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artikel [ Internet ]
Kolumne 095

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von [Delagiarmata ]

2015-11-06  |     | 



Die einzige Beständigkeit des Internets sei seine Unbeständigkeit, habe ich mal gelesen. Ja, Ihre Ahnung trügt Sie nicht: Da äußert sich ein Leidgeprüfter.

Vor 12 Jahren stieß ich zufällig beim Googeln –- damals war der Begriff allerdings noch nicht aus der Taufe gehoben –- auf die rumänische Homepage poezie.ro. Der Segen des Vertippens lenkte die Geschicke, könnte man hochtrabend auch sagen. Ich wollte natürlich etwas über den Begriff Poesie in der Unendlichkeit des Netzes finden. Und siehe da: Es öffnete sich eine rumänische Site, von einem Bukarester Ingenieur namens Radu Herinean geschaffen und verwaltet. Der Reiz lag weder in der Maske noch in den mehr oder weniger geistreichen Texten –- meist Gedichte -, die man da lesen konnte. Regelrecht verführerisch für einen nach literarischem Ruhm lechzenden Leser war das Angebot und die gegebene technische Möglichkeit, selbst eigene „Werke“ zu veröffentlichen, und das nach dem Erreichen eines gewissen „Niveaus“ (Punktezahl) sogar weitgehend unabhängig von sogenannten Editorenbeurteilungen.

Da fand ich doch tatsächlich rumänische Gedichte in einem alten Ordner im Keller. Tja, man soll gar nicht meinen, was man so alles im Auswanderergepäck verstaut hatte. Und siehe da, die werten Editoren der rumänischen Homepage fanden meine Gedichte gut genug für eine „Kultursite“. Vielleicht waren sie auch nur angetan, dass sich da ein „neamþ“ zu Wort meldete, der sich als obligatorisches Einschreibemotto den Satz „"Nu vreau sã uit!"“ ausgesucht hatte. Das darf aber ruhig unter der Rubrik „"Unbedeutend“" verbucht werden. Das war eine spannende Geschichte –- ist es zum Teil noch –- und machte Lust auf mehr.

Schreibzimmer hieß mein nächster virtueller „literarischer Werksraum“. Kann das überhaupt jemand nachempfinden, was es für einen Schichtarbeiter hieß, plötzlich in einem Schreibzimmer aktiv zu sein? Und das noch literarisch! Das viel ersehnte Schriftstellerdasein war endlich da.

Wenn zur Vervollkommnung literarischen Glücks noch etwas fehlte, konnte es also nur ein zugkräftiges Pseudonym sein. Berns Toni. Das waren schon mein seliger Urgroßvater, danach sein Sohn und auch sein Enkel. Also musste er in mir, seinem Urenkel, weiterleben. Und mit ihm seine Sprache, sein Dialekt. Die Folge konnte nur eine sein: Im Schreibzimmer wird nur im „Johrmarker Dialekt“ veröffentlicht. Material? Doch. Auch davon gab'’s etwas auf vergilbten Blättern im alten Ordner.

Kreativ auf zwei Homepages. Was will man mehr? Ich war im IT-Zeitalter angelangt, und das obwohl Generationen von Handys, von meiner ignoranten Wenigkeit unbeachtet, bereits ihren Geist aufgegeben hatten. Und trotzdem ... da fehlte noch was, etwas Verbindendes zwischen Deutschland und Rumänien. Österreich! Zumindest was den geschichtlichen Werdegang meines Volksstammes anbelangt, konnte es nur Österreich sein. Für einen Träumer, der noch nie Mühe hatte, Österreich als legitimen Erben (oder Überbleibsel) der Habsburger Monarchie wahrzunehmen, war das nicht nur Intuition, sondern auch Logik. Lyrik Schwarz Weiß hieß der dritte Literaturwebblog –- wohlgemerkt, es geht immer nur um Amateure -, in die ich meine Geistessauswürfe stellte.

Plötzlich steht man in den Fußstapfen oder zumindest in der Tradition Lenaus. Schlicht und einfach ergreifend! Und ein Pseudonym musste her! Kein Problem. Mark Jahr – ist schon mal einen Printmedientot gestorben. Also war Wiederauferstehung angesagt. Gedichte in Hochdeutsch waren genug im alten Ordner.

