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Mörder haben Fair Play
presse [ ]

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von [NSD ]

2004-07-26  |     | 



Manchmal ist das Leben so plötzlich, dass man sich selbst aus den Augen verliert. Dann sieht man nur noch die Anderen. Und in den Anderen seine Sehnsüchte.
Es war Weihnachtszeit, als Lövinczi ins Gefängnis kam. Er erinnert sich noch ganz genau. Es roch nach Tannenharz und Haargel. Muskulöse Wächter gingen hin und her mit Christbaumkugeln. Sie gingen mit festem Schritt, so wie die Helden aus amerikanischen Filmen. Ab und zu rasselten sie mit einem Schlüsselbund. Sie hätten sich bestimmt gefreut wenn eine Tür geknarrt hätte. Stattdessen ertönten überall die singenden Lichterketten mit den blinkenden Farben. Jingle Bells, Jingle Bells, jingle all the way… Und dann links – rechts, links - rechts, Lövinczi musste durch allerlei Gänge, wie in dieser absurden Geschichte, Alice im Wunderland.
Alice ist durch ein Kaninchenloch immer tiefer und tiefer in die Erde gefallen und dachte sich während des Falls auf der anderen Seite wieder heraus zu kommen, mit den Füssen nach oben. Seit dem Mord musste er immer an Alice denken. Dabei ist es lange her, dass er den Zeichentrickfilm gesehen hat.
Er war noch klein und wohnte mit seiner Familie in Harghita, einem Bezirk in Rumänien, wo es die ungarische Minderheit immer abgelehnt hat rumänisch zu lernen. Traditionsbewusste Großmütter haben dort das Sagen und blasse Kinder dürfen nur in den Vorhöfen spielen, um sich nicht mit den rumänischen Gören zu vermischen.
In der Küche hatte seine Mutter ein großes Bild mit Kaiser Franz Josef, mit dem sie immer wieder ungarisch sprach. Er war so beeindruckend, dass der kleine Lövinczi beim Essen immer eingeschüchtert war. Er hatte lange Zeit gedacht, im Bild sei der Heilige Nikolaus.
Lövinczi ist ein braves Kind gewesen. Er hat sich nie darüber beklagt, dass er nicht auf der Strasse spielen durfte, wie die rumänischen Kinder. Darum hat ihm sein Vater eine Antenne gebastelt mit der man ungarische Sender empfangen konnte. Zur Zeit der kommunistischen Diktatur lief der Fernseher in Rumänien nur zwei Stunden am Tag. Mit wenigen Zeichentrickfilmen. Und bei den Ungarn, gab es eine ganze Serie mit Alice im Wunderland. Ich werde groß, groß… ah, das kommt vom schrecklichen Sirup!
Lövinczi ist eher klein. 1,65 Meter. Im Gefängnis wurde er in keiner Basketballmannschaft aufgenommen. Dann hat er es mit Fußball probiert, hat sich dabei dreimal die Fußknochen gebrochen und musste jedes Mal einen Gipsverband anlegen. Wegen seiner zarten Gestalt.
Doch in eine Justizanstalt gehören keine Softies. Da sind Schwerverbrecher wie Mörder, Vergewaltiger und Einbrecher. Die trainieren täglich ihre erschreckenden Muskeln und üben sich ganz bestimmt jeden Morgen durchdringende Blicke im Spiegel ein. Erfahrene Blicke. Blicke die jede Frau fertig machen würden. Leider gibt es aber keine Frauen für die Gefangenen. Für die meisten wird es auch nie mehr Frauen geben. Eine große Frustration, die man aber mit Sport abbauen kann.
Man treibt Sport wie besessen. Alle treiben Sport: die Gefangenen die in der Küche arbeiten, die von der Buchbinderei, die ganze Korbflechterei, sogar die Wächter wenn sie Feierabend haben. Fußball, Tennis, Darten, Billard... Man will sogar Sand anschaffen um Beach -Volleyball spielen zu können.
