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VOM VATERKONFLIKT ZUR GOTTESNÄHE
essay [ ]
Franz Kafka und der Brief an den Vater

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von [BettinaKatalin ]

2014-10-19  |     | 



VOM VATERKONFLIKT ZUR GOTTESNÄHE
Franz Kafka und der Brief an den Vater


„Liebster Vater,
Du hast mich letzthin gefragt, warum ich behaupte, ich hätte Furcht vor Dir. Ich wußte Dir, wie gewöhnlich, nichts zu antworten, zum Teil eben aus Furcht, die ich vor Dir habe, zum Teil deshalb, weil zur Begründung dieser Furcht zu viele Einzelheiten gehören, als daß ich sie im Reden halbwegs zusammenhalten könnte. Und wenn ich hier versuche, Dir schriftlich zu antworten, so wird es doch nur sehr unvollständig sein, weil auch im Schreiben die Furcht und ihre Folgen mich Dir gegenüber behindern und weil überhaupt die Größe des Stoffs über mein Gedächtnis und meinen Verstand weit hinausgeht.“
Der Brief an den Vater entsteht im November 1919, Franz Kafka ist 36 Jahre alt, er befindet sich auf dem Höhepunkt seiner literarischen Schaffenskraft, ihm bleiben noch fünf Jahre bis zu seinem frühen Tode.
Anlaß des Briefes bietet eine heftige Auseinandersetzung mit den Eltern, genauer genommen mit dem Vater, Hermann Kafka, der sich gegen die Verlobung seines Sohnes Franz mit Julie Wohryzek stellt. „In den Augen des bürgerlichen Aufsteigers Hermann Kafka repräsentiert Julie ein Mädchen der Unterschicht, das sich auf der Suche nach einer halbwegs einträglichen Partie befindet“.(1) Er, der Vater, vertritt die Meinung, dass der Sohn die Reize, die dieses Mädchen ihm biete, auch leicht im Bordell finden könne, und bietet ferner an, den Sohn, sollte sich dieser fürchten, dahin zu begleiten.
Kann auch die herabwürdigende Verhaltensweise des Vaters auf die Heiratspläne des Sohnes als Auslöser für den Brief gesehen werden, stellt sie letztlich nur eine weitere jener Demütigung und Verletzung dar, die die Beziehung des Vaters zum Sohn von Anfang an prägen. Der Brief umfaßt im Original über einhundert handgeschriebene Seiten, der Vater selbst wird den an ihn gerichteten Brief niemals zu sehen bekommen. Doch vielleicht spielt dies letztlich keine Rolle, manchen Brief, so scheint es, schreibt der Mensch eben so sehr an sich selbst wie an den ursprünglichen Adressaten. Auch läßt sich Kafkas literarisches Werk nicht wirklich von den persönlichen Schriften trennen. In seine Tagebücher und Briefe fließt literarische Schöpfungskraft und Zeugungslust mindestens so stark ein wie biographische Bezüge in sein literarisches Werk.
Unvereinbar wirken die im Brief scharfkantigen Gegensätze zwischen der kraftvollen, impulsiven und jähzornigen Natur des Vaters, der sich ohne Bildung, mit eigener Kraft aus einfachen Verhältnissen emporgearbeitet hat und dem empfindsamen Wesen des leicht zu verunsichernden und verängstigenden Sohnes, der, in seine inneren Welten vertieft, dem Vater unzugänglich erscheint.