Höre und staune, werter Leser: Dieser kometenhafte Aufstieg ins Himmelreich der virtuellen Literatur sollte noch eine Krönung erfahren. Die Rumänen zeigten sich lange vor ihrem EU-Beitritt international und richteten auf ihrer Homepage poezie-Ableger in Deutsch, Englisch, Russisch, Spanisch und Italienisch ein. (Später sind Portugiesisch, Japanisch und Armenisch dazugekommen.) Auf der deutschen Site durfte ich sogar den Redakteur machen. (Wenn ich mich gut erinnere, waren am Anfang mehrere Schreiber oder Schreiberinnen redaktionell tätig, irgendwann blieb ich aber allein.) So wurde ich direkt von der Zerspanungsanlage in der Zylinderkurbelgehäusefertigung und den Niederungen des produzierenden Gewerbes in die Geisteswelt der Lektoren und Kolumnisten katapultiert ... in meiner Freizeit, natürlich. (Was sich alles so Schreckliches im Innern meiner damals gefertigten Werkstücke abspielte, erfuhr ich erst jetzt ... nach dem VW-Skandal.)

Literra sollte diese Reihe von Onlineliteraturportalen, auf denen ich Texte, selbst verfasste oder Übersetzungen, einstellte, ergänzen. Der Temeswarer Journalist und Schriftsteller Duºan Baiski hatte sie eingerichtet. Er unterhält heute noch den viel gelesenen Informationswebblog Banaterra.

Dass meine mit einer gesunden Bodenhaftung ausgestattete angetraute bessere Hälfte mich so manche Stunde lieber mit einem Werkzeug in der Hand in Haus und Hof gesehen hätte –- schließlich spielt man sich ja manchmal als kleinbürgerliches Familienoberhaupt auf -, steht allerdings auf einem Extrablatt. Also, das Ganze ist auch mit Opfern – meinerseits, wie Sie sich das leicht vorstellen werden, –verbunden. Man muss das Angehörte ja auch irgendwie seelisch verkraften.

Aber Ende gut, alles gut. Kometen haben die angenehme Gewohnheit, aufzutauchen, vorbeizurauschen und ganz schnell wieder zu verschwinden. Kometenhaft haben sich zur Genugtuung meiner besseren Hälfte auch fast alle meine Homepages verhalten. Nur ihre Schweife sind in Form von ausgedruckten Internetseiten noch in einigen anderen Ordnern sichtbar, denen natürlich das gleiche Schicksal bevorsteht, wie meinen alten, verstaubten Ordnern aus meiner Banater Zeit: die Papiertonne.

Sie sind tot, haben das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts nicht überlebt: Schreibzimmer, Lyrik Schwarz Weiß, Literra. Nur poezie.ro lebt. Sie ist alt, müde und der Bosheit des Webs kaum noch gewachsen. Seit Monaten wird diese einst so zuversichtlich gestartete Website von zerstörungswütigen Elementen, die sich unter den abenteuerlichsten Namen registrieren, belästigt. Die Redakteure haben es längst aufgegeben, diese Einträge zu löschen. Sie sind der Agonie der Störfeuer nicht gewachsen. Es klingt nach Ironie des Schicksals, wenn die vor einigen Jahren von poezie.ro in agonia.net umgetaufte Literaturplattform jetzt unter agoniehafter Störungswut zu leiden hat.

Und die deutsche Site? Sie lebt, sie lebt wirklich. Auch Vor-sich-hin-Dümpeln ist Leben. Immerhin hat sie noch einen Redakteur, der sich selbst nicht so ernst nimmt, um die Flinte ins Korn zu werfen, und zwei oder drei Autoren, die ihr Passwort anscheinend noch nicht vergessen haben. Vor allem ihnen gilt an diesem Geburtstag mein Gruß, aber auch allen Lesern, die sich hierher verirren und vielleicht sogar ein paar Sätze oder Verse lesen.

Und der Todeskampf? Die durch den Namenswechsel mehr oder weniger bewusst heraufbeschworene Agonie? Der/die ist unergründbares Schicksal. Fakt ist, die deutsche Site von poezie.ro/agonia.net (mit der Adresse www.deutsch.agonia.net) wird heute 12 Jahre alt. Für die Schnell- & Kurzlebigkeit des Internets ist das ein stattliches Alter. Ad multos annos!

Ingolstadt, 6. November 2015
Anton Potche alias Anton Delagiarmata alias Berns Toni alias Mark Jahr

Foto: Anton Delagiarmata


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