Die Mannschaften bilden sich aus den Arbeitsbetrieben, ab und zu auch aus Nationen. Es gibt 728 Insassen von 47 unterschiedlichen Nationalitäten. Ein Turm zu Babel.
Lövinczi erinnert sich noch an seinen ersten Eindruck damals, zu Weihnachten. Mit Alice im Kaninchenloch… Die Gänge, die er nicht unterscheiden konnte. Links – rechts, links – rechts… Wie in der Geschichte. Und dann plötzlich, als er durch eine Tür ging, wurde er kleiner und kleiner. Die Sicht öffnete sich nach oben über drei Stockwerke, mit vergitterten Gängen, auf denen Hunderte Sohlenschatten stampften. Manche Männer mit Wäschekörben, andere mit Zeitungen, andere mit Blumentöpfe. Hin her, auf ab, in allen Richtungen. Und jeder kannte sich aus.
Die einzige Möglichkeit Anschluss zu bekommen schien der Sport zu sein. Aber Lövinczi hatte nie Sport betrieben. Seine ganze Schulzeit hatte er ein ärztliches Attest von seiner Mutter und musste sich nie am Sportunterricht beteiligen. Der Sport hat ihn dann auch nie weiter beschäftigt.
Vielleicht nur der Motorsport. Die Autos. Mit denen konnte jeder leistungsfähig sein. Großer Meister! war sein beliebtester Jugendspruch. Diese Begeisterung hat ihn dann ins Gefängnis gebracht.
Im kommunistischen Rumänien hat er sich immer ein Auto erträumt. Ein starkes, ausländisches. Als ihm dann die Flucht nach Österreich gelang, kaufte er sich ein rotes Auto mit ausgeliehenem Geld.
Am Lenkrad fühlte er sich endlich frei! Frei von seinem grauen Land. Befreit aus den schattigen Vorhöfen. Frei zu tun was er will. Er öffnete alle Fenster und fuhr so schnell dass ihm die Ohren frohren und er nichts mehr hören konnte. Dann kamen ihm die Tränen wegen dem Wind und er konnte auch nichts mehr sehen.
Er war so aufgeregt, dass er damit gleich einen Unfall hatte. Im Augenblick der Kollision dachte er glücklich zu sterben. Er war 21 Jahre alt. Er erinnert sich noch an den vielen farbigen Lichter. Wie die Lichterketten eines Weihnachtsbaumes.
Es ist wieder Weihnachten. Oder gerade vorbei. Lövinczi ist aber überzeugt dass Weihnachten bevorsteht. Nicht dass man im Gefängnis das Gefühl für Zeit verliert. Aber jeder neue Tag soll zu Weihnachten werden. Im Herzen der Menschen! so der katholische Priester der Anstalt.
Neben Aquarien mit bunten Fischen und impressionistischen Gemälden mit Ballerinas, sitzt Lövinczi neben einem etwas ausgetrockneten Weihnachtsbaum. Es gibt auch eine Lichterkette: Jingle Bells, Jingle Bells, jingle all the way… Es gibt einige Stellen wo sie die Töne verfehlt, eben von der verbrauchten Batterie! Lövinczi erzählt von seinem Chef, den er getötet hat. Das ist 14 Jahre her. Er wollte nur dessen Geld „heimlich ausleihen“, als er dabei ertappt wurde.
Sein Chef war ein strammer Österreicher. Er hatte etwas von dem alten Kaiser Franz Josef aus der Küche. Er wirkte sehr energisch. War ein richtiger Sportler: ging Schi fahren, Tennis spielen, fischen… Ist Fischen ein Sport? Jedenfalls bekam dieser Kaiser Franz Muskeln auch vom Fischen. Wer hätte geglaubt dass er von einem einzigen Schlag sterben wird? Vielleicht hatte er es nicht erwartet dass er vom blutarmen Lövinczi kommt.
Manchmal ist das leben so plötzlich, dass man sich selbst aus den Augen verliert. Und wenn man sich dann wieder findet, erkennt man sich nicht wieder. Nur brüchig, in seinen Klagen.