Im Brief heißt es: „Jedenfalls waren wir so verschieden und in dieser Verschiedenheit einander so gefährlich, daß, wenn man es hätte etwa im voraus ausrechnen wollen, wie ich, das langsam sich entwickelnde Kind, und Du, der fertige Mann, sich zueinander verhalten werden, man hätte annehmen können, daß Du mich einfach niederstampfen wirst, daß nichts von mir übrigbleibt. Das ist nun nicht geschehen, das Leben läßt sich nicht ausrechnen, aber vielleicht ist Ärgeres geschehen.“
Ferner folgt die Beschreibung der väterlichen Erziehungsmittel und deren Wirkung auf das Kind: „Noch nach Jahren litt ich unter der quälenden Vorstellung, daß der riesige Mann, mein Vater, die letzte Instanz, fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht aus dem Bett auf die Pawlatsche [den offenen Hofzugang] tragen konnte und daß ich also ein solches Nichts für ihn war.“
Auch an weiteren Stellen findet sich das Bild eines überlebensgroßen, allmächtigen Vaters, „mit dem der Sohn verstrickt bleibt, ohne Hoffnung, das Kind-Vater-Verhältnis in eine ebenbürtige Begegnung zweier Männer zu verwandeln.“ (2) Kinderangst und Kindheitsqual bleiben auch für den erwachsenen Franz Kafka unbewältigt und gegenwärtig. Die finanzielle Abhängigkeit von den Eltern wie auch subtilere seelische Verstrickungen nähren einander abwechselnd und machen ein Freibrechen aus diesem Bannkreis unmöglich. „Wollte ich vor Dir fliehn“, heißt es im Brief an den Vater, „mußte ich vor der Familie fliehn, selbst vor der Mutter.“
Eine wirkliche Flucht vor dem Vater gibt es nicht, zu allgegenwärtig ist er, beherrscht er doch gleichzeitig die Vergangenheit wie auch die Gegenwart, sowohl Kafkas äußere wie auch seine innere Welt werden von ihm dominiert, selbst in den Träumen sucht er den Sohn heim. Auch Kafkas Schriften sind von übermächtigen Autoritätspersonen und mitleidlosen Befehlshabern, anklagenden Richtern und strafenden Instanzen bevölkert, hinter denen die Umrisse Hermann Kafkas mal mehr, mal weniger deutlich hervorschauen. In dem Brief an den Vater äußert Kafka: „Mein ganzes Schreiben handelte von Dir, ich klagte dort ja nur, was ich an Deiner Brust nicht klagen konnte. Es war ein absichtlich in die Länge gezogener Abschied von Dir.“Aber handelt es sich bei dieser Vatergestalt wirklich noch um Hermann Kafka, den 1852 in einem südböhmischen Dorf geborenen Sohn eines Fleischhauers? Was alles umschließt das Bild des Vaters für einen Menschen wie Kafka, der alles aus der Tiefe seelischer Abgründigkeit betrachtet?
In seinen Zürauer Aphorismen, den Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg, schreibt Kafka: „Das Wort ‚sein‘ bedeutet im Deutschen beides: Dasein und Ihm gehören.“
Spricht der Mensch vom Vater, meint er Gott. Vater und Sohn, Schöpfer und Schöpfung, Gott und Adam, es ist immer dasselbe Ur-Bild, dem auf verschiedenen Ebenen Gestalt verliehen wird. Vergegenwärtigt der Vater die göttliche Übermacht, so verkörpert die Mutter die irdische Welt. Über den Zugang zum Mütterlichen bildet der Mensch seine Wurzeln aus, aber nur durch das väterliche Erbe vermag er auch seine Flügel zu entwickeln. Um ein ganzer Mensch zu sein, braucht es letztlich beides, Wurzeln und Flügel, den weltlichen und den himmlischen, den sterblichen und den unsterblichen Anteil. Im Ideal wird die Seele des jungen Kindes zunächst durch die Mutter an das Weltliche gebunden. Es wird eingebunden in Traditionen und Brauchtum, eingebettet in Muttersprache und überliefertes Volksgut, um die nötige Stabilität zu erlangen, seine Fähigkeiten und das Ich-Bewußtsein zu entfalten. Erst wenn diese nötige Festigkeit sich abzuzeichnen beginnt, wird der junge Mensch, kraft väterlicher Autorität, mit Hilfe eines Übergangsritus aus der kindlichen Abhängigkeit in die selbstverantwortliche Mündigkeit hinübergeführt. Wie der Sproß einer jungen Pflanze wird dieser Mensch, ohne dem ausgebildeten, lebenskräftigen Wurzelwerk zu schaden, aus dem Mutterboden emporgehoben und wieder im Himmelsgrund, dem Ur-Grund der Seele, eingewurzelt. So, wie zuvor das Ich-Bewußtsein genährt und entwickelt wurde, erfährt nun auch das Selbst-Bewußtsein die Führung und Förderung, die es zu seiner Entfaltung benötigt. Dies ist der alchemistische Vorgang des „Lösens und Bindens“, der aus dem, in beiden Welten gleichstark verankerten Menschen, eine stabile Säule zu fertigen vermag, die das Himmelsgewölbe mitträgt.
