäre ja vergeblich, denn du bist nicht mehr.
Und warum eigentlich auch. Um deine alten Freundinnen zu beruhigen? Um zu zeigen, dass das Enkelkind extra aus dem weiten Deutschland anreist? Was hätte es dir genützt?

Wahrscheinlich habe ich dir mehr genützt, als ich dich zwei Wochen lang jeden Tag mit Joghurt gefüttert, deine faltige Hand gehalten und dir aus der Bibel vorgelesen habe, obwohl du wahrscheinlich nicht mehr wusstest, wer ich bin, wer du eigentlich bist und was du hier zu suchen hast. Ich hätte dir nichts mehr geben können. Gar nichts. Nicht einmal mir hätte ich etwas geben können. Ich hätte die ganze Zeit nur daran denken können, dass es zu spät ist, zu spät für mehr Zeit miteinander verbringen, für weniger Zeit damit zu verbringen, auf dich sauer zu sein oder mich für dich zu schämen. Aber auch ohne bei der Beerdigung gewesen zu sein, muss ich daran denken.

Ich dachte immer, dass Sterben sauber ist, irgendwie steril. Denn in den ganzen Fernsehserien und Filmen dringen nur die Gespräche, die Gefühle durch den Bildschirm, nie der Geruch. Du hast schon bereits Wochen vor deinem Tod nach Verwesung, nach sich zersetzendem Leben gerochen. Immer stärker. Der Krebs unter deiner Haut hat sich schnell verbreitet; dank der Beulen, die er hinterließ, konnte man immer verfolgen, welchen Weg er eingeschlagen hat, wo er abbiegt. Irgendwann hast du angefangen, dich so zu verändern, dass man dich nur noch an deinen Augen erkennen konnte. Aber als du dann ins Koma gefallen bist, ist alle Assoziation mit der Person, die du mal warst, weggefallen.

Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, hattest du schließlich etwas Geschlechtsloses an dir. Weder Mann, Frau, noch mit mir verwandt. Einfach nur Mensch, ein Organismus, der gegen den Krebs in sich kämpft. Du warst nicht bei Bewusstsein, als ich mich von dir verabschiedet habe. Ich weiß nur, dass sie erzählt haben, dass du – als du danach wieder eine kurze, klare Phase hattest- ständig meinen Namen gerufen hast. Wie sich das angehört haben muss?

Du bist nun seit mehr als zwei Wochen tot und ich kann nicht. Nicht weinen, nicht einmal traurig sein. Das Leben ist wirklich weitergegangen. Vielleicht liegt es daran, dass du so weit weg bist. Oder dass ich klasse darin bin, Dinge zu verdrängen. Ich weiß es nicht.
Ich habe aber nun das Gefühl, „erwachsen“ zu sein. Aber es fühlt sich nicht gut an. Es fühlt sich nicht nach Verantwortung übernehmen an. Ganz im Gegenteil: Es hat etwas Zwingendes. Es ist eine andere Art.
Es fühlt sich nach weniger Kind an. Ich fühle mich alt. Dein Tod hat mich altern lassen.

Du hast anscheinend etwas mit dir genommen, was mich definiert hat. Es gehört zwar immer noch zu mir, aber es ist nicht mehr greifbar, sondern nur noch Vergangenheit. Ein Stück Erinnerung, von dem ich anderen erzählen werde und mir kaum vorstellen kann, dass wir zwei das einmal waren. Denn uns zwei gibt es nicht mehr.

Deine Nummer habe ich noch in meinem Telefon gespeichert. Anrufen wirst du sicher nicht mehr, aber löschen kann ich dich auch nicht. Auch wenn du etwas von mir mitgenommen hast, soll mich die Nummer daran erinnern, dass ich mal Kind war. So Kind, wie ich mich nur bei dir fühlen konnte.

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