Er hätte seinen bewusstlosen Chef an den Haaren gezogen und ihm „egoistisches Schwein“ und „Rassist“ zugerufen. Er weiß er hat es getan, kann sich das aber nicht wirklich vorstellen. Denn er hat seinen Chef geliebt.
Am Anfang hat Lövinczi versucht sich vorzumachen, sein Chef sei bei der Kollision des roten Autos schmerzlos gestorben. Kurz darauf aber sind Lövinczis Eltern selbst in einem Autounfall gestorben. Dass heißt – sie waren in einem Pferdekarren und fuhren nachts auf der Autobahn ohne Laterne.
Das, erzählt Lövinczi, hat ihm einen Grund zu leben gegeben. Seine Eltern haben sich für ihn nicht schämen müssen und nun war es an ihm, dass er sich um seine kleinen Geschwister kümmert. Er arbeitet in die Küche der Strafanstalt Stein und schickt regelmäßig Geld nach Rumänien. Zu den Feiertagen schickt er auch Pakete mit Geschenken für alle Familienmitglieder- Großmutter, Tanten, Paten... Auch Paten gehören zur Familie! Das hat ihm seine Großmutter in einem Brief mitgeteilt, als er die Geschenke für die Paten vergessen hatte.
Lövinczi hat seine Großmutter nie gesehen und das, obwohl er immer mit ihr unter einem Dach gewohnt hat. Die Alte hatte ein kleines Zimmer, wo man fast nie die Vorhänge vom Fenster wegzog. Da roch es nach alter gelber Haut und manchmal auch nach Urin. Alles was man von der Alten hören konnte war ihr asthmatisches Atmen und ihr lautes Schnarchen. Doch schien die Großmutter immer noch das Haupt der Familie zu sein. „Das ist so! Das sagt auch Großmutter!“ hat die Mutter immer wieder in den Auseinandersetzungen mit dem Vater gesagt, wonach dieser aufgeben musste. „Sei still und lern, dass deine Großmutter glücklich ist!“ hat wiederum der Vater dem kleinen Lövinczi gesagt.
Bei der Arbeit hat Lövinczi viele Bekanntschaften gemacht unter den Gefangenen. Es war auch leicht, denn sie kommen aus so unterschiedlichen Ländern, dass sich keine gemeinen Cliquen bilden können. Sie sind alle so allein, dass sie keinen ausschließen können. Sie bleiben immer höflich zueinander: Gib mir die… Cuchara… wie sagt man… ah ja, Löffel, bitte! Dann abends, erzählen sie sich über ihre Länder –Spanien, Italien, Serbien, Tschechien, Türkei, Kazahstan, Pakistan, Brasilien, Bolivien... Länder wo sie geboren sind oder Länder in denen sie waren. Sicherlich wird in diesen Erzählungen auch viel gelogen. Wann hatten diese jungen Männer Zeit so weit herumzukommen?
Im Gefängnis wird man sehr gesprächig, denn man findet immer neugierige Zuhörer. Man muss aber aufpassen was man sagt, denn es spricht sich schnell herum, wie in einem Dorf. Lövinczi kann sich noch erinnern, wie ein muskulöser Wächter auf ihn zugekommen ist und ihm konspirativ zugeflüstert hat: „Ist das wahr... noch nie? Oh Mann!“
Ab und zu träumt Lövinczi von seinem Chef. Der kommt dann nicht halb verfault und rachesüchtig wie die Geister in Filmen, sondern sieht dem Kaiser Franz Josef immer ähnlicher. Oder dem Heiligen Nikolaus! Und er ist energisch wie immer: „Eins zwei, eins zwei, komm… ein bisserl Bewegung Kind!“
Im Andenken an Franz Josef hat Lövinczi beschlossen Sport zu treiben. Jeden Tag, außer sonntags, wenn er zur Kirche geht.