Mircea Eliade weist darauf hin, „dass zur Initiation eine dreifache Offenbarung gehört: die Offenbarung des Heiligen, des Todes und der Sexualität. Dem Kind sind all diese Erfahrungen unbekannt; der Initiierte kennt sie, nimmt sie auf sich und fügt sie seinem neuen Ich ein. Der Neophyt stirbt seinem kindlichen, profanen, nicht regenerierten Leben ab und wird wiedergeboren zu einer neuen, geheiligten Existenz und damit auch zu einer Seinsweise, welche die Erkenntnis, das Wissen möglich macht.“ (3) Mit der Separation beginnt der Einweihungsritus, der Neophyt trennt sich für eine Zeit von seiner Familie und zieht sich in die Einsamkeit zurück. Es folgen die Mutprobe, das symbolische Sterben, die Initiationswunde und die symbolische Wiederauferstehung. Der Initiationsname deutet auf das neue Schicksal hin. Der Eingeweihte kann nun auch zu seiner Familie zurückkehren. Er ist noch immer mit ihr verbunden, aber nicht mehr an sie gebunden. „Die Initiation“, schreibt Eliade, „führt ihn in das Sakrale ein und verpflichtet ihn [den Geweihten] dadurch, seine Verantwortung als Mensch auf sich zu nehmen.“ (4)
Bleibt nun aber der Übergangsritus aus, der den fremdbestimmten in einen selbstbestimmten Menschen wandelt, verharrt der Mensch zwischen den Entwicklungsstufen. Er ist nicht mehr ganz Kind und noch nicht vollständig erwachsen. Es gibt kein Zurück in das Vorherige, aber auch kein weiteres Vorankommen. Alles Lebendige ist Bewegung, dessen Gegenteil ist Stillstand und Tod. Irgendwann jedoch werden seelischer Druck und Leidenserfahrung so groß, daß der Mensch aus der Erstarrung hervorbricht und aus der Schwellenangst in die erneute Handlung getrieben wird.
Kafka ist ein solch Getriebener. Er, der nächtlich von schlaflosen Träumen und Halbschlafbildern überwältigt wird und dessen Schreiben direkt vom Seelengrund geschöpft zu sein scheint, weiß, wenn auch nur unbewußt, von den Riten und ihren Gesetzmäßigkeiten. Seine mehrmaligen Heiratsversuche weisen auf das verzweifelte Bemühen hin, aus dem unmittelbaren Machtkreis des Vaters auszubrechen. In Das Heilige und das Profane weist Eliade darauf hin, dass die Griechen die Hochzeit telos, Weihe, nannten und das Hochzeitsritual dem der Mysterien glich.(5) Durch die Hochzeit wird aus dem Bräutigam ein zukünftiger Familienvater. Der Sohn wird selbst Vater, darin liegt bereits das Mysterium, denn Vater ist Gott. Das Geschöpf wird Schöpfer und durch den Vollzug der Handlung, dadurch, dass er nun selbst zeugt, wird er in das Geheimnis des Vaters eingeführt, er weiß nun etwas, was er zuvor nicht wußte und eben dieses Wissen bietet ihm einen ungeahnten Zugang zum Vater, zum Reich des Vaters und zum Mysterium der Vaterschaft. Er selbst ist nun Vater und bleibt doch seinem eigenen Vater ein Sohn. Von Angesicht zu Angesicht kann dieser Sohn nun seinem Vater begegnen, und gleichzeitig vermittelt er zwischen dem Vater und der nachkommenden Generation.
