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Theatertheorie ::


Theatertheorie
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durch ioana orleanu [ioana orleanu]

2008-05-30  |     | 



Die Frage war und ist: Was soll auf der Bühne geschehen und warum ? Wie viele Zugeständnisse: an den schlechten Geschmack ! kann sich das Theater erlauben ? Denn es liegt auf der Hand: In einer Gesellschaft, in der das Jahrmarktschreierische im Mittelpunkt steht, muß das Theater, das nur darauf erpicht ist, seiner „Marginalität“ zu entrinnen, selbst jahrmarktschreierisch=quotenträchtig=Massenware werden. Soll es das aber ? Das heißt: Ist es auf diesen Weg nicht schon viel zu weit gegangen ?
Daß man mich gut verstehe: Nicht das Absurd-Groteske eines Textes (s. Eugen Ionesco), nicht das Ultramoderne einer Inszenierung (s. Electronic City, Bochum 2003) verurteile ich (zumal wenn es gut, d.h. wertvoll ist). Sondern: Das Verunstalten. Das Massakrieren. Wenn Hedda Gabler nichts als ein gelangweiltes, wohl im „Beruf nicht verwirklichtes“ Weibchen ist (gerade sie, diese in der bürgerlichen Enge irrende Renaissance-Gestalt !), wenn Arkadina sich halbnackt auf der Bühne räkelt, um sich dann plötzlich, wie selbstverständlich, zwischen die Beine zu fassen, wenn zwischen den Personen untereinander, zwischen ihren Worten und Handlungen, zwischen Inszenierung und Text überhaupt keine Beziehung mehr besteht, wenn bewußt, gewollt ständig gegen den Text gespielt wird, wenn von diesem Text gar nichts
mehr übrig bleibt, weil ja nach Belieben gekürzt, hinzugefügt, geändert wird, wenn schließlich die Bühne der Ort für die Peepshow wird – überlegt sich dann auch nur einer dieser Möchte-gern-Künstler, ob der Autor, sei es Tschechow, Ibsen, Strindberg oder sonst wer, damit einverstanden wäre, was er dazu sagen würde ? Mit welcher Anmaßung sie sich an fremdem Gut vergreifen ! Dabei merken sie, beschränkt wie sie nun mal sind, gar nicht, daß ihr Kunstprodukt wie jedem anderen aus ihrer Szene gleicht, daß auf der Bühne überall das gleiche passiert, daß alle nach dem gleichen Rezept (=nicht spielen, zerstückeln, abhacken) kochen, daß ihre Suppe deshalb überall gleichermaßen schlecht nach Dumm-Vulgärem schmeckt. Das alles mag ihnen egal sein, solange das Renommee groß, der Erfolg gewiß ist. Aber – leider ist die schöne, textverachtende Fleischbeschau schon so normal geworden, daß sie keinen mehr verwundert, leider ist jedermann so darauf erpicht, modern zu sein und mit der Zeit zu gehen, daß allabendlich zumindest eine entblößte Brust über die Bühne flattern muß, damit er nicht als stinklangweilig, altmodischst, im Grunde schon – reaktionär gelte. Über kurz oder lang werden sie, die Möchtegernler, aber unweigerlich ein malheur, ein wirklich unausweichliches, auf sich zurasen sehen: Was tun – wenn’s alle tun ? Wenn nicht nur die weiblichen, sondern auch die männlichen Genitalien, bühnenweit vervielfältigt, keine Provokation mehr darstellen werden ? Woher dann Neueres, Ultimativstes herbeizaubern ? Eine Idee wird hermüssen, eine große, aufreißende, Beben verursachende – die Krönung der Spitzfindigkeit ! Na ? Na ? Was ? Was ??… Na, was denn ??? Ja, ja, das ist es ! Wir haben es!! Ein, ja ein (man verzeihe hier das krude Wort)... Fick ! Ein Fick. In echt und live. Meine Damen und Herren Regisseure – das habt ihr wohl noch nicht gewagt. Aber ich zweifle nicht: Der Mut wird euch noch kommen. Und sich dann wieder bühnenweit vervielfältigen. Was euch irgendwann wieder vor dem gleichen Problem stellen wird: Wie – das überbieten ? Ihr werdet grübeln und grübeln, wieder und wieder – und dann von neuem Eureka rufen. Was – wenn Julia sich wirklich erdolchte ?, Romeo sich wirklich vergiftete, Othello Desdemona, ja, natürlich, erwürge !, Hedda sich tatsächlich erschieße, oh Gott, welch’ Möglichkeiten !, oh Gott, welch’ Höhepunkte – von den Schauspielerscharen ganz zu schweigen, ein riesiger Arbeitsmarkt eröffnete sich hier, ein immenser, ständig nach Frischfleisch rufender Rachen! Und welch’ Gelegenheit für die Schauspieler, endlich, endlich ihrer Kunst alles zu geben !! Eine Rückkehr zum Ursprung wär’ das, ein Widerbeleben jener magischen Zeiten, in denen das Opferritual das Theater vorwegnahm. Ach, lichte, lichte Zukunft ! Wer würde dann noch so lächerlich nach dem Autor und seinem Text zu fragen wagen ?


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