Es war erst eine Mühsal, er hatte immer Muskelkater. Er war auch zu klein und immer zu langsam. Er wusste, dass ihn die Insassen nur aus Höflichkeit in ihren Mannschaften akzeptierten. Er konnte kein Fußball und auch kein Basketball. Er bat immer irgendwelche älteren Wächter ihm nach dem Dienst Billard beizubringen. Ab und zu besuchen österreichische Billardlandesmeister die Justizanstalt und spielen vor den Insassen. Es kommen auch die Post SV Salzburg Tischtennismeister. Einmal haben einer von ihnen sogar mit Lövinczi gespielt. Aber mehr aus Mitleid.
In Stein hat es auch einen inhaftierten Sportprofi gegeben. Er hatte früher Fußball bei RSC Anderlecht gespielt. Die Chinesen dachten, er würde aus Brasilien kommen und nannten ihn Pelé. Er spielte für den Arbeitsbetrieb der Tischler und jahrelang haben die alle Meisterschaften und Cups gewonnen. Man musste Pelé umschulen, dass er mal bei den Maurern, mal bei den Korbflechtern spielt, sonst wäre man nie mehr zu einem Supercupspiel gekommen. Alle Betriebe wollten ihn in ihren Mannschaften haben. Die Insassen aus der Küche hoben ihm Schnitzeln und Torten auf, die von der Wäscherei wuschen seine Kleider mit mehr Waschmittel… Bis er eines Tages entlassen wurde.
Aber vorher noch spielte er mit der Küchenmannschaft. Pelé hatte eine besondere Sympathie für Lövinczi, weil er lebenslang sitzen muss. Er hat auch die anderen Gefangenen überredet Lövinczi als Spielführer zu wählen. Vielleicht ist das die Güte des Populären, für den, der kaum je in seinem Leben bemerkt worden ist. Wie damals, zur Weihnachtszeit, als muskulöse Wächter, grandios wie die Heiligen Drei Könige die Christbaumkugeln brachten. „Du darfst auch welche in den Baum hängen!“ hatte einer zu Lövinczi gesagt.
Aber Lövinczi ist glücklich Spielführer zu sein. Er sagt, dass er vor allen Spielen Schmetterlinge im Bauch spürt. Und dann beim Spiel, springt er wie verrückt um den Ball herum und ruft „Haide! Hai! Hai!“ So haben die rumänischen Gören seiner Kindheit auf den Strassen gerufen. Sie haben damals viel Lärm gemacht.
Lövinczi mag den Lärm. Er behauptet, dass ihm bei zu großer Ruhe die Ohren unerträglich summen. Er versucht sich dann selbst vorzusingen, gerät aber oft in Panik und kann sich an kein Lied mehr erinnern.
Zu Weihnachten dieses Jahr haben ihm die Wächter eine singende Puppe geschenkt. Vielleicht ist es eine Anspielung darauf, dass er nie... Mag sein, Lövinczi ärgert sich nicht. Darum mögen ihn auch alle Wächter – weil er sich nie ärgert. Er ist ein braver Häftling. Er hat sich nie darüber beklagt, dass er eingesperrt ist.
Manchmal fragt er um Erlaubnis im Hof zu laufen. Keiner der anderen Insassen mag im Hof laufen, weil es immer nur denselben Kreis gibt. Lövinczi geht aber laufen. Er hat sich in den letzten Monaten auch ein Fahrrad gekauft, aber er kann nicht fahren und er ärgert sich nur. Also geht er laufen. Wenn er läuft, sagt er, fühlt er sich frei. Er kann inzwischen so schnell laufen, dass ihm die Ohren frieren und er nichts mehr hört. Dann sieht er auch nichts mehr, weil ihm die Tränen kommen. Nicht wegen der Erinnerungen, sondern wegen des Windes. Er läuft und lässt alles hinter sich. Muskulöse Wächter die überlegen lächeln, Häftlinge die immer an Depressionen leiden und eine stinkende Großmutter die seit Jahren im Sterben liegt. Und dann Autos, viele ausländische Autos, alle neu, alle rot. Er läuft schneller als alles um ihn und in ihm, bis alles zu Farbflecken wird und zu Lichtern; und es verschwinden alle Grenzen. Dann kann nur noch der gutmütige Kaiser Franz Josef mit ihm Schritt halten.

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