Von der Ehe hat Franz Kafka den höchsten Begriff gehabt. Er schreibt darüber in dem Brief an den Vater: „Heiraten, eine Familie gründen, alle Kinder, welche kommen, hinnehmen, in dieser unsicheren Welt erhalten und gar noch ein wenig führen, ist meiner Überzeugung nach das Äußerste, was einem Menschen überhaupt gelingen kann. Daß es scheinbar so vielen leicht geling, ist kein Gegenbeweis, denn erstens gelingt es tatsächlich nicht vielen und zweitens tun es diese Nichtvielen meistens nicht, sondern es geschieht bloß mit ihnen; das ist zwar nicht jenes Äußerste, aber doch noch sehr groß und sehr ehrenvoll (besonders da sich tun und geschehen nicht rein von einander scheiden lassen). Und schließlich handelt es sich auch gar nicht um dieses Äußerste, sondern nur um irgendeine ferne, aber anständige Annäherung; es ist doch nicht notwendig, mitten in die Sonne hineinzufliegen, aber doch bis zu einem reinen Plätzchen auf der Erde hinzukriechen, wo manchmal die Sonne hinscheint und man sich ein wenig wärmen kann.“
Max Brod sieht in dem Prosastück Elf Söhne, „das Wunschbild einer Vaterschaft, einer Familiengründung, die dem Vorbild des Vaters etwas Gleichwertiges, das heißt, ebenso Patriarchalisch-Großartiges, in aller Lebensschlichtheit ans Mythische Grenzendes entgegenhalten kann.“ „Vater sein und ruhig mit seinem Sohn reden“, (6) so schlicht formuliert Kafka einmal dieses Ideal. Max Brod spricht von einer „besonderen Art der Religion Kafkas, die eine Religion des erfüllten Lebens, der sinnvoll das Leben erfüllenden, guten Arbeit, der Einordnung in ein richtiges Leben der Volks- und Menschengemeinschaft war.“ (7) Dieses Religiöse steht von Anfang an hinter allem literarischen Wirken Kafkas. „Alleinsein bringt nur Strafe“ — dieser Satz aus dem Tagebuch ist ein Leitmotiv, das bei Kafka immer wiederkehrt. „Einsamkeit brauchte er jedoch um seiner dichterischen Arbeit willen und einen hohen Grad von Versunkenheit in sich selbst, der manchmal schon durch ein Gespräch gestört wird. Zwei entgegenstrebende Tendenzen in ihm bekämpfen einander unaufhörlich: die Einsamkeitssehnsucht und der Wille zur Gemeinschaft.“ (8) Er bleibt Junggeselle, der ewige Sohn im Reich des überhöhten Vaters. „Sich selbst beschreibt er [innerhalb des Briefes] mit Merkmalen, die im Gegensatz stehen zu den Merkmalen, die er dem Vater zuschreibt. Der Vater: ein ungemein vitaler, lebenskräftiger, starker und selbstbewußter Mann. Der Sohn: ein schwacher, lebensuntauglicher, kränklicher Mensch, ohne Selbstvertrauen, gequält von permanenten Schuldgefühlen und Ängsten.