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„Faust II“ von Johann Wolfgang von Goethe
artikel [ Kultur ]
Eine Inszenierung von Peter Rein am Theater Ingolstadt

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von [Delagiarmata ]

2005-12-29  |     | 



In der Werkstattbühne waren noch einige Plätze frei. Kein Wunder, es war der 17. Oktober 2005 und das Stück hatte schon am 27. April 2005 (also noch in der vorigen Spielzeit) Premiere.

Faust II, das war zum einen ein Abstieg aus dem großen Saal, wo Faust I noch reüssieren durfte, in die Werkstatt der Katakomben des Ingolstädter Theaters und zum anderen Kunsthandwerk, voll und ganz dem modernen, in jeder Szene nach Deutung lechzenden, zeitgenössischen Theater verpflichtet.

Man sollte die Sache sowieso mit etwas Nachsicht betrachten; schließlich war Goethe ein alter Mann, als er diesen Wirrwarr von Geist, Gefühl, Lust, ja fast sciencefictionartigen Zeitreisen zu Papier brachte. Das Knäuel zu entwirren und in einen fließenden Handlungsstrang zu flechten, könnte eine schöne Aufgabe für einen Regisseur sein. Peter Rein hat in seiner Ingolstädter Inszenierung die Enden der verschiedenen Fäden aber nur noch stärker angezogen, so dass das Knäuel fester und für so manchen Zuschauer schlicht und einfach zum Gordischen Knoten wurde.

Nichts für ungut; darum befanden wir uns ja in einer Künstlerwerkstatt und erlebten unmittelbar, wie die Schauspieler unter der unsichtbaren Regiehand experimentierten. Vier Männer und eine Frau bewältigten hier den schier unzähmbaren, immer wieder zum Chaos tendierenden Goethe –Stoff. Sie gaben ihr Bestes, sei schon mal vorweggenommen, also lagen die Vermittlungsschwierigkeiten im Konzept und nie und nimmer bei den Darstellern.

Wenn fünf Schauspieler rund 140 menschliche und allegorische Gestalten darstellen sollen, und alles ohne Garderobenwechsel, dann ähnelt das schon eher einer Zumutung als einer künstlerischen Herausforderung, wenngleich das Gros der meist wirklich überflüssigen Figuren sowieso der Machbarkeit zum Opfer fallen musste. Sie haben’s auf sich genommen und auch an diesem Abend bravourös hinter sich gebracht: Matthias Winde (Faust), Sascha Römisch (Mephisto), Chris Nonnast (Helena, Minister, Baucis, Sorge u.a), Rolf Germeroth (Kaiser, Chiron, Lynceus, Wagner, Philemon u.a) und Gunter Heun (Kanzler, Baccalaureus, Euphorion, Wanderer u.a.).

Zumindest weiß der Zuschauer immer in welchem Akt und auch in welcher Handlungsörtlichkeit er sich befindet. Das heißt aber nicht, dass er einen klassischen Vorhang-auf-und-ab-Vorgang mit entsprechendem Bühnenbildwechsel geboten bekommt. Er muss sich schon ein bisschen anstrengen und sich das alles vorstellen. Eine Lichtaufschrift auf der weiß gekachelten, fensterlosen Hinterwand und den zwei sich abwechselnd oder auch zusammen durch die Raummitte schiebenden Zwischenwänden klärten auf: Erster Akt, Anmutige Gegend, Kaiserliche Pfalz; Zweiter Akt, Walpurgisnacht u.s.w.

Wir treffen Faust in dieser anmutigen Gegend, noch gezeichnet vom Verlust Gretchens (Faust I), aber schon erkennbar auf dem Weg der Besserung. Mephistopheles ist ihm nach Leibeskräften behilflich dabei. Wieder bei Kräften, landen die Beiden beim Kaiser und Mephisto befriedigt dessen Gier mit herbeigezauberten Schätzen. Der lechzt aber auch nach Lust und will plötzlich die griechische Sagenfrau Helena besitzen. Die taucht auch wirklich mit ihrem Paris auf und Faust verliebt sich sofort. Doch, als er Helena berührt, löst die sich mit einem Knall in Nichts auf. Faust wird ohnmächtig.

Mephisto bringt ihn in die alte Studierstube (Faust I) zurück. Dort ist Wagner, ein ehemaliger Schüler Fausts, gerade beim Menschenbasteln. (Der in Ingolstadt bestens bekannte Frankenstein mag da in so manchem Zuschauerkopf herumgespuckt haben.) Und weil die Geister schon mal ihr Unwesen trieben, gelingt es dem in eine hässliche Phorkyade (schönwangige aber weißhaarige Kreisin) verwandelte Mephisto, Helena wieder aus der Unterwelt ans Tageslicht zu bringen.

Siehe da, die Kopulation Mensch & Sagenwesen gelingt. Der Sohn Fausts und Helenas heißt Euphorion. Die Euphorie hält aber nicht lange an, denn des Jünglings Höhenflug nach eigenen Grenzüberschreitungen endet je im tödlichen Absturz und Helena folgt ihm in den Hades. Ihre Kleider aber bleiben liegen, verwandeln sich in eine Wolke, auf der auch Faust entschwindet.

Einen Akt später und nachdem die Zuschauer sich in dem unterkühlten Foyer für noch bevorstehende Überraschungen stärken konnten, bringt die Wolke Faust zurück. Der wirkt plötzlich ganz zeitmäßig und bricht schon fast heuschreckenartig zur Landgewinnung auf. Noch schlimmer, Faust wird sogar Kriegsprofiteuer. Durch Mephistos Teufelskunststücke gewinnt der Kaiser einen Krieg und Faust bekommt das Lehnrecht eines Küstenstreifens.

Goethes Held steht auf der Höhe seiner Macht, als er erblindet. Mephisto wird eines solchen Weggefährten schnell überdrüssig und lässt ihm ein Grab schaufeln. Faust deutet die Aushebungsarbeiten als die Fortsetzung eines von ihm favorisierten, aber von den Grundstückseigentümern Philemon und Baucis bekämpften Projekts eines Dammbaus. (Auch dazu gibt es aktuelle Parallelen im Raum Ingolstadt.)

Entzückt über seinen vermeintlich wirtschaftlichen Erfolg, den die zwei Widersacher sogar mit dem Leben bezahlen mussten, ruft er aus: „Zum Augenblicke dürft ich sagen: / Verweile doch, du bist so schön! / Es kann die Spur von meinen Erdetagen / Nicht in Äonen untergehn. - / Im Vorgefühl von solchem hohen Glück / Genieß ich jetzt den höchsten Augenblick.“

Erinnern wir uns . In der Tragödie erster Teil sagt Faust zu Mephisto: „Und Schlag auf Schlag! / Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn! / Dann mag die Totenglocke schallen, / Dann bist du deines Dienstes frei, / Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen, / Es sei die Zeit für mich vorbei!“

So ist nun des Schicksals Werk vollbracht. „Faust sinkt zurück, die Lemuren fassen ihn auf und legen ihn auf den Boden.“ (Text aus der Weimarer Sophienausgabe von Goethes Werken, Weimar 1887 – Lizenzausgabe für Gondrum Verlag 1995) Die Ingolstädter Inszenierung des Faust II war zu Ende und in der Werkstattbühne waren noch einige Zuschauerplätze besetzt. Ob diese Standhaften auch den Mephistoausspruch „... wir werden’s nicht vergessen“ beherzigt haben, darf ruhig bezweifelt werden.

Das Stück wurde am 6. November 2005 „zum vorerst letzten Mal“ (Programmtext) aufgeführt.

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