“ (9) Der Vater wächst zum Riesen empor, der Sohn verliert sich im Zwergenhaften. Allmächtig, jähzornig, unberechenbar, in seiner Wut scheinbar willkürlich und ungerecht, strafend und verstoßend, selbstgerecht und mitleidlos, harter Herrscher und strafender Richter, das ist die Beschreibung des Kafkaschen Vater- und Autoritätsbildes, und es sind Attribute des alttestamentlichen Gottes. Jahve ist ein tätiger Gott, immerzu ist er mit einer Handlung verknüpft. Er erschafft, straft, belehrt. Sein Wirken ist nach außen gerichtet, wodurch er mit den Menschen in Verbindung steht. Dieser Gott ist weder gütig noch behütend, dieser Gott ist ein mächtiger Gott. In der Gottesfurcht beginnt die Begegnung des Menschen mit Gott. Der Mensch wird sich der Gottesmacht und der eigenen menschlichen Ohnmacht bewußt. Rudolf Otto schreibt in Das Heilige: „Wenn Luther sagt, daß der natürliche Mensch Gott nicht fürchten könne, so ist das nicht nur, auch psychologisch angesehen, völlig richtig, sondern es ist noch hinzuzusetzen, daß der natürliche Mensch sich nicht einmal im eigentlichen Sinne des Wortes grauen kann. Denn Grauen ist nicht natürliche, gewöhnliche Furcht, sondern selber schon ein erstes Sich-Erregen und Wittern des Mysteriösen, wenn auch in noch so roher Form“. (4. Aufl. 1920, S. 17)
„Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis“, (10) heißt es in den Sprüchen Salomos. Ein Märtyrer ist ein Mensch, der seine Gottesfurcht über die Menschenfurcht stellte und dafür sein Leben hingab. Gottesfurcht und Gotteszorn sind miteinander verwoben. Und auch der Zorn Gottes, geht man zur Wurzel des Wortes zurück, bezeichnet mehr eine Leidenschaft, eine starke innerer Begierde, eine heftige Regung, die entbrennt, um sodann voran- und hinauszustürmen.
Wie wird aus dem mächtigen und zornentbrannten Gott des Alten Testamentes der liebende und verzeihende Gott des Neuen Testaments?
Durch den Sohn. Gott ist das Allumfassende und somit das Unveränderliche. Aber in dem Maße, wie der Mensch durch den Sohn Zugang zu Gott findet, vervollständigt sich auch sein Gottesbewußtsein. „Jeder Mensch muß in irgendeinem Teil über sich selbst hinausragen, um werden zu können“, sagt Hugo Kükelhaus. „Wenn es heißt: ‚Erkenne dich selbst‘, so ist das nur möglich, wenn wir auf uns selber schauen aus einer Höhe, in die wir noch erst hinein wachsen werden.“ (Urzahl und Gebärde, 1934)
Auf dem Berge Horeb erscheint Gott dem Mose im brennenden Dornenbusch und teilt ihm seinen Namen mit: „Ich bin, der Ich sein werde.“ Der Seiende ist der sich offenbarende Gott. In dem Maße, in dem der Mensch in die Tiefe seines eigensten, innersten Mittelpunktes, zum Gottespunkt, zurückfindet, offenbart sich ihm Gott. Diese, verborgen im Innersten des Menschen, langsam heranreifende, sich entwickelnde Erkenntnis, ist das goldene Kind, der in der Dunkelheit empfangene und an Strahlkraft zunehmende, Gottesfunke.
„Vater sein und ruhig mit seinem Sohn reden“, heißt es bei Kafka. Norman Mailer wies darauf hin, dass der Schöpfer immer will, daß seine Schöpfung besser wird als er selbst. Dieses Besser ist nun aber ein zweischneidiges Schwert, denn es bedeutet im besten Fall, mit ganzem Herzen das Opfer zu vollbringen, das nötig ist, um die eigene Schöpfung sich vollends entfalten und somit bewußter werden zu lassen, kann aber auch bedeuten, den eigenen Mangel, das Unerfüllte, Nichtgelebte den eigenen Nachkommen als Erbe zu vermachen.
„Aber nicht jedes Kind hat die Ausdauer und Unerschrockenheit, so lange zu suchen, bis es zu der Güte kommt“, schreibt Kafka an den Vater, und weiter heißt es in dem Brief: „Du kannst ein Kind nur so behandeln, wie Du eben selbst geschaffen bist, mit Kraft, Lärm, Jähzorn, und in diesem Falle schien Dir das auch noch überdies deshalb sehr gut geeignet, weil Du einen kräftigen mutigen Jungen aus mir aufziehen wolltest.“ „Ich hätte ein wenig Aufmunterung, ein wenig Freundlichkeit, ein wenig Offenhalten meines Wegs gebraucht, statt dessen verstelltest Du mir ihn, in der guten Absicht freilich, daß ich einen anderen Weg gehen sollte. Aber dazu taugte ich nicht.“
Das sogenannte Beste, das wir für den anderen wollen, richtet meist den größten Schaden an, denn wir stülpen den eigenen Willen über eines anderen Menschen Leben und verdecken somit, was aus ihm sich hervorzuentwickeln sehnt. Doch gibt es eine Verantwortung der Liebenden füreinander. In der Liebe verbündet der Liebende sich mit Gott, um im Geliebten das Selbst zum Wachsen zu bringen, so daß er werde, was er ist.

Kafkas Vater weiß zu wenig, um an sich zu zweifeln. Aus dieser Unwissenheit bezieht er den größten Teil seiner Stärke und hatte unbeschränktes Vertrauen zu seiner Meinung. „Deine Meinung war richtig“, liest man im Brief, „jede andere war verrückt, überspannt, meschugge, nicht normal. Dabei war Dein Selbstvertrauen so groß, daß Du gar nicht konsequent sein mußtest und doch nicht aufhörtest recht zu haben.“ „Du bekamst für mich das Rätselhafte, das alle Tyrannen haben, deren Recht auf ihrer Person, nicht auf dem Denken begründet ist.“
Kafka wiederum nahm die Dinge so detailliert, mit einer solchen Schärfe und Genauigkeit wahr, dass die über ihn hereinbrechenden Wahrnehmungen, ihn in seiner Tatkraft geradezu lähmten.

Auch in der Erzählung Das Urteil behandelt Kafka den Konflikt zwischen Vater und Sohn. Schließlich macht der Vater dem Sohn schwere Vorwürfe und beendet die Auseinandersetzung mit den Worten: „Ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens! Daraufhin läuft der Sohn aus dem Haus, zum Fluß, und stürzt sich vom Brückengeländer.“
Der auf dem Papier vollzogene Tod scheint eine Katharsis bewirkt zu haben.
Kafka hat Das Urteil in nur einer einzigen Nacht geschrieben. „Die Geschichte“, bemerkte er selbst, „ist wie eine regelrechte Geburt mit Schmutz und Schleim bedeckt aus mir herausgekommen.“ Die Erzählung endet mit dem Satz: „In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr“, und seinem Freund Max Brod gegenüber erwähnte Kafka, dabei an eine starke Ejakulation gedacht zu haben.

Das Schreiben bietet keine Fluchtmöglichkeit vor dem Vater, doch die im Schatten von Angst und Selbsthaß ausgebildete Fähigkeit wird zum Medium der Macht und erlaubt den späten Sieg des Unterlegenen, des Sohnes über den Vater.(11) Wie David über Goliat siegt letztlich auch Kafka über seinen Vater. Der Brief an den Vater ist bereits Sieg über ihn, mußte doch dieser Brief nur vom Sohn geschrieben, nicht aber vom Vater gelesen werden.
Das Schreiben ist Kafkas Ebene der eigenen Elternschaft, im Wort liegt seine Zeugungskraft. Max Brod bemerkt: „Geschichten waren ja seine Kinder, im Schreiben leistete er auf entlegenem Gebiet, aber selbständig etwas, was der Schöpferkraft des Vaters analog war und ihr an die Seite gestellt werden konnte.“

„Niemand ist hier, der Verständnis für mich im Ganzen hat. Einen haben, der dieses Verständnis hat, etwa eine Frau, das hieße Halt auf allen Seiten haben, Gott haben“ — so schrieb Kafka 1915 in sein Tagebuch. Es scheint, daß ihm in seiner letzten Lebenszeit dieses Glück zuteil geworden ist, daß der Ausgang seines Schicksals positiver, lebensvoller war als die ganze Entwicklung bis dahin. Im Sommer 1923 lernt er die damals neunzehnjährige Dora Dymant kennen. Sie stammt aus einer angesehenen ostjüdischen chassidischen Familie. Von dieser Sommerfrische, berichtet der Freund Max, kam Franz hohen Mutes zurück. Sein Entschluß, nunmehr alle Bindungen zu zerreißen, nach Berlin zu ziehen, mit Dora zu leben, stand fest — und er führte ihn diesmal auch durch, unerschütterlich. Aus Berlin schrieb er mir zum erstenmal, daß er sich glücklich fühle, daß er sogar (unerhörtes Novum in diesen letzten Jahren) gut schlafe. Sooft ich nach Berlin kam, habe ich ihn besucht, im ganzen wohl dreimal. Ich fand ein Idyll, endlich sah ich meinen Freund in guter Stimmung, sein körperliches Befinden hatte sich allerdings verschlechtert. Doch zunächst nicht eben gefahrdrohend. Franz sprach von den Dämonen, die ihn endlich freigelassen hätten. Ich bin ihnen entwischt, jetzt suchen sie mich, finden mich aber nicht, wenigstens vorläufig nicht. Das Ideal des selbständigen Lebens, des eigenen Heims hatte er endlich erreicht, er war nicht mehr Familiensohn, sondern gewissermaßen selbst pater familias. Es zeigte sich, […] daß er ein sinnvoll erfülltes gutes richtiges Leben wollte, daß er etwa auf der Linie Martin Bubers stand, der in Abwehr Kierkegaards, des prinzipiell Einsamen, über das Zusammenleben mit der Frau sagt: ‚Die Ehe ist die exemplarische Bindung, sie trägt uns wie keine andere in die große Gebundenheit, und nur als Gebundene können wir in die Freiheit der Kinder Gottes gelangen … Ja, das Weib steht im gefährlichen Rapport zur Endlichkeit, und ja, die Endlichkeit ist die Gefahr, denn nichts bedroht uns so sehr, wie an ihr haften zu bleiben; aber an eben diese Gefahr ist unsere Heilshoffnung geschmiedet, denn nur über die erfüllte Endlichkeit führt unsere menschliche Bahn zum Unendlichen.‘“ (12)

Bettina Katalin


ANMERKUNGEN

(1) Peter-André Alt, Frank Kafka. Der ewige Sohn, München, C. H. Beck, 2005, S. 531.
(2) Franz Kafka, Brief an den Vater. Mit einem Nachwort von Wilhelm Emrich, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag, 1975, S. 76.
(3) Mircea Eliade, Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen, Hamburg, Rowohlt, 1957, S. 110–111.
(4) M. Eliade, Das Heilige und das Profane, S. 113.
(5) M. Eliade, Das Heilige und das Profane, S. 108.
(6) Max Brod, Über Franz Kafka, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag, 1974, S. 122.
(7) Max Brod, Über Franz Kafka, S. 86–87.
(8) Max Brod, Über Franz Kafka, S. 87.
(9) Thomas Anz, Franz Kafka. Leben und Werk, München, C. H. Beck, 2009, S. 25.
(10) Sprüche 1, 7, Luther 1984.
(11) Peter-André Alt, Frank Kafka. Der ewige Sohn, S. 566.
(12) Max Brod, Über Franz Kafka, S. 172–173.

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